Wasserstoff war für die Luftschifffahrt unerlässlich – die Produktion jedoch hoch gefährlich

Wie Ahlhorn einer Katastrophe entkam

Die Wasserstoffexplosion 1918 in Ahlhorn verwandelte Luftschiffe und vier Hallen in ein Trümmerfeld.
+
Ein durch die Explosion völlig zerstörter Luftschiffhangar.

Ahlhorn – Die Ahlhorner Straßennamen „Zeppelinstraße“, „Dr.-Eckener-Straße“, „Kapitän-Strasser-Straße“, „Am Gaswerk“ oder „Kasinowald“, erinnern an die Zeit während des Ersten Weltkrieges, als in dem Ort ein Luftschiffhafen aus dem Heideboden gestampft wurde. Dieses Unternehmen hat sicherlich große Unruhe in das Dorf gebracht, denn Tausende von Menschen waren nötig, um sechs Hallen zu errichten, das Gas- und Wasserwerk anzulegen und Unterkünfte für die Mannschaften zu schaffen.

Bei dem Gas handelte es sich um Wasserstoff, dass für die Luftschiffe benötigt wurde. Doch hat das chemische Element nicht nur die Eigenschaft, leichter als Luft zu sein. Zusammen mit Sauerstoff reagiert es bei schon geringer Energiezufuhr äußerst heftig: Das Gemisch explodiert mit großer Wucht. Die Einwohner Ahlhorns befanden sich durch den Bau des Werkes also latent in Gefahr. Wie dramatisch die Folgen einer solchen Detonation sein konnten, sollte der Ort wenig später erfahren.

Im Jahre 1916 wurden zunächst vier der riesigen Hallen gebaut. Sie hatten je eine Länge von 240 Meter, waren 60 Meter breit und 35 Meter hoch. Die Bauarbeiten setzten Rheinische und Berliner Firmen um. Gleichzeitig mit dem Bau der Hallen entstanden an der Nordseite des Platzes ein Heiz- und Kraftwerk, ein Gaswerk mit Hochdruck- und Niederdruckgasbehälter, weiter ein Kompressor mit Füll- und Zapfanlagen. Hinzu kam noch ein Wasserwerk und eine Kläranlage. Im nordwestlichen Teil befanden sich Offizierskasino, Bauleitung, Gefangenenlager sowie ein Lokomotivschuppen. Westlich befanden sich Werkstätten, Magazine, Benzin- und Munitionslager und weiter südöstlich eine Unterkunftsanlage, Betriebsgebäude und die Nachrichtenübermittlung. Hinzu kamen kilometerlange, über dem etwa 400 Hektar großen Areal, verlegte Strom, Telegrafie-, Gas-, und Wasserleitungen.

Eine beträchtliche Größe hatte das Kraft- und Heizkraftwerk. Über den Verwendungszweck des in den Kesseln erzeugten Dampfes schrieb Baurat Beck, dass er dem Antrieb der Dampfturbinen und der damit gekoppelten elektrischen Generatoren im Kraftwerk, der Bereitung des Wasserstoffs, dem Antrieb der Wasserstoffverdichter und der Heizung der Fabrik im Winter diene.

Zu den Funktionen der Generatoren führt er weiter aus, dass sie den elektrischen Strom für die Beleuchtung der Fabrik und des ganzen Luftschiffhafens, für den Antrieb der Rauchgasgebläse, für den Antrieb der Luftgebläse zum Heißblasen von Koks und Erz (bei der Gasbereitung) und für den Antrieb der Brunnen-, Feuerlösch-, und sonstigen Pumpen und Arbeitsmaschinen lieferten. Weiterhin gab es eine Reihe von ofenförmigen Behältern in denen durch Einwirkung von Wasserdampf auf glühendem Koks ein Hilfsgas (Koks- oder Wassergas) erzeugt wurde, das heißes Eisenerz in glühendes Eisen verwandelte, wobei aus dem Wasserdampf dessen Bestandteil Wasserstoff abgespalten werden konnte.

Baurat Beck über den aufwendigen Prozess: „Der Wasserstoff wurde dann durch Wasser gekühlt und entstaubt, durch Reinigungsmasse von schädlichen Bestandteilen (wie Schwefel, Kohlensäure) gereinigt, in Gasuhren gemessen und nun entweder zum Niederdruckbehälter geleitet, oder zu den Gasverdichtern gesaugt und in diesen auf 100 Atmosphären verdichtet, um ins Hochdrucklager, bestehend aus 180 riesenflaschenartigen, unterirdisch eingebetteten eisernen Behältern geschickt zu werden.“

Vom Niederdruckbehälter, dessen Inhalt durch stark entspanntes, sehr trockenes Gas aus dem Hochdrucklager ergänzt werden konnte, floss der Wasserstoff unter geringem Druck durch dicke, endlos zusammengeschweißte Rohre den Hallengruppen zu, um aus deren Bodenkanälen mittels Stoffschläuchen in die Zellen der Luftschiffe gefüllt zu werden.

Das für die Ahlhorner Luftschiffe ereignisreiche Luftkriegsjahr 1917 mit 221 Fahrten, davon 125 Kriegs- und Angriffsfahrten, nahm am 5. Januar 1918 ein abruptes Ende. Vier Hallen mit fünf darin stationierten Luftschiffen explodierten, 20 Sekunden dauerte dieses Unglück, bei dem 15 Menschen ums Leben kamen. Ferner waren 30 Schwer- und 104 Leichtverletzte zu beklagen.

Das verhältnismäßig wenig Menschen den Tod fanden, konnte dem glücklichen Zufall zugeschrieben werden, dass sich die Katastrophe erst um 17.30 Uhr, nach der eigentlichen Dienstzeit ereignete. Als am Anfang des Jahres 1917 der Luftschiffhafen mit vier bis fünf Schiffen belegt war, hatte er einschließlich der Luftschiffer eine Besatzung von 700 Mann. Im Laufe des Jahres wurde der Trupp auf 900 Mann erhöht. Als im Frühjahr 1918 zwei weitere Hallenbauten errichtet waren, erreichte die Mannschaftsstärke damit ihre Höchstzahl, sie belief sich auf etwa 1100 Mann. Nicht nur die Luftschiffe selbst stellten ein Himmelfahrtskommando da, sondern auch der Luftschiffhafen.

Ein 100 Jahre altes Postkartenmotiv: das gefährliche Wasserstoffwerk in Ahlhorn.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Tipps für Erdbeeren auf dem Balkon und im Beet

Meistgelesene Artikel

Maskenverweigerer pöbelt und schlägt zu

Maskenverweigerer pöbelt und schlägt zu

Maskenverweigerer pöbelt und schlägt zu
Corona: 53 neue Infektionen im Landkreis Oldenburg

Corona: 53 neue Infektionen im Landkreis Oldenburg

Corona: 53 neue Infektionen im Landkreis Oldenburg
Inzidenzwert liegt nur noch knapp über 100

Inzidenzwert liegt nur noch knapp über 100

Inzidenzwert liegt nur noch knapp über 100
Datenschutz-Eklat: Ordnungsamt will Daten von Konfirmanden

Datenschutz-Eklat: Ordnungsamt will Daten von Konfirmanden

Datenschutz-Eklat: Ordnungsamt will Daten von Konfirmanden

Kommentare