Vom rauen Ton bis hin zu Romanzen

Wie sich die Behinderteneinrichtung Gut Sannum Schritt für Schritt öffnete

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Durch die Einrichtung eines Hofcafés für Besucher und Bewohner hat das Gut einen Anlaufpunkt für die Öffentlichkeit geschaffen, der rege genutzt wird.

Sannum - Von Ove Bornholt. „Es wurde alles immer ein bisschen normaler“, fasst Sigrid Ehmen, ehemalige Mitarbeiterin auf Gut Sannum, die Entwicklung der Einrichtung, die sich der Betreuung von rund 160 Menschen mit geistigen, seelischen, körperlichen oder mehrfacher Behinderung verschrieben hat, zusammen.

Die beschauliche Anlage gleich hinter Huntlosen war allerdings lange Jahre recht abgeschottet. Der jetzige Leiter Hans-Werner Kuhlmann spricht von einer „unsichtbaren Mauer“, die nach und nach abgetragen wurde. Früher wurde den Bewohnern viel vorgeschrieben, inzwischen sind sogar Hochzeiten untereinander nichts Ungewöhnliches mehr.

„Entscheidend ist, dass überhaupt Beziehungen möglich sind. Je mehr man das verschleiert, desto mehr besteht die Gefahr, dass es nicht gut läuft“, meint Kuhlmann, der das Thema Sexualität zum Beispiel bei Gruppenabenden anspricht. „Man nimmt richtig einen Deckel weg.“ Im Sommer dieses Jahres ließ sich ein Bewohnerpaar auf dem Gut trauen. Auch eine Lebenspartnerschaft und eine Verlobung bestehen.

„Der Ton hat sich verändert“

Der offene Umgang mit Beziehungen zwischen den Bewohnern ist aber nur der vorerst letzte Schritt auf einem langen Weg von einer abgeschotteten zu einer offenen Einrichtung, die ihren Bewohnern Verantwortung und Mitsprache ermöglicht. „Der Ton hat sich verändert. Von Befehlen zur Kooperation. Letzteres natürlich nicht zu 100 Prozent“, so Kuhlmann.

Der 63-Jährige ist seit 2002 Leiter des Guts, zuvor war er Referent für Jugend- und Behindertenhilfe beim Diakonischen Werk in Oldenburg. „Ich kannte die Einrichtung ein bisschen“, so Kuhlmann, der ein praktisches Beispiel für die Bevormundung der Bewohner hat: „Es war nicht üblich, sich einen Anorak zu kaufen. Stattdessen wurde man ausgerüstet.“ Aber: „Wenn dir alles vorgegeben wird, entwickelst du keinen Geschmack.“ Beeinträchtigten Menschen ihre Erfahrungen machen zu lassen, ist eine Grundüberzeugung des Einrichtungsleiters.

Auf diese Weise sollen die Bewohner auch lernen, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel für die Tiere, die gefüttert und getränkt werden müssen. Oder beim Umgang mit Brennern in der Metallwerkstatt. Es gibt eine Wahlpflicht zwischen Tätigkeiten im Garten, in der Landwirtschaft, künstlerischer Art oder eben in der Werkstatt.

Offenheit gegenüber Besuchern

Zum Konzept der Einrichtung gehört auch die Offenheit gegenüber Besuchern – mit einem Café und einem Hofladen. „Wir machen Sachen, die die Leute rein locken. Die Bewohner sind stolz auf den Kontakt. Es ist ja auch nicht so, dass sie beguckt werden wie im Zoo“, meint Kuhlmann. Menschen, die ihre Angehörigen auf Gut Sannum unterbringen wollen, können sich die Anlage auf diese Weise auch vorab anschauen.

Ein regelmäßiger Gast ist zurzeit der Großenkneter Heimatforscher Dirk Faß, der an einer Chronik der Einrichtung arbeitet und regelmäßig mit Mitarbeitern sowie Bewohnern zu Kaffee, Kuchen und zum Schnacken über alte Zeiten im Hofcafé des Guts zusammenkommt. Bei den Treffen ist auch Sigrid Ehmen immer wieder dabei. Die ehemalige Pflegerin kann sich an die Zeiten erinnern, als die Mitarbeiter von den Bewohnern auch mal als Wärter bezeichnet wurden. Damals sei noch im großen Speisesaal gegessen worden. Mit 124 Personen in drei Schichten – und viel Stress für die Beteiligten. Diese Zeiten sind inzwischen vorbei. Zwar wird noch viel zentral gekocht, aber die Bewohner können in ihren Wohngruppen essen oder dort Mahlzeiten je nach Gusto zubereiten. Dafür kaufen sie mit Lebensmittelgeld auch selbst ein.

Hans Döding, ein früherer Mitarbeiter im Bereich Landwirtschaft, ergänzt die Ausführungen von Ehmen: „Der Umgangston hat sich automatisch gewandelt. Früher mussten wir die Leute aus dem Bett holen und zum Arbeiten bringen.“ Ehmen nickt. Den rauen Ton habe man damals als normal angesehen. „Die Änderung ist gut“, freut sie sich im Kreis ihrer ehemaligen Schützlinge.

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