„Fischer sind Querköpfe“

Geschäftsführerin der Niedersächsischen Muschelfischer erzählt über ihre Arbeit

Manuela Melle zeigt die frischen Muscheln.
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Das Ergebnis der Bemühungen: Manuela Melle zeigt die frischen Muscheln.

Was haben Miesmuscheln und Großenkneten gemeinsam? Oberflächlich nicht viel, vielleicht kommen sie in dem Ort während der Saison auf den einen oder anderen Teller. Wird etwas genauer geforscht, findet sich jedoch eine Kneterin, die sich besonders für die Muscheln –oder genauer gesagt für die, die sie an Land bringen – interessiert.

Großenkneten – Manuela Melle plant, organisiert und ist das Universaltalent für vier Fischereibetriebe, denn sie ist die Geschäftsführerin der Niedersächsischen Muschelfischer. Doch was treibt die gebürtige Belgierin nach Norddeutschland und wie ist sie zu den Miesmuscheln gekommen? Unsere Zeitung hat einmal nachgefragt.

Angeblich hatte ich schon als Kind ein Fabel für die Fischerei. Ich bin also damit groß geworden.

Manuela Melle, Geschäftsführerin der Niedersächsischen Muschelfischer

„Angeblich hatte ich schon als Kind ein Fabel für die Fischerei. Ich bin also damit groß geworden“, erzählt Melle, die gemeinsam mit ihrer Familie als Kind viel Urlaub in Frankreich an der Küste gemacht hat. Mit 18 Jahren habe sie einen Freiwilligendienst auf Hallig Hooge gemacht. Dort habe sie Kontakt mit Krabbenfischern gehabt und entdeckte ihre Liebe zum Wattenmeer. Anschließend ging sie nach Freiburg, um Geografie, Biologie und Soziologie zu studieren. Nach ihrer Abschlussarbeit, die sie über Krabbenfischerei in der Nordsee schrieb, bekam sie einen Anruf aus Wilhelmshaven. „Ich sollte ein Forschungsprojekt über die niedersächsische Küstenfischerei leiten.“ So sei sie mit den Muschelfischern in Kontakt gekommen.

Diese jedoch sind „Querköpfe“. „Sie waren unorganisiert und kaum an einen Tisch zu kriegen“, so Melle. Das mussten sie allerdings, als in Eemshaven in den Niederlanden ein Chemiewerk gebaut werden sollte und unklar war, welche Einleitungen vorgenommen werden sollten. Melle und die vier Betriebe gründeten die Niedersächsischen Muschelfischer Gesellschaften als einen Interessenverband.

„Das war genau vor 25 Jahren“, erinnert sich Melle. Seit dem sei sie „quasi das Mädchen für alles“. Von der Kommunikation zwischen den Fischern, über die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bis zur Vertretung gegenüber offiziellen Stellen. „Für mich ist das wie meine Familie“, so Melle, die mit den Fischern auch persönliche Höhen und Tiefen durchlebt hat. „So etwas schweißt zusammen. Trotzdem sind sie Konkurrenten untereinander. Und der Umgangston ist manchmal ein wenig derbe, aber nie respektlos.“

Die Fahrt zur Arbeit: Einer von fünf Kuttern macht sich auf den Weg zu den Muschelbänken.

Seit 25 Jahren im Homeoffice

Dass Melle nicht an der Küste lebt, ist erst einmal schwer zu glauben. 2007 habe sie aber einen Landwirt in der Wildeshauser Geest kennengelernt. „Und 2008 zog ich dann vom Wangerland an der Nordseeküste nach Großenkneten. Ich liebe es hier. Es erinnert mich an die Geest in Belgien. Aber um ehrlich zu sein, fehlt es mir manchmal auch, an der Küste zu sein.“

Wo sie letztendlich arbeite, sei jedoch egal. Die Betriebe der vier Muschelfischer, zu denen sie regelmäßig fahre, seien mehr als 100 Kilometer auseinander. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsens liegt in Oldenburg und das Landwirtschaftsministerium in Hannover. „Ich fahre zwar oft weitere Strecken mit dem Auto, bin aber quasi seit 25 Jahren im Homeoffice“, so Melle.

„Letztendlich ist Fischerei auch wie die klassische Landwirtschaft“, meint Melle. Sie sehe viele Parallelen. „Beides sind Bereiche der Lebensmittelproduktion, die Zertifizierungen benötigen und Anforderungen von Politik, Umweltschutz und Verbraucher bekommen“, vergleicht Melle. Zudem gebe es jeweils hohe Betriebs- und Investitionskosten sowie eine geringe Gewinnspanne für die Erzeuger. Am meisten profitiere der Handel.

Der Lohn für die Mühen: Ein volles Netz mit Muscheln.

Widersprüchlicher Druck aus der Politik

Zudem seien beide Bereiche sehr ortsgebunden. Die „Bauern des Meeres“ stünden in direkter Verbindung mit den Geschehnissen im Wattenmeer, was häufig zu Problemen führe. „Ob das jetzt Munitionsaltlasten oder Offshore-Kabeltrassen sind: Die Fischer sind direkt davon betroffen“, erzählt Melle. Sie spüre widersprüchlichen Druck aus der Politik. Zum einen stünden starke Naturschutzregelungen im Raum, zum anderen werden Offshore-Windparks oder wasserbauliche Maßnahmen genehmigt. „Es ist manchmal schwer auszuhalten und schwer zu vermitteln.“

In der Vergangenheit habe sie ein Mal im Jahr ein Muschelfest veranstaltet, zu denen auch hochrangige Politiker kamen. Mittlerweile sei der Status der Muschelfischer und das Bewusstsein der Politik über sie gesunken. „Es sind nur vier Betriebe und fünf Kutter in Niedersachsen. Alles klein und familiär, aber auch wir haben mit zahlreichen Problemen zu kämpfen.“

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