Vier junge Männer, die aus Syrien flohen und nun in Großenkneten zu Hause sind, berichten von ihren Erlebnissen

Der Wunsch nach einem Leben ohne Angst

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Fühlen sich in ihrem neuen Zuhause wohl: Zana, Armang, Muhammad und Yasser (von links).

Grossenkneten - Von Jörg Beumelburg. Seit etwa zwei Monaten lebt der 25-jährige Armang in Großenkneten, zusammen mit weiteren Flüchtlingen aus Syrien. In Deutschland wollen sie sich ein neues Leben aufbauen. Und zur Ruhe kommen nach einer Zeit, in der sie zum Teil Unvorstellbares erlebt haben.

Als Erzieher für Kinder zu arbeiten – davon träumt Armang. Vor seiner Flucht hat er in seiner Heimat ein entsprechendes Studium absolviert. Von heute auf morgen lässt sich sein Traum allerdings nicht verwirklichen. Abgesehen von rechtlichen Hindernissen müssen Armang und seine Mitbewohner Muhammad, Zana und Yasser erst einmal die deutsche Sprache erlernen und sich an die hiesige Kultur gewöhnen. Und sie müssen traumatische Erlebnisse verarbeiten. Die Flucht aus Syrien bedeutete einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben, sie mussten alles hinter sich lassen, einschließlich ihrer Verwandten und Freunde.

Die Wahl zwischen Waffe und Flucht

Der 18-jährige Zana berichtet, dass er seine Heimat nur mit einem kleinen Beutel verlassen hat. Darin befanden sich eine Wasserflasche, Kaugummi und Kekse. Er sei geflohen, weil er in die Armee eingezogen werden sollte, was er jedoch aus Gewissensgründen ablehnte. Doch mit dieser Einstellung gelte man in seiner Heimat als Vaterlandsverräter und mit denen gehe die Regierung nicht gerade zimperlich um. „Ich hatte nur die Möglichkeit, entweder eine Waffe in die Hand zu nehmen oder zu fliehen, um zu leben“, sagt Zana.

Er wählte nicht den Weg übers Meer, wie so viele andere Flüchtlinge, sondern über Land. Zunächst führte ihn die rund 4000 Kilometer lange Route in die Türkei. Doch schon an der Grenze warteten neue Schwierigkeiten auf ihn. Türkische Sicherheitskräfte hätten die Flüchtlinge zunächst daran gehindert, ins Land zu kommen. Auch Schüsse seien gefallen. Zana startete mehrere Versuche, über die Grenze zu gelangen. Erst im vierten Anlauf hatte er Erfolg.

Gefängnis statt der ersehnten Freiheit

„Die Freude war groß, und ich hatte ein Gefühl der Freiheit verspürt“, erinnert sich der 18-Jährige. Die Hoffnung, damit bereits am Ziel zu sein, währte allerdings nicht lange. Syrische Kurden wie er seien in der Türkei nicht gerne gesehen. Nach drei Monaten entschloss sich der junge Mann, weiter nach Bulgarien zu ziehen. Dort sei er zunächst von den Grenzposten zurückgewiesen worden. Als er dennoch versuchte, ins Land zu kommen, sei er festgenommen und in ein bulgarisches Gefängnis gesteckt worden. Einzelne Aufseher hätten ihn mehrmals geschlagen, sagt Zana.

Als er nach einiger Zeit wieder auf freiem Fuß war, habe er sich griechischen Schleppern angeschlossen, die ihn nach Österreich brachten. Von dort aus kam er über Passau ins niedersächsische Bramsche (Landkreis Osnabrück). In der dortigen Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge lernte er seine heutigen Mitbewohner kennen. Zusammen wurden sie dann der Gemeinde Großenkneten zugeteilt.

Große Sorge um die Mutter in der Heimat

Auch Muhammad hat den Dienst an der Waffe in Syrien verweigert. Nur weil seine Mutter sich für ihn verbürgt hätte, sei er schnell wieder aus dem syrischen Gefängnis freigekommen. Seine Familie habe ihm dann geraten, zu fliehen. Seine Route gleicht der, die Zana nach Deutschland führte. Nun befürchtet Muhammad, dass seine Mutter für seine Flucht geradestehen muss, und macht sich große Sorgen.

Im Flüchtlingsboot von Soldaten beschossen

Yasser wählte für seine Flucht aus dem Bürgerkriegsland den Seeweg. Zusammen mit drei Frauen, einem Säugling und einem Mann bestieg der 21-Jährige ein Boot. Dann habe er miterleben müssen, wie das ägyptische Militär auf sie schoss, erzählt er. Das Baby und er seien die einzigen Überlebenden gewesen. Er habe das Kind an sich genommen und das – davon ist Yasser überzeugt – habe ihm letztlich das Leben gerettet.

Endlich in Sicherheit

In ihrem neuen Zuhause in Großenkneten haben sich die vier Syrer schon gut eingelebt. Zusammen mit vier weiteren Flüchtlingen aus ihrem Heimatland teilen sie sich eine Wohnung. Zu zweit schlafen sie in eigenen Zimmern, es gibt eine Küche und ein Wohnzimmer. Die anfallenden Aufgaben im Haushalt teilen sie sich: Einer kümmert sich um die Wäsche, ein anderer putzt die Wohnung, wieder ein anderer übernimmt das Kochen.

Letzteres ist meist die Aufgabe von Yasser. Er kennt sich gut aus mit Gewürzen und Kräutern. Bis auf Schweinefleisch probieren er und seine Mitarbeiter vieles aus, doch meistens kommen Fisch und Geflügel auf den Tisch. Zum Essen nimmt sich die Gruppe immer viel Zeit, es wird geplaudert und Tee getrunken. Alkohol trinken sie nicht, das verbietet ihnen der Glaube. „Wir fühlen uns hier richtig wohl“, sind sich die vier einig. Unter ihnen hat sich inzwischen eine feste Freundschaft entwickelt. „Wir sind wie Brüder“, sagt Armang.

Nächstes Ziel: Integration

Insgesamt hat die Gemeinde Großenkneten seit dem vergangenen Jahr 155 Menschen aufgenommen, darunter auch Minderjährige, die ohne ihre Eltern aus dem Irak, Syrien, dem Kosovo und Albanien kamen. Dabei sah die offizielle Zuweisung bislang nur eine Quote von 103 Personen vor. Untergebracht sind die Flüchtlinge in Ahlhorn, Huntlosen und Großenkneten, zum Teil in Gebäuden, die der Gemeinde gehören, zum Teil in angemieteten Wohnungen.

Doch mit der Unterbringung der Neuankömmlinge ist es nicht getan. Eine ebenso große Herausforderung stellt ihre Integration für die Kommunen dar. Dabei arbeitet die Gemeinde Großenkneten sehr eng mit Bürgern und vor allem Vereinen zusammen, erklärt Bürgermeister Thorsten Schmidtke. Integrationslotsen helfen bei der Eingewöhnung, in Sprachkursen lernen die Flüchtlinge deutsch. Klar sei aber auch: „Wir können nur den notwendigen Rahmen bieten, für das übrige Zusammenleben gilt, dass es ein Nehmen und Geben unter allen Bewohnern sein muss“, sagt Schmidtke. Ihren Willen, sich einzubringen, haben die jungen Syrer bereits unter Beweis gestellt: Sie und einige weitere Flüchtlinge nahmen am Großenkneter Bürgerfrühstück Anfang August teil und brachten süßes Gebäck für die Allgemeinheit mit (wir berichteten).

Zu Gleichaltrigen fehlt noch der Kontakt

Und auch sonst seien sie bemüht, Kontakte zu schließen. „Es sind oft die älteren Bürger, die uns auch mal ansprechen“, erzählt Yasser. „Das freut uns zwar sehr, doch hätten wir auch gern Kontakt zu Gleichaltrigen“, ergänzt er. Die Verständigung klappt ganz gut, da die jungen Männer auch englisch sprechen können. Und stößt einer von ihnen mit dem Wortschatz mal an seine Grenzen, kann meist ein anderer als Dolmetscher einspringen.

Die Hoffnung, angekommen zu sein

„Es wäre schön, wenn ich irgendwann einmal sagen kann: Deutschland ist jetzt mein neues Zuhause“, sagt Zana. Als er in die Gemeinde Großenkneten kam, war es für ihn zunächst nur eine weitere Station seiner kleinen Odyssee. Nun hofft er, endlich angekommen zu sein. Wie seine Mitbewohner auch möchte er hier ein freies Leben ohne Angst führen. Sie hätten auch schon davon gehört, dass es in Deutschland Orte gibt, in denen Bürger auf die Barrikaden gegangen sind, als die ersten Asylbewerber eintrafen. Doch in Großenkneten sei das anders. Im Gegenteil: Der Bürgermeister hätte sie nach ihrer Ankunft persönlich begrüßt.

„So etwas kennen wir nicht, dass man so empfangen wird“, sagt der 30-jährige Muhammad. Aber auch die Bürger seien aufgeschlossen und hilfsbereit, bestätigt Ordnungsamtsleiterin Frauke Asche. Das zeige sich unter anderem an den zahlreichen Sachspenden und dass es immer wieder Anfragen gebe, ob und was noch gebraucht werde.

Ein bisschen Ungewissheit bleibt

Und doch bleibt für Armang, Muhammad, Zana und Yasser auch ein Stück Ungewissheit. Die Sorge, wieder abgeschoben zu werden, lasse sich nicht vollständig aus den Köpfen verbannen. Bis zu 10 Monate gehen derzeit für die Bearbeitung von Asylanträgen ins Land. Diese Zeit würden die jungen Syrer gerne sinnvoll nutzen. Weil sie sich viele Gedanken um ihre Zukunft machen, wäre es von Vorteil, schon einmal arbeiten oder zumindest ein Praktikum absolvieren zu können. Doch aus gesetzlichen Gründen ist das nicht ohne Weiteres zulässig.

Fragt man die vier nach einem Wunsch, nennen sie einen Internetanschluss, um sich besser informieren zu können. Und auch ihre Freizeit würden sie gerne vielfältiger gestalten. „Ich würde mich auch schon über ein Ticket fürs Sportcenter freuen“, sagt Zana.

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