Auf der Suche nach Heino Sims

Oberschüler erkunden Ehrenfriedhof am Westerburger Weg

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Marco Wingert vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sucht mit den Schülern Julian Meinjohanns und Simon Beermann (von links) nach dem Grabstein von Heino Sims.

Sannum - Von Ove Bornholt. Lautlos eilt Julian Meinjohanns zwischen verwitterten Grabsteinen auf dem Ehrenfriedhof am Westerburger Weg in Sannum umher. Das dichte Moos zu seinen Füßen schluckt das Geräusch seiner Schritte. „Heino Sims, Feld drei, Reihe zwei, Grab 183“, murmelt der 16-jährige Huntloser vor sich hin und versucht, die Namen auf den Kreuzen zu entziffern. Meinjohanns und 15 Mitschüler aus dem Geschichts-Wahlpflichtkurs der Graf-von-Zeppelin-Oberschule sind mit Rektor Dirk Richter und Heimatforscher Dirk Faß zu dem Friedhof gefahren, um ihn zu erforschen.

Die Zehntklässler wissen kaum etwas über diesen abgelegenen Ort. In der Nachbarschaft befindet sich nur ein Haus, ansonsten umgeben Koppeln und Wald die Anlage. Auf Höhe des Friedhofs verwandelt sich die asphaltierte Straße in eine schlaglochübersäte, unbefestigte Piste. Ein verschmutztes Verkehrsschild verbietet Reitern, den Weg zu benutzen.

Das ist Meinjohanns gerade ziemlich egal. Faß hatte ihm und seinen Mitschülern einen Zettel in die Hand gedrückt. „Heino Sims, geboren am: 26. Juni 1924, Este, letzter Aufenthaltsort: Ohrbeck bei Osnabrück, Displaced Persons Camp, Büroangestellter, Todesursache: Lungen- und Bauchfelltuberkulose, Todestag: 09. März 1948 Huntlosen, Feld drei, Reihe zwei, Grab 183“ steht drauf.

Schwierige Suche nach Sims

Die Suche nach Sims gestaltet sich schwierig. Es gibt keine Infos zur Anordnung der Gräber, und die Schüler irren ziemlich ziellos umher. Meinjohanns entscheidet sich schließlich, alle 249 Kreuze abzugehen und nach Sims‘ Namen Ausschau zu halten. Er findet ihn jedoch nicht. Auf den Grabsteinen sind nur Vor- und Nachname eingeritzt. Keine Angaben zum Geburts- und Todeszeitpunkt geschweige den von Orten. Vor einigen liegen Blumen oder stehen Kerzen. Das überrascht, macht der Friedhof doch insgesamt keinen guten Eindruck. Gestrüpp, Äste und Blätter liegen auf den Steinplatten, die einen Weg zu zwei Gedenksteinen in der Ecke der Anlage bilden. Nur der schwarze, etwa hüfthohe Metallzaun um das Areal ist neu.

Inzwischen haben einige von Meinjohanns‘ Mitschülern ihre Namen gefunden. Aber der Zehntklässler sucht noch. Er hat bemerkt, dass sich zwischen einigen der Grabsteinen Lücken befinden. Während er noch darüber rätselt, ob Sims umgebettet wurde, wird der 16-Jährige in die Ecke des Friedhofs zu den beiden Gedenksteinen gerufen. Und tatsächlich: Auf der rechten, etwa 50 Zentimeter großen Platte steht der Name Heino Sims. Der Este wurde offenbar in seine Heimat überführt.

Auf dem Sannumer Ehrenfriedhof liegen neben fünf Esten zwei Jugoslawen, 24 Letten, acht Litauer, ein Niederländer, ein Österreicher, 126 Polen, ein Rumäne, 53 Russen, ein Serbe, zwei Tschechoslowaken, drei Ungarn, eine Person unbekannter Nationalität. Und ein Türke.

Informationstafel am Eingang geplant

„Wie kommt der denn hierher?“, will ein Schüler wissen. Heimatforscher Faß kennt die Antwort. Die Gräberliste zeige, dass der größte Teil der Bestatteten aus dem damaligen Krankenhaus Hosüne kam. Häufigste Todesursache sei Tuberkulose gewesen. Die Klinik habe 1944 drei Hektar von einem Bauern am Westerburger Weg für eine Grabstätte beschlagnahmt. „Es ist zu vermuten, dass dieser nie als Ausländerfriedhof gedacht war. Dieses zeigt sich an der ersten Reihe, hier wurden 19 Deutsche beigesetzt, wovon zehn aus Bremen kamen.“ Von Mai 1945 bis 1951 hätten sich das Areal mit ehemaligen, an Tuberkulose erkrankten Zwangsarbeitern, die aus verschiedenen Arbeitslagern der Region nach Hosüne gebracht worden waren, gefüllt. Für viele habe keine Chance auf Heilung mehr bestanden.

Rektor Richter plant, mit seinen Schülern, Faß und Marco Wingert vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge alle Informationen über den Friedhof zusammenzutragen und eine Infotafel am Eingang anzubringen. Damit nicht alle Besucher so orientierungslos herumirren müssen wie die Zehntklässler am Mittwoch.

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