Kulinarisches Experiment

Schmackhafter Schädling: Nutria aus der Bratröhre

Ein Nutria.
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Pelziger Schädling: Nutrias werden ganzjährig bejagt.

Huntlosen/Landkreis – Sie sehen nicht hübsch aus – und definitiv nicht schmackhaft: Die Worte „possierlich“ und „Weißweinsoße“ kommen dem Betrachter beim Anblick eines Nutrias nicht in den Sinn. Nun steht Wild zwar hoch im Kurs der Bundesbürger, doch findet sich der Nager nicht auf den hiesigen Speisekarten wieder. Warum eigentlich? Anlass, es in einem Selbstversuch herauszufinden.

Die dunkelbraunen Biberratten mit ihren leuchtend orangefarbenen Nagezähnen gelten hierzulande inzwischen als Schädlinge – daher dürfen sie das ganze Jahr über auch im Landkreis Oldenburg bejagt werden. Und in der Tat vermehrt sich das ursprünglich aus Südamerika stammende, fortpflanzungsfreudige Tier sprunghaft. Für seine tiefen Bauten untergräbt es Uferbereiche und macht auch vor Dämmen und Deichen nicht halt. Deswegen sind Jäger im Nordwesten angehalten, dem Nutria ganzjährig den Garaus zu machen. „Schädling“ – das klingt so gar nicht lecker, eher bedrohlich.

Szenenwechsel: die abendliche Küche von Lutz Wetzel in Huntlosen. Er ist nicht nur Autor und TV-Produzent, sondern ebenfalls Jäger und nicht zuletzt ein hoch versierter Hobbykoch. Er hat sich bereit erklärt, einige Nutria-Keulen zuzubereiten. Geliefert hat diese sein Jagdfreund Detlef Riedel aus Delmenhorst, der die Nagetiere in einer vom Landkreis Oldenburg zur Verfügung gestellten Rohrfalle lebend gefangen hatte. „In der DDR war das Farmwild“, so Riedel – des Felles, aber auch des Fleisches wegen. Bis vor zehn Jahren, als die Nutrias begannen, sich hier auszubreiten, seien sie weitestgehend unbekannt gewesen. Doch wenn sich das Nagetier stark vermehrt hat und bejagt wird – warum sollte man es sich nicht schmecken lassen? Weitere Gäste an der Test-Tafel im Hause Wetzel: Hegeringleiter Max Hunger aus Sage-Haast sowie der Verfasser dieser Zeilen. Keiner von ihnen hatte jemals ein zubereitetes Stück Nutria vor sich auf dem Teller.

Spannung vor dem ersten Bissen

Während den drei Gästen eine gewisse Spannung anzumerken ist, ist der Hausherr die Ruhe selbst. „Der Nutria ist ein Pflanzenfresser. Das ist ein völlig sauberes Tier und hat schönes Fleisch“, erklärt er. Insofern sei es eigentlich nichts Besonderes, es auch als Speise zuzubereiten: „Fleisch ist Fleisch“, sagt Wetzel. Geschmacklich ordne er es zwischen Hase und Kaninchen ein. „Nur mit dem Fett muss man aufpassen, das schmeckt tranig“, berichtet er von der Zubereitung. Während die Braten noch einige Minuten im Backofen vor sich hin schmurgeln, bereitet Wetzel aus den Fleischresten Frikadellen zu, die er in einer Pfanne knusprig braun brät. Alles wird verwendet, nichts verschwendet.

Kleine Keulen, großer Genuss: Das Fleisch garte zwei Stunden im Ofen.

Dann kommt der Moment der Wahrheit. Nachdem die Nutria-Keulen – roh wiegen sie je rund 350 Gramm – zwei Stunden zusammen mit Gemüse und dem Inhalt einer Flasche Pfälzer Riesling im Ofen geschmort haben, trägt Wetzel auf. Dazu gibt es überbackene Makkaroni „aglio e olio“ („Knoblauch in Öl“) sowie selbstgemachte Salate. Ihre Spannung ist den Testessern inzwischen auch anzusehen. Doch die kulinarische Neugier behält die Oberhand. Vorsichtig ... erst mal ein kleiner Bissen ... das Glas mit dem Getränk steht dicht am Teller ... die Spannung wächst ... und löst sich sofort in Wohlgeschmack auf: fein und alles andere als aufdringlich und einem Kaninchen tatsächlich nicht unähnlich – der Versuch ist geglückt. Derart eindeutig, gestehen sich die Probanden überrascht und durchaus auch etwas erleichtert ein, habe das keiner erwartet. Das unappetitliche Äußere des lebenden Tieres hatte die Erwartungen dann doch zumindest „gedämpft“.

„Die Farbe und Fleischstruktur erinnert mich an eine Putenoberschale“, bemerkt Riedel mit Interesse. „Perfekt zubereitet“, lobt Hunger. „Die Säure des Weines sorgt dafür, dass es so weich ist“, erklärt Wetzel. Nutria, so die Erkenntnis des geselligen Abends, schmeckt gut und ist zumindest für Wild-Freunde eine Alternative zu herkömmlichen Sorten – auch wenn vor dem ersten Bissen vielleicht etwas Überwindung notwendig ist. Und was passiert, wenn sich der „Geheimtipp“ herumsprechen sollte und ein „Run“ auf den Nager-Braten einsetzen sollte? Riedel lacht. Das sei dann so wie bei jedem Wild auch: Es fällt eben nicht einfach dann an, wenn es sich der potenzielle Abnehmer wünscht.

Geselliges Experiment: Detlef Riedel, Max Hunger und Lutz Wetzel (v.l.).

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