„Läuft besser als die Fleischpinkel“

Vegane Pinkel: Sattmacherin ohne Fleisch und aus der Region

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Schweinespeck wird für die vegane Pinkel natürlich nicht verwendet.

Ein Kilo Grünkohl hat etwa 300 Kalorien. Davon wird niemand satt. Die Lösung: die Pinkel. Sie soll das Gemüse nahrhaft machen und ihm Geschmack geben, sagt Rainer Breuer vom Biohof Bakenhus in Großenkneten. Die Pinkel ist also die Sattmacherin zum Grünkohl – Fleisch braucht sie dafür nicht.

Großenkneten – Norddeutscher Grünkohl. Zentnerweise. Dazu Pinkel. Das ist Tradition. Und dann eine Art Revolution: vegane Pinkel. Fleischermeister Rainer Breuer vom Biohof Bakenhus in Großenkneten hat sie 2015 entwickelt. Inzwischen verkauft sich das rein pflanzliche Produkt sogar besser als die klassische Pinkel mit Schweinespeck. Wirklich? Ja, Breuer wiederholt das gern: „Die vegane Pinkel läuft besser als die Fleischpinkel.“ Vielleicht liegt das daran, dass sie günstiger ist?

Breuer glaubt nicht, dass das der Grund ist. Denn der Vorteil liegt für den 59-Jährigen klar auf der Hand: Einen Topf für alle zu kochen, ist einfacher, als einen mit und einen ohne Fleisch zu machen. Zum Angebot des Biohofs gehört auch fertig gekochter veganer Grünkohl, der ohne Speck und Schweineschmalz zubereitet wird. Auch rein pflanzlichen Knipp bietet er an.

Breuer wagt sich an Heiligtum der Norddeutschen

Dass sich Breuer daran gewagt hat, ein Heiligtum der norddeutschen Küche mit einem neuen Rezept zu versehen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist da der Klimawandel. Die Mitarbeit im Bundesprojekt „Nordwest2050“, bei dem es darum ging, Klimaszenarien für die Region Niedersachsen/Bremen zu entwickeln, hat ihm verdeutlicht, dass für eine lebenswerte Zukunftsumwelt Veränderungen notwendig sind – etwa bei Fleischherstellung und -konsum.

Zum anderen hat Breuer eine leidenschaftlich-schöpferische Ader und liebt seinen Beruf. „Er hat den Vorteil, dass man wahnsinnig kreativ sein kann“, sagt er. Der Fleischermeister hat schon mit Whisky, dunkler Schokolade und Gewürzen experimentiert. „Fleisch ist ein wertvoller Rohstoff“, sagt Breuer. Deshalb liegt ihm so viel daran, dass es nicht in Massen produziert und billig verscherbelt wird.

Vegane Pinkel herstellen und auf Qualität achten

Die vegane Pinkel führt den 59-Jährigen in gewissem Sinne zurück zu dem, was er als Lehrling vor mehr als 40 Jahren lernte: auf Qualität zu achten. Denn ein weiterer Grund für die Kreation der pflanzlichen Pinkel sind Breuers Kunden. Eines Tages habe ihn ein langjähriger Besucher des Hofladens gefragt: „Kannst du mir nicht mal eine vegetarische Pinkel machen?“ „Wenn schon, dann mache ich was Veganes, um alle zu erreichen“, dachte sich Breuer und stellte sich an seine Küchenmaschine. Nach drei bis vier Monaten Entwicklungszeit waren die ersten vier Päckchen vegane Pinkel fertig: Hafergrütze, Zwiebeln, Palmöl, Gewürze. Alle Zutaten sind bio, das Fett stammt zudem aus fairem Handel. Allergene und Zusatzstoffe vermeidet der Fleischermeister, soweit es geht: „Unsere Produkte sind transparent und ehrlich.“

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Er habe die vier Probierpäckchen einem Freund vorbeigebracht, der einen Laden betreibe, erzählt Breuer. Sofort sei eine Kundin darauf aufmerksam geworden. „Die ersten drei hat er direkt verkauft – und das vierte schnell unter die Ladentheke gelegt.“ Der 59-Jährige lacht, als er sich daran erinnert.

Mitarbeiter konnten Geschäftsidee erst nicht glauben

Aus dem anekdotenhaften Anfang ist in den vergangenen vier Jahren ein ernstzunehmender Produktionszweig geworden. „Meine Mitarbeiter haben’s auch erst gar nicht glauben wollen“, sagt Breuer. Inzwischen steht einmal in der Woche einen ganzen Tag lang die Herstellung des veganen Sortiments auf dem Plan. Alle Maschinen werden vorher sorgfältig gereinigt, um eine Kontamination zu verhindern. Drei Mitarbeiter sind für die Herstellung zuständig, drei andere für das Einschweißen und die Kennzeichnung der Produkte. Auf den ersten Blick muss klar sein: Da ist Fleisch drin, und das ist vegan. Auch für die Kontrolleure, die den Biohof regelmäßig besuchen, sei das wichtig, sagt Breuer. Er ist als Geschäftsführer der Bakenhuser Fleischerei dafür verantwortlich.

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Verantwortung ist ein wichtiges Stichwort im Arbeitsalltag des Fleischermeisters. Sein Betrieb soll auch in Zukunft gut laufen und den wandelnden Anforderungen gewachsen sein. Wie passt eine Fleischerei in eine Welt, die möglichst wenig Treibhausgase ausstoßen will? Diese Frage hat Breuer vor Jahren auf die Idee mit den pflanzlichen Produkten gebracht. Für die vegane Pinkel gewann er 2015 einen Preis: „Fit für den Klimawandel“ war das Motto des Wettbewerbs. Der 59-Jährige sieht auch seine Kunden in der Verantwortung: „Ich bin der Ansicht, dass wir alle viel zu viel Fleisch essen.“ Die Politik habe die Möglichkeit, einzugreifen und zu gestalten, sei aber offensichtlich nicht willens, es zu tun. So bleibe die Last der richtigen Entscheidung an den Verbrauchern hängen. Er sieht seine Aufgabe darin, es ihnen etwas leichter zu machen. Mit einem kreativen Angebot auf rein pflanzlicher Basis – und mit hochwertigem Biofleisch. „Ich bin meinem Beruf treu“, sagt der Fleischermeister.

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