Mit Holzschuhen in den Nachbarort gehen

„Opferbereite“ Bisseler sammeln für Schule

Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1935.
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Aufnahme aus dem Jahr 1935: Die Schule im eigenen Dorf ersparte den Kindern aus Bissel einen täglichen, mehr als drei Kilometer langen Fußmarsch bis nach Sage.

Bissel – Die „kleine Dorfschule“ existiert nur noch in den Erinnerungen älterer Leute. Doch hat der Begriff heute weiterhin einen besonderen Klang. Mit den modernen Bildungseinrichtungen der Gegenwart hat sie allerdings nichts mehr zu tun: was die Klassengröße angeht, die Lehrer, die Pädagogik und erst recht die Ausstattung. Der Lokalhistoriker Dirk Faß aus Sage-Haast wirft einen Blick auf die ehemaligen Schulen seiner Heimatgemeinde – heute widmet er sich der Schule in Bissel, nicht weit von seinem Wohnort entfernt.

Bis zum Jahre 1910 besuchten die Kinder der Bauerschaft Bissel die Schule in Sage. Das war für die Kleinen eine beschwerliche Angelegenheit, da der kilometerlange Schulweg zu Fuß zurückgelegt werden musste. Als Fußbekleidung gab es in jener Zeit nur Holzschuhe. Fünfmal in der Woche hatten die Kinder Ganztagsunterricht, sodass sie über Mittag in Sage in der Schule blieben.

Wie Friedrich Seeger (Jahrgang 1870, gestorben 1955) einmal erzählte, bekamen die Kinder als Schulbrot für die Mittagsmahlzeiten damals meist ein paar in der Schale gekochte Kartoffeln mit, die sie in der Mittagspause, in etwas Salz getunkt, mit größtem Appetit verzehrten. Die Kinder kamen so spät von der Schule, dass sie kaum noch zum Hüten der Schafe eingesetzt werden konnten. Das wurde nun alles anders, als im Jahre 1910 nach wiederholten Anträgen und langen Überlegungen Bissel eine dorfeigene einklassige Schule bekam. Den Grund und Boden dazu mussten die Bauernhöfe von Fritz Seeger und Wilhelm Johannes abgeben.

Einwohner sammeln Geld

Bissel war nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1949 die erste Schule in der Gemeinde Großenkneten, die einen Neubau beziehungsweise Anbau eines Klassenraumes erlebte. Das hatte folgende Vorgeschichte: Die Bitte des Dorfes um einen Anbau eines Klassenraumes fand kein Gehör. Auf Anregung von Professor Dr. Wilhelm Grotelüschen berief der damalige Elternrat diesbezüglich eine Versammlung ein. Diese beschloss: Wenn die Regierung angeblich kein Geld für einen Bau hat, dann finanzieren wir diesen eben selbst.

Es wurden einige Männer eingeteilt, die mit Listen durch das Dorf gingen und Spenden für das künftige Gebäude sammelten. Dabei kamen 8 000 DM zusammen. Das war bei den damaligen Preisen genug, um bauen zu können. Die Liste mit der Summe wurde bei der Gemeinde abgegeben – mit dem erneuten Antrag, mit den Arbeiten zu beginnen. Und siehe da: Es wurde sofort gebaut. Man war bei der Gemeinde und der Regierung von dem Opfersinn der Bisseler außerordentlich beeindruckt, dass plötzlich das nötige Geld zum Bauen da war.

Ende im Januar 1967

Schulleiter Richard Nerlich sorgte Anfang der 1960er-Jahre dafür, dass die Schule einen Naturgarten und eine Spielwiese bekam. Zusammen mit den Bisseler Bauern wurden mehrere Tage lang mit Treckern 156 Fuhren Erde herangefahren. Damit wurde auch des sandige, ausgewaschene Schulareal in einen Rasenplatz verwandelt. Außerdem hatte er mit den Schülern der oberen Jahrgänge eine große Zahl an Bäumen angepflanzt, sodass die Bisseler Bildungseinrichtung eine „Schule im Grünen“ wurde. Ab 1. April 1958 wurde die Schule wieder einklassig und Schulleiter Nerlich führt sie allein weiter. Die Volksschule Bissel wurde am 1. Januar 1967 aufgehoben. Die Jahrgänge der 1. bis 6. Klasse wurden in Sage und der 7. und 8. Klasse in Großenkneten eingeschult. Die letzte Schülerzahl betrug 45.

Ein Jahr später entdeckte der Bildhauer Peter Lehmann mit seiner Familie das Bisseler Schulhaus. Hier, auf dem naturnahen Grundstück, umgeben von vielen Tieren, die ihm als Studienobjekte dienten, entstanden mit großer Schaffenskraft und tiefer Verbundenheit zur Natur viele seiner Werke. Nach seinem Tod 1995 trat sein Sohn Curt R. Lehmann in die Fußstapfen seines Vaters.

Der Tierplastiker, der größtenteils mit Ton arbeitet, zeichnet in seinen Darstellungen eine besondere Beziehung zu Tieren und ein umfassendes Verständnis für ihre Würde aus. Erschrecken, Zögern, auf der Hut sein – seine Arbeiten spiegeln diesen einen ganz besonderen Augenblick, festgehalten wie in einer Momentaufnahme.

Bissel kurz nach der Auflösung: die Südansicht des Schulgebäudes. Repros: faß

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