Mythos „Kleine Dorfschule“

Toiletten im Wald und ein Ausweichquartier im Kälberstall

Ein scharzweißes Klassenfoto aus dem Jahr 1956.
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Das erste Schulgebäude in Westrittrum war von höchst bescheidener Qualität, die „Toiletten“ befanden sich im angrenzenden Wald. Das rechte Foto zeigt die Schüler aus dem Jahr 1956 und ihren Lehrer. Repros Faß

Westrittrum – Die „kleine Dorfschule“ existiert nur noch in den Erinnerungen älterer Leute. Doch hat der Begriff heute weiterhin einen besonderen Klang. Mit den modernen Bildungseinrichtungen der Gegenwart haben sie allerdings nichts mehr zu tun: was die Klassengröße angeht, die Lehrer, die Pädagogik und erst recht die Ausstattung. Der Lokalhistoriker Dirk Faß aus Sage-Haast wirft einen Blick auf die ehemaligen Schulen seiner Heimatgemeinde. Den Auftakt macht die Schule in Westrittrum.

Der erste Schulbau nach der Währungsumstellung im Juni 1948 im Verwaltungsbezirk Oldenburg entstand in Westrittrum und war wohl der armseligste Schulneubau in diesem Bereich. Aus Teilen einer alten Wehrmachtsbaracke wurde der Hauptteil erbaut. Innenwände, Fußböden, Decken und das Dach bestanden ebenfalls aus Barackenteilen, sodass sie eigentlich nur als Notbehelf gelten konnte. Die Dielen waren teilweise so schlecht, dass man darin einbrach.

Dieser Bau, der für ein Schulgebäude nicht ausreichend war, entstand in einer Zeit, in der es an Baumaterial mangelte. Trotzdem drang die Elternschaft auf die Errichtung, um erst überhaupt eine Schule zu bekommen – lange Jahre hatten sie dafür gekämpft. Unter tatkräftiger Hilfe in Form von „Hof- und Spanndiensten“ der Einwohnerschaft konnte das Gebäude entstehen. Als die Schule am 15. Februar 1949 eingeweiht wurde, war der Bau von außen noch recht unfertig. Im anliegenden Wald errichtete man eine notdürftige Bedürfnisanstalt.

Start mit 31 Schülern

Mit 31 Schülern – 20 Mädchen und elf Jungen – begann die Schule am 16. Februar 1949 den Unterricht. 28 Schüler waren bisher nach Huntlosen gegangen, und drei Kinder wurden von der Schule in Moorbek übernommen. Der Unterricht musste weitgehend ohne Lehrmittel aufgenommen werden: Eine Wandtafel war das einzige Stück, das in den folgenden Monaten dem Unterricht diente.

Das Schuljahr 1953/54 brachte endlich den geplanten Neubau. 42 Kinder besuchten die Schule, es sind 16 Jungen und 26 Mädchen. Mitte April wurden die Arbeiten ausgeschrieben, sie sollten am 18. Mai beginnen. In der Woche davor wurden im Hofdienst von fast allen Einwohnern die Ausschachtungsarbeiten erledigt. Am 30. Mai mauerte Schulleiter Hinrich Kruse den Grundstein an der Südwestecke des Gebäudes ein. „Sta fass, as use Eecken stat! Was va use Kinner un gode Stä, dat se dat nödige Rüsstäg fört Leben kriegt!“ Das waren die Worte, mit denen der Stein in den Bau eingesetzt wurde.

Da die Barackenschule abgerissen werden musste, sollte am 27. Mai der Unterricht an der behelfsmäßigen Stelle in „Renkens“ Kuhstall beginnen. An den folgenden Tagen war es recht kühl, sodass der Aufenthalt im Kuhstall gerade nicht angenehm war. Die Kälber gaben in einigen Stunden allerdings die „bäuerliche Begleitmusik“. Der Neubau wurde planmäßig zum 6. Oktober fertig. An diesem Tag erfolgte die festliche Einweihung und einen Tag später wurde der Unterricht in den neuen Schulräumen aufgenommen. Die im Klassenraum angebrachte Akustikdecke dämpft den Schall zu sehr, sodass die Klangfülle besonders beim Gesang fehlte. In den kalten Winterwochen von Anfang Januar bis Ende Februar waren an verschiedenen Stellen die Rohre der Wasserleitung zugefroren. Auch der Abfluss zur Sickergrube war durch Eis verstopft. Erst in den letzten Februartagen konnte mithilfe glühender Kohlen der Abfluss aufgetaut werden.

Im Schuljahr 1962/63 hatte die Schule Westrittrum noch 24 Kinder, 14 Jungen und zehn Mädchen. Das erste Schuljahr ist lediglich mit zwei Mädchen besetzt, das achte Schuljahr blieb gar unbesetzt. Mit dieser geringen Anzahl wurde der Bestand der Schule zweifelhaft. Nach dem neuen Schulgesetz kann eine „Zwergenschule“, deren Kinderzahl in der Grundschule (erstes bis viertes Schuljahr) nicht mehr als 18 Kinder beträgt, auch ohne Zustimmung der Gemeinde geschlossen werden. In Westrittrum gingen laut Meldung vom Januar 1963 noch zwölf Kinder in die Grundschule. Auf längere Sicht war kein wesentlicher Anstieg der Schülerzahlen zu erwarten. Bereits 1963 wird hier kein Kind mehr eingeschult.

Sicherlich ahnte niemand bei der Einweihungsfeier, dass die Schule, in der soviel Eigenleistung steckte, keine große Zukunft hatte. Bereits elf Jahre später setzte sich die Neuordnung des Schulwesens durch und am 1. April 1964 wurden die Schule und der Schulbezirk der Bauerschaften Husum/Westrittrum aufgelöst. Zuletzt wurden lediglich 17 Schüler gezählt. Sie wurden nach Huntlosen umgeschult, das Gebäude schließlich verkauft. Die Schulleiter waren vom 1. April 1949 bis 31. März 1960 Hinrich Kruse und vom 1. April 1960 bis 31. März 1964 Gerd Terveen.

Bescheidene Anfänge: Das erste Schulgebäude anno 1949.

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