Zwischen Kompromissbereitschaft und Selbstbehauptung: Es rumort im Landvolk

Das Landvolk bereitet schon Klagen vor

Bernhard Wolff, Geschäftsführer des Kreislandvolkes Oldenburg, in seinem Büro in Huntlosen. Foto/archivfoto: Franitza

Landkreis – Sorgen und Konflikte wegen einer neuen Düngeverordnung, Zukunftsängste eines ganzen Berufsstandes, Treckerdemos in Bremen und Berlin, Infostände vor Supermärkten sowie in der Oldenburger Innenstadt, offene Proteste bei Ministerbesuchen und zu allem Übel noch eine Werbekampagne einer Supermarktkette, die die ganze Misere scheinbar zynisch kommentiert: Es brodelt in der hiesigen Landwirtschaft. Bernhard Wolff, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbands Oldenburg, gibt im Gespräch mit unserer Zeitung einen Einblick in die Situation.

„Wir befinden uns in einer unruhigen Zeit“, sagt Wolff und fügt diplomatisch an: „Die politischen Rahmenbedingungen treiben die Familien sehr um.“ Es bestehe eine große Unsicherheit hinsichtlich der Entwicklung der Betriebe, deren Einkommen und damit verbundenen deren Überlebensfähigkeit. Manche überlegten in der Tat, ob sie zukünftig noch vom eigenen Hof leben könnten oder woanders in Anstellung gehen müssten, berichtet er weiter.

Wolff und der Vorsitzende des hiesigen Kreislandvolkes, Jürgen Seeger, haben die „Grüne Woche“ in Berlin genutzt, um aktiv das Gespräch mit der Politik zu suchen (wir berichteten). Ist es ihnen gelungen, dort die Position der Landwirte zu vermitteln? „Es gab auch sehr ernste Gespräche“, berichtet Wolff, „allerdings auf sachlich fundierten Grundlagen.“ Es sei wichtig, dass die Gegenseite die jeweiligen Argumente nachvollziehen könne.

Auslöser für die Auseinandersetzung waren die „roten Gebiete“ auf der Landkarte, in denen der kommenden Verordnung zu Folge nur noch eingeschränkt gedüngt werden darf. Mehr als 20 Kreislandvolkverbände hätten daher zusammen einen Gutachter beauftragt, der insbesondere die Ergebnisse einzelner belasteter Brunnen überprüft, so Wolff weiter. Das Resultat soll in rund sechs Wochen vorliegen. Das Vorgehen der Agrarier sei in Hannover bereits auf Resonanz gestoßen: „Die Landesregierung hat das aufgegriffen“, sagt der Geschäftsführer: Nach Vorlage des Prüfberichts soll dieser gemeinschaftlich mit den Ministerien besprochen werden.

Gleichwohl: „Wir wollen uns unserer Verantwortung nicht entziehen“, unterstreicht Wolff und gibt sich realistisch: „Wir werden das nicht in Gänze vom Tisch bekommen.“ Vielmehr gehe es darum, künftig Brunnen auszuschließen, deren gemessene Nitratwerte sich nicht ohne Weiteres auf landwirtschaftliche Düngung zurückführen ließen. „Diese Werte können durchaus durch die Bodenstruktur, das Klima oder natürliche Mineralisierung beeinflusst werden“, erläutert er. Die betroffenen Stellen sollten fortlaufend überprüft werden, um langfristig Klarheit zu schaffen.

So einvernehmlich sich das auch anhört: Die Landwirte haben sich zusammengeschlossen, um ihrerseits Druck auf die Politik auszuüben. Diese, so Wolff, hätte zu lange einen Weg verfolgt, ohne mit denen zu sprechen, die davon betroffen sind – und sie zu fragen, ob dies leistbar sei, oder ob dadurch ein ganzer Wirtschaftszweig geschwächt werde. „Die Landwirtschaft hat sich immer dem angepasst, was gesellschaftlich gefordert wurde“, argumentiert der Verbandsvertreter. Doch irgendwann sei der Punkt erreicht, an dem „die Schraube überdreht“ sei. Dass die Konfrontation „kein Geplänkel“ darstelle, lasse sich daran erkenne, dass das Landvolkverbände sich vorbereiten, den Rechtsweg gegen das Land zu beschreiten: Sowohl eine Normenkontrollklage als auch eine Feststellungsklage gegen das Land seien „konkret in Vorbereitung“. Das hatte Wolff vor wenigen Wochen auch Umweltminister Olaf Lies bei dessen Besuch in Großenkneten (wir berichteten) wissen lassen. Drastisch weniger Düngung führe zu weniger Tierhaltung und dies gefährde irgendwann die Existenz einzelner Betriebe. Dass aber die Höfe in der Nachbarschaft irgendwann immer weniger werden, sei sicherlich das Gegenteil von dem, was sich Verbraucher wünschten, meint Wolff.

Eine Reduzierung der Diskussion allein auf „Regionalität“ oder Umweltschutz könne keine Lösung für eine gesamte Branche sein, sagt Wolff. Nicht nur stelle sich die Frage, was der Verbraucher überhaupt als „regional“ ansieht. Diese Fokussierung versetzte die Höfe dann wieder direkt in den Wettbewerb gegeneinander. „Das ergibt nicht wirklich Sinn“, ist er sich sicher. Das gelte auch für mögliche Subventionen, einer „finanziellen Abhängigkeit von einem politischen Finanztopf“, der mit Auflagen verbunden sei. Das sei nicht für jeden Landwirt eine gangbare Lösung. „Leben und leben lassen und sich auch für das interessieren, was auf den Höfen passiert“, wünscht sich Wolff abschließend eine einvernehmliche Lösung der Situation. Und zudem die Bereitschaft, sich mit den Prozessen auf den Höfen auseinanderzusetzen.  fra

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