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„Achtung, Baum fällt!“: Mit der Kettensäge im Selbstversuch

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Von: Janna Silinger

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Die Fallkerbe bestimmt, in welche Richtung der Baum fällt.
Die Fallkerbe bestimmt, in welche Richtung der Baum fällt. © Lisa-Marie Rumann

Emstek/Ahlhorn - Und dann liegt sie vor mir. Die MS 241. Eine intelligente Motorsäge, die man an den Computer anschließen kann. Das Gerät, eine Leihgabe, dokumentiert genau, was der Nutzer mit ihr anstellt, zählt die Umdrehungen, weiß wie kalt es ist, auf welcher Höhe sie sich befindet und stellt sich automatisch ein. Außerdem hat sie eine Griffheizung. Sie ist besser als die Sägen der anderen in der Gruppe. Das sind zwei Landwirte, ein Biologe, ein Techniker. Jeder von ihnen hat Erfahrung und schon mehrere Bäume gefällt. Ich habe mal im Werkunterricht ein Stück Holz mit einer kleinen Handsäge unbrauchbar gemacht. Das war’s. Und nach einem Tag Theorie im Waldpädagogikzentrum des Forstamts Ahlhorn soll ich mir die MS 241 schnappen und einen Baum fällen.

Am Vortag noch geht es entspannt zu. Gemeinsam mit vier Männern nehme ich am Theorieunterricht bei Hubert Krogmann teil. Der Forstwirt leitet seit 16 Jahren Motorsägenlehrgänge.

Der Stoff ist umfangreich. Krogmann erklärt uns, wie die Säge funktioniert, wie man sie schleift, auseinander baut und betankt. Wie beim Auto, braucht der Motor Öl und Benzin. Doch in den Landesforsten Niedersachsen gibt es dafür noch einmal spezifische Vorschriften: Es müssen Sonderkraftstoff und Bio-Öl verwendet werden. Beide Produkte sind laut Krogmann ein wenig teurer, dafür ist das Öl biologisch abbaubar. Es schont Böden und Grundwasser. Das Geld zu investieren, lohne sich. Denn oberste Priorität sei es, den Wald zu schützen. Das „Grüne Benzin“ hingegen schütze die Waldarbeiter, da es weniger Schadstoffe ausstoße.

Die Zähne der Kettensäge regelmäßig zu feilen ist wichtig und ausschlaggebend für ihre Leistung. Foto: Silinger
Die Zähne der Kettensäge regelmäßig zu feilen ist wichtig und ausschlaggebend für ihre Leistung. © Silinger

Ein wichtiger Punkt ist auch Sicherheit. Moderne Geräte verfügen über jede Menge Mechanismen, die diese garantieren sollen. „Wenn die Säge beispielsweise nach oben ausschlägt, was sie gern mal tut, wenn man sie falsch ansetzt, geht sie automatisch aus“, berichtet der Forstwirt. Der vordere Handschutz wird ausgelöst, wodurch die Kettenbremse greift. Als es den Handschutz dort noch nicht gab, sei es oft zu Verletzungen gekommen.

Zum Fällen von Bäumen  gehört die richtige Kleidung

Vor solchen bewahrt einen in erheblichem Maß auch die richtige Kleidung. Etwa die Schnittschutzhose. Eingearbeitetes Polyestergewebe führt bei Kontakt mit der Säge dazu, dass die Zähne einzelne Fäden rausziehen, die die Kette schließlich stoppen.

Als Krogmann mit Begriffen wie Fallkerb, Bruchleiste und 45-Grad-Winkeln anfängt, bekomme ich kurz Angst. Ich muss an meine letzte Geometrieklausur denken, die mein Lehrer nur noch mit „Völlig falsch!“ und „Nein!“ kommentierte. Aber im Gegensatz zu Herrn Gards kann Herr Krogmann erklären. Er weist darauf hin, wie viele physikalische Kräfte auf den Baum einwirken, die zu ausschlagenden oder stürzenden Ästen führen können. Deshalb wichtig: Immer erst mal nach oben gucken und die Lage peilen, etwa ob lose Äste dort hängen.

Hubert Krogmann kennt den Wald gut. Immer wieder macht er Pausen und erklärt Teile seiner Arbeit. Fotos: Lisa-Marie Rumann
Hubert Krogmann kennt den Wald gut. Immer wieder macht er Pausen und erklärt Teile seiner Arbeit. © Lisa-Marie Rumann

Die Aufregung steigt am Praxistag. Beruhigend ist jedoch, dass Krogmann genau weiß, was er tut. Und zwar nicht nur, was die Motorsäge und den Umgang mit ihr betrifft, sondern auch, was den Wald angeht. Er kennt ihn wie seine Westentasche.

Treffpunkt ist um 8.30 Uhr am Pädagogikzentrum. Dann geht es in das Waldgebiet Baumweg. Zum Übungsplatz. So sieht es dort zumindest aus. Zwischen dichten Waldstücken, auf denen die Bäume weit in den Himmel ragen, schaut ein kleiner Bereich recht jungfräulich aus. Dort stehen dünne Bäume, zwischendrin kahle Stellen. Krogmann tritt mit dem Fuß ein wenig Laub zur Seite, hebt einen vermoderten Ast auf, bricht ihn durch, schaut ihn sich an. „Eine Douglasie. Die liegt da einige Jahre.“ Der Forstwirt betont, wie wichtig es ist, Äste auch mal liegen zu lassen. „Alles geht in die Natur zurück.“ Zudem gebe es Tierarten, die auf Totholz angewiesen sind. Hirschkäfer etwa legten dort ihre Eier und es dauere fünf Jahre, bis die kleinen Tiere schlüpfen.

Nach Theorieeinheiten folgt Kettensägen-Praxis

Zwischen kurzen Theorieeinheiten geht es an die Praxis. Die anderen lässt er irgendwann machen. Bei mir weiß Krogmann, dass ich nicht nur keinerlei Erfahrung habe, sondern auch ziemlich großen Respekt vor der Motorsäge. Vor allem nachdem mir so ziemlich alle „Viel Glück!“ gewünscht haben – und ich vereinzelt gefragt wurde, ob ich ein Testament hätte.

Die erste Hürde ist es, den Motor anzuschmeißen. Das hatte ich mir leichter vorgestellt. So wie in modernen Autos. Knopf drücken, fertig. Ich stabilisiere die Säge mit dem Fuß und ziehe mit aller Kraft an dem Bändchen. Immer wieder. Rutsche ab, versuch es noch mal. Die Ungeduld wächst. Fast will ich aufgeben, werde richtig wütend, als es wieder und wieder nicht funktioniert. Doch dann, siehe da – ein lautes Brummen. Rauch tritt aus. Der Motor ist an.

Ich suche mir einen kleinen dünnen Baum aus, den ich vermutlich einfach abknicken könnte. Aber Krogmann macht mir einen Strich durch die Rechnung. Niemand fällt nach Lust und Laune Bäume, darum gehe es nicht.

Käfer und Dürre: Viele Bäume sind reif zum Fällen

Er deutet auf eine 20-jährige Buche. Nach kurzem Protest stelle ich mich ihr. In voller Montur – Forsthelm, Schnittschutzhose und -schuhe. Sie nimmt einem sogenannten Zukunftsbaum, der sich frei entfalten soll, Platz weg. Ansonsten hat sie nicht viel falsch gemacht, ist weder schräg noch krank, im Gegensatz zu manch anderen Bäumen, die zu Brennholz gemacht werden. Von diesen gibt es laut Krogmann derzeit besonders viele. Das liege an den vergangenen beiden Sommern und am Borkenkäfer. Krogmann zeigt auf eine Fichte. „Die ist tot.“ Er stapft über den weichen, unebenen Boden, kratzt ein Stück Rinde vom Baum. Darunter zeigt sich eine weiße Beschichtung. Krogmann lächelt. „Das ist das größte Lebewesen der Erde. Der Hallimasch, ein Pilz“, erzählt er begeistert. „Bäume und Pilz vertragen sich eigentlich. Aber wenn ein Baum kränkelt, nimmt der Pilz überhand.“ Und wie auch bei diesem Exemplar, falle dem Pilz das umso leichter, wenn der Baum vom Borkenkäfer befallen ist.

Die Zukunftsbäume sehen gut aus, sie können astrein in die Höhe wachsen. In 50 Jahren werden sie vermutlich richtig wertvoll sein.

Markierung zeigt die Bruchleiste am Baum

Dann muss ich ran. Ich säge nach genauen Anweisungen die Fallkerbe aus. Danach markiere ich die Bruchleiste (Scherz, das musste Krogmann machen, weil ich abgerutscht bin), einmal laut „Achtung, Baum fällt!“ rufen und darauf warten, dass die Leute in der Umgebung es hören. Dann setze ich zum Fallschnitt an. Und meine Buche, bei der ich mich vorher im Flüsterton entschuldigt habe, fällt krachend zu Boden.

Ein seltsames Gefühl, so etwas Großes zu Fall zu bringen. Als der Baum dort liegt, säge ich ihn meterweise in Stücke. Diese werden zum Teil noch mit der Axt halbiert. Ich bin sehr ungeschickt – zwei mal dieselbe Stelle treffen will mir nicht gelingen. Dann trage ich das Holz an den Wegesrand.

Frische Luft und Baumfällen macht euphorisch

Völlig erschöpft stolpere ich gegen Ende durch das Dickicht. Meine Arme tun weh, meine Beine sind schwer. Gleichzeitig bin ich euphorisch, die frische Luft, die Anstrengung, ich sehe, was ich geschafft habe. Als Hubert Krogmann mir mein Zertifikat in die Hand drückt, bin ich sogar ein bisschen stolz.

Und obwohl es mir Spaß gemacht hat, lasse ich sie zurück. Die MS 241. So ohne Kamin wäre alles andere albern. Aber wer weiß, wohin das Leben mich noch führt, was da noch kommt. Vielleicht sehe ich sie eines Tages wieder.

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