Vermeintlichen Vergewaltiger zusammengeschlagen

Jugendliche Schläger üben Selbstjustiz

Wildeshausen - Von Ove Bornholt. Mit gesenktem Blick betrat ein 19-Jähriger am Mittwoch den Verhandlungssaal des Amtsgerichts Wildeshausen. Ihn erwartete das erste Wiedersehen mit zwei jungen und geständigen Angeklagten, die ihm vor knapp zwei Jahren am Baggersee in Westrittrum aufgelauert und ihn zusammengeschlagen hatten.

Dafür verurteilte das Schöffengericht den 18-jährigen Täter zu einem zweiwöchigen Dauerarrest und seinen 20 Jahre alten Komplizen zu zwei Wochenenden Freizeitarrest. Zusätzlich müssen beide jeweils 1 500 Euro Schmerzensgeld an das Opfer zahlen. Dessen Leben liegt derweil in Trümmern.

Zur Sache: Angeblich hatte der 19-Jährige die Schwester des 20-Jährigen vergewaltigt. Letzterer fuhr deswegen am 8. November 2015 gegen 19.30 Uhr mit drei Bekannten zum Baggersee, um dem vermeintlichen Übeltäter „auf die Fresse zu hauen“, wie er aussagte. Das tat das Quartett, zu dem auch der 18-jährige Angeklagte gehörte, dann auch recht gründlich. Das Opfer ging zu Boden, wurde aber noch weiter getreten und geschlagen. Schließlich ließ die Gruppe vom damals 17-Jährigen ab, der sich nach Hause schleppte, wo er regungslos auf der Terrasse zusammenbrach.

Teenager leidet weiterhin an den Folgen

Noch heute leidet der Teenager unter den Folgen. Er hat Rückenschmerzen und brach seine schulische Ausbildung ab, weil die Täter die gleiche Bildungseinrichtung besuchten. „Er kriegt sein Leben nicht auf die Reihe“, sagte die Mutter, die berichtete, ihr Sohn werde von der Arbeitsagentur inzwischen als nicht mehr vermittelbar eingestuft. Er habe immer noch viel Angst. Die Panik war direkt nach der Tat sogar so groß, dass der junge Mann trotz einer ärztlichen Warnung vor möglichen Hirnblutungen das Krankenhaus verlassen hatte – auf eigenes Risiko.

Schlimme Folgen für das Opfer, das offenbar grundlos ins Visier der Schläger geraten war. Das Amtsgericht Wildeshausen hatte den jungen Mann in einem gesonderten Verfahren vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. „Weil es nicht stimmt“, so die Richterin. Die Vorwürfe seien deutlich überzogen gewesen, hieß es.

Doch die Schläger waren von anderen Voraussetzungen ausgegangen. „Meine Schwester hat geweint und sich zurückgezogen“, berichtete der 20 Jahre alte Bruder, der am Tattag von der angeblichen Vergewaltigung erfuhr und zügig handelte. „Selbstjustiz darf man nicht. Das war Scheiße von uns“, sagte er vor Gericht. Genau wie der 18-Jährige räumte er die vorgeworfenen Taten ein und reichte dem Opfer im Gerichtssaal die Hand zur Entschuldigung.

Urteil gegen 22-Jährigen bereits gefallen

Gegen den 22 Jahre alten Fahrer des Quartetts ist bereits im Juni ein Urteil ergangen. Wie berichtet, muss auch er 1 500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Laut Aussagen der nun verurteilten beiden Angeklagten hatte er das Opfer unter dem Vorwand, Teile für Motorroller kaufen zu wollen, an den Tatort gelockt. Dort war die Situation dann nach einem hitzigen Gespräch eskaliert.

Die nun verhängten Strafen sollen auch dazu dienen, den 18- und 20-Jährigen erzieherisch zu erreichen. Allerdings sind die beiden durchaus schon mal mit dem Gesetz kollidiert. So ist der Jüngere wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Zeichen und Beleidigung aufgefallen. Der 20-Jährige ist wegen Körperverletzung und Fahrens ohne Fahrerlaubnis aktenkundig. Die Schwierigkeiten hatten allerdings schon früher angefangen. Beide haben Probleme in der Schule gehabt und einer teilweise in einer Pflegefamilie gelebt.

Rubriklistenbild: © dpa

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