Vor 100 Jahren verwüsteten Explosionen den Luftschiffhafen Ahlhorn

„Der Himmel war glutrot bis an den Zenit“

Nach den Explosionen lagen weite Teile des Luftschiffhafens in Trümmern, wie dieses Schwarz-Weiß-Foto zeigt.

Ahlhorn - Von Dirk Faß. Heute ist es genau 100 Jahre her, dass mehrere gewaltige Explosionen Teile des damaligen Luftschiffhafens Ahlhorn in ein Trümmerfeld verwandelten und 15 Menschen töteten. Augenzeugin Helene Rohleder schrieb ihre Erinnerungen an die Katastrophe 1967 in dem Heft „Oldenburgischer Hauskalender“ auf. Dieser Aufsatz wurde aus dem Buch „Die Geschichte des Fliegerhorstes Ahlhorn“ des Großenkneter Heimatforschers Dirk Faß um einige Details ergänzt.

Es war am 5. Januar 1918, 17.30 Uhr. Ich stand im Ahlhorner Posthaus an unserem Küchenfenster, das auf unseren Park hinausging, als sich in Sekundenschnelle die Welt bis an den Horizont in schwefelgelb erhellte. Zugleich erbebte die Erde. Mein erster Gedanke: Das Ende der Welt! Ein Gottesgericht! „Er“ hat gesprochen! Fenster klirrten, Dachziegel prasselten herab, Türen sprangen auf. Panik im ganzen Haus. 

Die Menschen rasten wild durcheinander. Halbangezogene kamen die Treppen heruntergestürzt. Geschrei: „Luftangriff“, „In den Keller“, „Spionage!“, „Nach draußen!“ Ich höre noch alle durcheinander rufen. Anstatt durch die Tür gingen sie über Tische und Stühle durch die Fenster. Ein Postbeamter wollte die Kasse retten und verlor alles Geld auf der Kellertreppe.

„Die Welt brannte“

Dann der zweite Knall. Den ersten hatte ich nicht einmal gehört. Der Himmel war glutrot bis an den Zenit. Die Welt brannte. Mein Vater fasste sich als erster und ging vor die Tür. Feuerregen ging nieder. Nun wusste er es genau: der Luftschiffplatz!

Sirenengeheul setzte ein. Von weit und breit eilten unter wildem Hupen Rettungsmannschaften herbei. Dazwischen die bekannte Hupe des Großherzogs von Oldenburg. Mit Stolz hatte er die Einrichtung in seinem Lande entstehen sehen.

In drei Minuten war das Millionenwerk von drei Jahren ein Trümmerhaufen. Vier große Doppelhallen mit je zwei startbereiten, prall gefüllten, bombenbeladenen Luftschiffen waren samt den dazugehörigen Mannschaftsgebäuden vernichtet. Tote und Verwundete. Da es ein Samstagabend war, waren viele schon auf dem Nachhauseweg – Gott sei Dank.

Explosion kilometerweit zu spüren

In mehr als 100 Kilometern Entfernung hatte man das Beben der Erde durch das Klirren der Fensterscheiben und Aufspringen von Türen verspürt. Unser Posthaus war dank der für uns günstigen Windrichtung und im Schutz von 18 dicken Kastanien mit weniger großen Schäden davongekommen.

Ein Einziger, ein Monteur, der in Halle eins gearbeitet hatte, konnte Bericht erstatten. Er war wie durch ein Wunder gerettet worden, indem er durch den großen Luftdruck hinaus gehoben wurde und langsam, wie auf Fittichen getragen, auf einer Wiese landete.

Der Mann erzählte, dass sich eine riesige Stichflamme in einem der Luftschiffe entzündet und daraufhin sofort die erste Explosion eingesetzt habe. Durch den Feuerregen geriet Halle zwei, die unmittelbar daneben stand, in Brand. Wie das Feuer auf die Hallengruppe drei und vier übergriff, die gleich darauf durch weit stärkere Detonation beide auf einmal zusammenbrachen, darüber ist man sich nicht im Klaren. 

15 Tote und rund 30 Schwerverletzte

Man vermutet, die Verbindung sei durch die Gasleitung hergestellt worden. Auf jeden Fall: Trotz der 800 Meter Entfernung wurden die beiden Hallen nicht vor dem Zusammenbruch infolge des Unglücks bewahrt.

Namenloses Weh herrschte überall, war doch neben dem enormen Material auch der Verlust des höchsten Guts, wertvoller Menschenleben, zu beklagen: 15 Tote, etwa 30 Schwerverletzte und weit mehr als 100 Leichtverletzte. Viele musste man aus den Trümmern befreien oder bergen. Geknickte, zerborstene Hallenträger, verstreut liegendes Mauerwerk, Aluminiumfetzen, geplatzte Benzinfässer, klägliche Überreste der eben noch so mächtigen Luftriesen sowie zerstörte Hallenkasernen und Magazine boten einen entsetzlichen Anblick.

Unendlich schmerzlich war für uns Ahlhorner das Wiedersehen mit Marinebaurat Beck, dem Erbauer des Luftschiffplatzes. Sein Lebenswerk war zerstört. Aber es dauerte nicht lange. Er packte die Arbeit noch einmal wieder an. Innerhalb von sechs Monaten waren sechs Hallen wiederaufgebaut, und nach wie vor traten Luftschiffe Feindflüge an.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Diese Dinge sollten Sie schleunigst aus Ihrem Wohnzimmer entfernen

Diese Dinge sollten Sie schleunigst aus Ihrem Wohnzimmer entfernen

Deichbrand-Festival: Party am Freitag

Deichbrand-Festival: Party am Freitag

Fotostrecke: Werder verliert Testkick gegen Köln

Fotostrecke: Werder verliert Testkick gegen Köln

Deichbrand Festival am Freitag: Beste Stimmung unter den Festivalisten

Deichbrand Festival am Freitag: Beste Stimmung unter den Festivalisten

Meistgelesene Artikel

Tierärztin Wiebke Miesner zahlt für Katzen-Operation

Tierärztin Wiebke Miesner zahlt für Katzen-Operation

Katholische Kirche bietet Bau einer Grundschule an

Katholische Kirche bietet Bau einer Grundschule an

„Genuss am Fluss“: Veranstalter setzen auf Unterstützung der Stadt

„Genuss am Fluss“: Veranstalter setzen auf Unterstützung der Stadt

Motorradfahrer stirbt bei Kollision mit Auto auf der Autobahn 29

Motorradfahrer stirbt bei Kollision mit Auto auf der Autobahn 29

Kommentare