Ein stummer Zeitzeuge

Weißes Marmorkreuz erinnert an georgischen Überfall im Zweiten Weltkrieg

Peter von der Dovenmühle zeigt das Marmorkreuz, das an eine schreckliche Zeit erinnert.
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Peter von der Dovenmühle zeigt das Marmorkreuz, das an eine schreckliche Zeit erinnert.

Nachdem das Evangelische Blockhaus Ahlhorn in diesem Jahr geschlossen wurde, erinnerte sich Peter von der Dovenmühle, der Sohn des langjährigen Blockhausleiters Rolf von der Dovenmühle daran, dass sein Vater dem Gebäude ein weißes Marmorkreuz als Dauerleihgabe überlassen hatte.

Ahlhorn – Das etwa 40 Zentimeter hohe Ornament stand viele Jahre auf dem Altar der Kirche „St. Petri zu den Fischteichen“. Das Kreuz hat oberhalb des Sockels eine Bruchstelle und wurde geklebt. Niemand ahnte bisher, woher dieses Kreuz stammte und welche tragische Historie dahinter steht, bis Peter von der Dovenmühle aus dem Nachlass seines Vaters folgende Geschichte fand: Es erinnert an das tragische Ende des Marinepfarrers Edmund Haake, der vor dem Krieg eine Gemeinde in Varel betreute und sich schon früh der „Bekennenden Kirche“ anschloss. Als die NSDAP das „Alte Testament“ abschaffen wollte, die Nürnberger Rassengesetze verkündete, und als in der Kristallnacht auch die Vareler Synagoge in Flammen aufging, ermahnte er seine Gemeinde, Gottes Wort ohne Abstriche zu glauben und die Handlungen der NSDAP zu verurteilen. Durch seine Verkündungen wurde er bespitzelt, wobei auch Scheiben seiner Wohnung zu Bruch gingen. Da bot Marinedekan Friedrich Ronneberger ihm an, Marinepfarrer zu werden. Diese Tätigkeit nahm er in Den Helder in Nordholland auf.

Sein katholischer Amtsbruder war damals der Marinepfarrer Theo Pieper, der die Verzweiflungstat der Georgier-Wlasslow-Truppen am Ende des Krieges miterlebte. Es waren russische Freiwilligenverbände, die unter dem Kommando des Generals Wlasslow auf deutscher Seite kämpften.

Später berichtete er Folgendes: „In der Woche nach Ostern hatten Pfarrer Haake und ich eine Gottesdienstreise zu allen Texelbatterien gemacht. Wir hatten auch den Bunkerkomplex Haus Texla besucht, das Hauptquartier des Georgischen Bataillons, ich hatte dort einen Ostergottesdienst für die Deutschen gehalten.

Einige Gewehrkugeln, die uns gelten sollten, schlugen durch die Scheiben, sobald sich einer von uns dem Fenster näherte.

Theo Pieper, Marinepfarrer

Am Abend des 5. April nahmen wir bei unserer Texelreise Quartier im Hotel ,De Lindenboom‘ in Den Burg. Beim Gespräch mit dem deutschen Kommandanten des Georgierbataillons haben wir gehört, dass ein großer Teil seiner Truppen auf dem Festland zum Einsatz kommen sollte. Als wir durch anhaltendes Schießen um ein Uhr in der Nacht wach wurden, glaubten wir zunächst, dass die Verlegung der Truppe mit einer Übung verbunden würde. Darauf erkannten wir, dass es sich nur um eine Meuterei der Georgier handeln konnte. Wir sahen sie feldmarschmäßig mit Gewehr im Anschlag und wir sahen tote Soldaten auf dem Marktplatz liegen. Einige Gewehrkugeln, die uns gelten sollten, schlugen durch die Scheiben, sobald sich einer von uns dem Fenster näherte.

Als es vom Turm der Kirche sieben Uhr schlug, verließ ich hinter dem Hotel den Garten, um von dort aus die Marinesoldaten zu warnen, die uns zur selben Zeit abholen sollten. Wenige Minuten später lief ich einem russischen Posten in die Hände. Ob er meinen Hinweis auf das Kreuz an der Mütze und den Pfarrdienst verstand, weiß ich nicht, jedenfalls musste ich mit erhobenen Händen voraus zu Haus Texla laufen. Der Exekution entging ich, indem ich laut schrie, ich wollte einen Offizier sprechen, der Deutsch verstehen würde. Ich wurde in einen Bunker eingesperrt. Als gegen Abend die Russen aus ihrem Hauptquartier Texla vertrieben wurden, wurde ich mit ein paar anderen befreit.

Ein deutscher Offizier sprach mich unmittelbar darauf an und führte mich abseits, wo Pfarrer Haake und wenige Mitbewohner vom Hotel Lindeboom erschossen lagen. Es waren traurige Tage für die Insel, für alle, die in diese Tragödie auf Texel verwickelt waren.“

Als das 822. georgische Bataillon, dazu gehörten etwa 800 Russen und 400 Deutsche, am 5. April 1945 einen Marschbefehl zum Festland erhielten, überfielen und töteten die Georgier in der Nacht ihre schlafenden deutschen Mitsoldaten. Der tragische Schlussakt im April-Mai 1945 auf Texel kostete 89 Holländer, 566 Georgier und 417 Deutsche, unter denen sich auch Edmund Haake befand, das Leben. Er fand den Tod am 6. April 1945, im Alter von 48 Jahren.

Fünf Jahre nach Kriegsende wurden alle in Holland gefallenen deutschen Soldaten auf einen gemeinsamen Friedhof nach Yesslsteyn/Gemeinde Venray, nahe der deutschen Grenze, umgebettet. Dort ruhen unter 31 538 Kreuzen auch die Gefallenen von Texel und unter ihnen Marinepfarrer Edmund Haake. Neben seinem Leichnam wurde das zweigeteilte Marmorkreuz gefunden. Später wurde es durch die Witwe Friedrich Ronneberger an Rolf von der Dovenmühle übergeben. Es sollte als Altarkreuz dienen, um eindringlich für den Frieden zu mahnen.

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