Vor 90 Jahren ging bei Bissel ein Meteorit nieder / Teil des kosmischen Artefaktes ist verschollen

Ein steinerner Bote aus dem Weltall

Johann Schnieders präsentiert auf einem zeitgenössischen
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Johann Schnieders präsentiert auf einem zeitgenössischen

Bissel/Beverbruch – Vor genau 90 Jahren, am 10. September 1930, ereignete sich etwas Bemerkenswertes: Zwischen Bissel und Beverbruch ging ein Meteorit nieder. Wie lange der Gesteinsbrocken durch das Weltall gereist war, bis er in die Atmosphäre unseres Heimatplaneten eingedrungen ist und sich in den Boden des Oldenburger Landes grub, ist nicht bekannt. Ebenso wie der jetzige Aufenthaltsort eines seiner beiden Bruchstücke: Ein Teil des kosmische Artefaktes ist allerdings verschwunden.

An jenem denkwürdigen Tag wurden viele Bewohner des Raumes zwischen Wildeshausen, Vechta, Cloppenburg, Garrel und Wardenburg um etwa 14.15 Uhr durch einen unerwarteten starken Knall, anschließendes lautes Sausen und Pfeifen verbunden mit einem zweiten Knall, aufgeschreckt. In der Bevölkerung herrschte eine außerordentliche Erregung, denn für diese auffälligen Geräusche fand man keine Erklärung.

Überlieferungen und Quellen zufolge fuhr zur gleichen Zeit der Landwirt Johann Schnieders aus Halenhorst, unweit vom Sager Meer, auf seinem Fahrrad nach Bissel. Auf der Heide bei Beverbruch rund 4,5 Kilometer in nordwestlicher Richtung von ihm entfernt, weidete zu dieser Stunde der Schäfer Klemens Bley die Tiere seines Dienstherren. Er war wohl gerade eingenickt und hatte das vorangehende Getöse überhört. Doch fuhr Bley aufs Äußerste erschreckt auf, als er ganz in der Nähe ein heftiges Dröhnen und Sausen vernahm. Auch der Schnieders hatte das zweimalige Knallen gehört. Als ihm das seltsame Rauschen und Brausen ins Ohr drang, hatte er das Gefühl, als fliege etwas „dicht über seinem Kopfe“ hinweg, wie er später berichtete. Beide aber – und das ist außerordentlich wichtig für diese Geschichte und zählt zu den Eigentümlichkeiten des Ereignisses – sahen, wie vor ihnen Sand und Heidestücke etwa 1,5 Meter emporgeschleudert wurden. Der Schäfer war nur 19 Meter davon entfernt, der Radfahrer etwas weiter.

Als sie nach der Überwindung des ersten Schreckens neugierig hinzutraten, fand jeder eine regelrechte Einschlagstelle, in der offenbar irgendetwas Schweres mit großer Wucht hineingeschleudert worden war. Schnieders grub – mit Hilfe des in der Nähe wohnenden Landwirtssohnes Ernst Grotelüschen – mit einem rasch herbeigeholten Spaten nach, und brachte aus etwa 35 Zentimetern Tiefe einen merkwürdigen, größtenteils schwarzen Stein von 24 Zentimeter Länge und 12,7 Zentimeter größter Breite ans Tageslicht. Währenddessen hob Bley, nachdem er zunächst ängstlich gezögert hatte und mehrere Leute aus der Nachbarschaft herbeigelaufen waren, aus einem etwa 50 Zentimeter tiefen und 60 Zentimeter breiten Loch einen ähnlichen Fund. Die beiden Fragmente passten an der Bruchkante perfekt zusammenpassten. Die Stücke wurden nach ihren Fundorten benannt. So erhielt das Kleinere den Namen „Bissel“, das größere „Beverbruch“. Zunächst wurden die Fundstücke in der Schule im nahen Nikolausdorf (heute Gemeinde Garrel) in die Obhut von Hauptlehrer Konrad Meyer gegeben. Dieser sicherte sich die Meteoriten durch Ankauf. „Stein Bissel“ wurde anschließend für eine Woche zur ersten allgemeinen Besichtigung in die Redaktion der „Wildeshauser Zeitung“ gebracht. Ende November kamen beide Hälften in das noch junge Museumsdorf Cloppenburg.

Über den weiteren Verbleib der beiden Hälften berichtet Dieter Heinlein im Ausstellungskatalog „The Munich Show – Mineralientage München – Das Themenbuch Meteoriten 2014“: Nach dem feurigen Flug durch die Erdatmosphäre, der aufsehenerregenden Landung südlich von Oldenburg, sowie der Würdigung durch Schaulustige und wissenschaftlich Interessierte, kehrte für die Meteoritensteine jetzt eine mehrere Jahrzehnte währende Ruhepause ein. Im Panzerschrank des Museumsdorfs wurden die wertvollen Objekte bestens verwahrt, jedoch leider nie öffentlich ausgestellt, da solche naturkundlichen Exponate wie Meteoriten eigentlich nicht wirklich zum Profil der Einrichtung passten, die eher auf Kultur- und Agrargeschichte, sowie ländliche Baudenkmäler ausgerichtet ist.

Am 19. Juli 1996 verkaufte die Tochter von Lehrer Konrad Meyer den „Stein Beverbruch“ an einen Münchner Mineralienhändler. Durch die Vermittlung einer Münchner Fachmesse wurde der Weltraumstein bereits Ende des Jahres in eine bayrische Mineraliensammlung integriert. Als von Dezember 2000 bis Februar 2001 im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg die Ausstellung „Weltall Aktuell: Planeten und Schöpfung““ gezeigt wurde, verlieh der Direktor des Museumsdorfes Cloppenburg, Dr. Uwe Meiners, den Bissel-Meteoriten an seinen Oldenburger Kollegen Dr. Mamoun Fansa. Diese Ausleihe erfolgte mit kollegialem Vertrauen – ohne Leihschein für das wertvolle Exponat.

Fatalerweise verliert sich die Spur des Bissel-Fragments nach Beendigung der Oldenburger Ausstellung: Seitens des Museums existiert kein Nachweis für die Rückgabe des Gegenstandes – es gibt nicht einmal eine vage Erinnerung der Leihnehmer daran, was mit dem wertvollen und denkmalgeschützten Exponat geschehen sein könnte. Dr. Meiners hat den Bissel-Meteoriten nach Ausstellungsende wohl auch nicht vermisst oder dessen Rückgabe angemahnt, weil es angedacht war, den verbliebenen Meteoriten dem Museum zu überstellen, wohin er zweifellos besser gepasst hätte.

Der größere „Stein Beverbruch“, der sich in einer Privatsammlung in Bayern befindet, wurde vom 24. bis zum 26. Oktober 2014 auf Europas größter Mineralienmesse in München öffentlich präsentiert. Er war im Rahmen der Sonderschau „Meteoriten – Schätze des Universums“ zu sehen. Trotz intensiver Bemühungen war es leider nicht möglich, in der Ausstellung auch das zweite Teilstück des Oldenburger-Falls, das Bissel-Fragment zu zeigen.

Von Dirk Fass

Die beiden Teilstücke des Meteoriten.

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