Pläne für ein monströses „Haus des Gauleiters“ wurden nicht mehr verwirklicht

Blockhaus sollte Nazi-Prestigeobjekt werden

Aus düsteren Zeiten: So hätte sich „Reichsstatthalter“ Röver das „Haus des Gauleiters“ an den Ahlhorner Fischteichen gefallen lassen. Repros/Foto:Faß

Ahlhorn - Von Dirk Fass. Das Blockhaus an den Ahlhorner Fischteichen – heute im Besitz der Oldenburgischen Landeskirche – ist als Jugendheim weithin bekannt. Doch es existierten während des Dritten Reiches Pläne, an der Stelle ein vergleichsweise monströses „Haus des Gauleiters“ nebst einem „Gaukameradschaftsheim“ zu errichten. Noch vor dem Beginn seiner Karriere als Ministerpräsident des Oldenburgischen Landtags, und wenige Jahre später Gauleiter und Statthalter von Oldenburg und Bremen, entdeckte Röver den südöstlichen Teil der Sager Heide. Hier begann man 1898 in der Halener Mark einen Zuchtbetrieb für Süßwasserfische einzurichten. In späteren Jahren erfolgte eine Ausdehnung über die Lethegrenze hinweg in die Gemeinde Großenkneten.

Das Aussehen des Gebietes der Sager Heide nördlich der Lethe, vor dem Ausbau für die künftige Nutzung für die Teichwirtschaft, beschreibt der frühere oldenburgische Ministerialrat Theodor Tantzen folgendermaßen: „In der Sager Heide lagen weiträumige Ödlandflächen, die aus einem hügeligen Gelände mit großen flachen Mulden bestanden, von Natur aus wie zu Fischteichen geschaffen. Die Höhenzüge bestanden aus armem Flugsand, die Mulden dagegen aus schwarzem Mutterboden. Große Sand- und Staubwolken erhoben sich bei Stürmen in diesem Gelände, als es sich noch in seinem ,Urzustande‘ befand. Der Wehsand wanderte durch die ganze Heide. Der verstorbene Landtagsabgeordnete Hollmann äußerte bei einer der letzten Landtagsbereisungen: ,Diesen Boden hat unser Herrgott in seinem Zorn erschaffen.‘“ Mit dem Ausbau der Ahlhorner Fischteiche entstand schließlich eine einzigartige Naturlandschaft.

Als Naturliebhaber entdeckte Röver, der auch für den Bau des Freilichttheaters „Stedingsehre“ in Ganderkesee verantwortlich zeichnete, diese noch recht neu angelegte Seenlandschaft. Besonderes Interesse erweckte bei ihm eine Erhebung von aufgewehtem Sand, von der man einen herrlichen Blick über den nahen, am Gelände angrenzenden Helenensee hatte. Heideflächen, Sanddünen, Krüppeleichen, Birken, Fichten und viele verschiedenen anderen Gehölze prägten die Landschaft zwischen den Fischteichen. Angetan von diesem malerischen Stück Natur fand er sich hier des Öfteren ein. Rövers Tochter schilderte nach dem Krieg die Szenerie folgendermaßen: „Ein kleines bescheidenes Blockhaus, die heutige ,Jungenburg Ahlhorn‘ war die große Liebe meines Vaters. Es muss wohl 1932 gewesen sein, an einem Sonntag – mein Vater schwärmte: Hier müsste man ein Häuschen haben. Er war verliebt in diesen Platz. Es war der Fleck. Damals, als wir Picknick machten, war das ein Traum, nie erfüllbar, da das Gelände staatlich ist und war. Das kleine Blockhaus wurde von einem Bautrupp des Freiwilligen Arbeitsdienstes Standort Ahlhorn-Teichwirtschaft gebaut, ich glaube ohne jede andere Hilfe. Es war für meinen Vater eine Überraschung, er wußte nichts davon und hatte also nicht mitgeholfen.“

Der Architekt Paul Massow war dabei, als der Reichsarbeitsdienst (RAD) für Röver das kleine Blockhaus baute: „Als Angehöriger des Reichsarbeitsdienstes erhielt ich im Frühjahr 1934 den Befehl, einen Bautrupp aus Handwerkern zusammenzustellen, um auf dem Gelände der Teichwirtschaft ein Blockhaus zu errichten. Das kleine Blockhaus wurde auf dem baumbestandenen Sandhügel zwischen den Fischteichen gebaut. Die Männer des RAD schlugen das geeignete Holz für das Fachwerk im angrenzenden Wald. Im Wohnraum wurde ein offener Kamin in Ziegelsteinen gemauert.“Das Lager des RAD befand sich auf dem Gelände der Teichwirtschaft und war schon 1932 eingerichtet worden. Als ein Jahr später zum ersten Mal die Gauamtsleiter, Kreisleiter und Ortsgruppenführer zu einer mehrtägigen Tagung befohlen wurden, mussten sie in Zelten übernachten. Die Unterbringung gefiel ihnen nicht. Da soll Röver gesagt haben. „Dann müsst Ihr euch selber ein Haus bauen.“ Um eine feste Unterkunft zu schaffen, ließ er in einem ersten Bauabschnitt das Kameradschaftsheim errichten.

Ein Kreisleiter, der vorher Zimmermeister war, leitete die Bauarbeiten. Vom Gauamtsleiter bis zum Ortsgruppenleiter wurden kleine Arbeitskommandos zusammengestellt, die im Wechsel von acht bis zehn Tagen zum Aufbau des Parteihauses eingesetzt wurden. Die Stellung der Stützen im Altbau verraten im Blockhaussaal noch heute, dass das bauliche Gefüge nicht ganz in Ordnung war. Immerhin wurde der Bau fertig und ist bis heute standfest geblieben. Im zweiten Bauabschnitt wurde das Haus 1937 erweitert. Mit dem „Eigenbau“ war es nun zu Ende. Für den weiteren Ausbau wurde der Architekt Dietrich Schelling verantwortlich gemacht. Er erinnert sich: „Der große Saal, der heutige Blockhaussaal, wurde um eine Achse vergrößert. ... Im Obergeschoss wurden drei Räume für Röver zur Verfügung gestellt. Nach meinem Auftrag durfte ich nicht mehr als 38 000 Reichsmark verbauen. Da der Bau während der Abwesenheit des Bauherren durchgeführt wurde, mussten wir alles auf unsere Kappe nehmen. Mit den bewilligten Geldern war nicht viel zu machen, und so kam, was kommen musste: die Überschreitung der Bausumme um 40 Prozent. Als der Gauleiter nach der Rückkehr das Haus sah, war er begeistert. Leider wurde die Begeisterung sehr schnell geschmälert, als er die Bausumme erfuhr. Es gab darauf einen heillosen Krach.“

In den folgenden Jahren bekam Architekt Schelling immer wieder neue Aufträge für die Planungen weiterer Gebäude, wie eine große Zahl von Skizzen und Bauplänen beweisen. Immer größer und pompöser sollten die Gebäude auf der Blockhausinsel werden. Im Juli 1941 fertigte er Pläne für ein „Haus des Gauleiters“ von 17 Meter Länge und zwölf Meter Breite, das nie erbaut wurde. 1942 erhielt er einen Auftrag, der alles Bauliche im weiten Umkreis in den Schatten stellen sollte. Das bekunden einige Bauzeichnungen, die nicht nur rundum die Außenansichten, sondern im Detail Balkenverzierungen am offenen Kamin wie auch ein Lesezimmer mit einer Stuckdecke zeigen. Geplant war, vor dem „Gaukameradschaftsheim“ in östlicher Richtung, getrennt durch einen Innenhof mit Brunnenanlage, ein dreigeschossiges Fachwerkhaus zu errichten, das im Obergeschoss 39 Fremdenzimmer mit 78 Betten sowie vier Badezimmer umfassen sollte. Im Erdgeschoss waren ein Speisesaal, Lesezimmer und eine Halle mit offenen Kamin vorgesehen sowie im Kellergeschoss ein Fahrerraum, Kohlen- und Weinkeller als auch eine Waschküche, die gleichzeitig als Luftschutzraum dienen sollte. Vor diesem Raum zeigt sich in der Zeichnung ein Splitterschutzmauerwerk. Über der Eingangspforte zwischen Haupt- und Nebengebäude sollte über das Dach hinaus eine Turmuhr thronen. Diese Pläne fanden keine Verwirklichung mehr. Möglicherweise hatte der Hausherr Röver dem Architekten Schelling den Auftrag gegeben. Röver stirbt am 15. Mai 1942 in der Charité- Nervenklinik in Berlin.

Der Zweite Weltkrieg tobte und je näher die Front kam, umso bescheidener wurden Schellings Bauzeichnungen. Im Juli 1943 fertigte er mehrere Baupläne für eine „Gauausweichunterkunft“ an. Diese zeigen eher eine solide einfache Bauweise, kein Prestigeobjekt mehr. Als 1944 die Kampfhandlungen sich immer weiter ins Deutsche Reich verlagerten, baute Dietrich Schelling mit zwölf russischen Jugendlichen die sogenannte „Ausweichstelle der Gauleitung“. Da Baumaterial schon sehr knapp geworden war, musste man auf das Material von zwei Baracken zurückgreifen. Diese Räume sind aber nicht mehr zweckentsprechend genutzt worden. Als die englischen Truppen im April 1945 die Linie Wildeshausen-Ahlhorn- Oberlethe überschritten hatten, nahmen sie danach auch das Blockhaus, das kurz darauf den Kanadiern als Stützpunkt diente.

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