38-Mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten

Angeklagte bekommt Chance auf rechtschaffenes Leben

Sage - Von Ove Bornholt. Wütend sprang die Angeklagte mitten während der Verhandlung auf und stürmte aus dem Gerichtssaal, um draußen eine Zigarette zu rauchen und sich zu beruhigen. Da konnte die 51-jährige Frau aus Sage auch noch nicht ahnen, dass sie noch eine – vielleicht die letzte Chance – bekommen würde, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken.

Die Frau, die bis November im offenen Vollzug in der JVA Vechta einsitzt, stand am Mittwochmorgen wegen eines Betrugsvorwurfs vor dem Amtsgericht Wildeshausen. Sie hatte Wohngeld von der Gemeinde Großenkneten bezogen, sich aber nicht gemeldet, als ihr Einkommen durch eine neue Arbeitsstelle stieg und sie deswegen nicht mehr bezugsberechtigt war. Es ging um 1.125 Euro.

Dass seine Mandantin eine Pflichtverletzung begangen habe, sei klar, so der Verteidiger. Doch gegen den Betrugsvorwurf wehrte er sich energisch. Und zwar aus einem guten Grund. Die 51-Jährige könnte im Mai vorzeitig entlassen werden. Dem hätte eine erneute Verurteilung im Wege stehen können.

Im Antrag war fett gedruckt vermerkt, dass sobald eine Einkommenserhöhung um 15 Prozent vorliegt, eine Meldung an die Gemeinde erfolgen muss. Das habe sie nicht gelesen, erklärte die Frau. Auf Briefe der Sachbearbeiterin, die zufällig von dem neuen Arbeitgeber erfahren hatte, reagierte die Angeklagte nicht. Diese wurden an ihre Adresse in Sage geschickt, empörte sich die 51-Jährige. Sie sei oft nicht dort, sondern in der JVA oder bei der Arbeit gewesen, sagte die Frau, die in ihrem Leben noch nicht oft auf der Sonnenseite stand.

38 Einträge weist das Bundeszentralregister unter ihrem Namen auf. So oft kam sie also mindestens in Konflikt mit dem Gesetz. Lange bezog sie Hartz IV. Seit fünf Jahren befindet sie sich in der Privatinsolvenz, zahlt mit einem großen Anteil ihres monatlichen Einkommens als Kurierfahrerin Schulden ab und muss als Kind in einem Heim gelebt haben. Letzteres könnte ihr nun helfen, ihr Leben – vielleicht erstmals – in den Griff zu kriegen.

Denn aus einem Entschädigungsfond für Heimkinder hat sie einen Anspruch auf 10.000 Euro. Mit dem Geld möchte sie sich als Fahrerin selbstständig machen und ist auch laut ihrem Bewährungshelfer, der sich seit März 2010 um sie kümmert, auf einem guten Weg.

Diese Chance wollte ihr die Richterin nicht verbauen. Sie schlug eine Einstellung des Verfahrens vor, solange die 1.125 Euro wieder zurück an die Gemeinde überwiesen würden. Die Staatsanwältin stimmte „unter Bauchschmerzen“ zu.

„Sollte das nicht bezahlt werden, würden wir wieder hier sitzen. Das wollen Sie nicht“, verabschiedete die Richterin die Angeklagte mit eindringlichen Worten.

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