76-jährige Inge Schmidt kam 1945 aus Westpommern in die Region

Ahlhornerin verarbeitet Flucht vor dem Krieg in einem Buch

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Inge Schmidt verarbeitete in ihrem Buch „Eishände“ ihre Zeit als Flüchtling aus dem Osten. Auch Ehemann Heinz stammt aus Westpommern. 

Ahlhorn - Von Ove Bornholt. Wenn Inge Schmidts Nichte beim Lesen des Manuskripts nicht in Tränen ausgebrochen wäre, hätte die 76 Jahre alte Ahlhornerin ihr Buch „Eishände“ vermutlich niemals veröffentlicht. Darin erzählt die resolute Rentnerin die Geschichte ihrer Flucht aus Pommern im März 1945 und berichtet über die Jahre in Drantum bei Emstek und Ahlhorn.

Der Buchtitel bezieht sich auf die Kälte im Winter 45/46, den Schmidt mit ihrer Mutter und vier ihrer zehn Geschwister in einer ungeheizten Zwei-Zimmer-Wohnung verbrachte. Gleichzeitig spielt „Eishände“ auf den Empfang der Flüchtlinge aus dem Osten durch die Menschen in Drantum an, der laut Schmidt alles andere als warmherzig war. Auch weil die Neuankömmlinge mehrheitlich evangelisch waren. „Ich habe diese Zeit lange nicht verarbeitet. Das ist meine Verarbeitung“, sagt Schmidt und zeigt auf das Buch.

Ohne Punkt und Komma

Die 76-Jährige sitzt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer und redet ohne Punkt und Komma. Die Worte sprudeln nur so aus der Autorin, die ja eigentlich lediglich ihre Familiengeschichte aufarbeiten wollte, wie sie sagt. Sie schrieb ein paar Jahre hin und wieder sowie nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, daran. „Ich konnte nicht jeden Tag sitzen und schreiben. Man hat ja ein Haus und einen Garten“, so Schmidt. Als sie fertig war, gab sie ihrer Nichte, die als Sekretärin arbeitet, das Manuskript zum Korrekturlesen. Dann flossen die Tränen, aus Rührung. „Und Freude, weil das Buch so schön war“, sagt Schmidt. Ihre Verwandte wandte sich an den Geest-Verlag in Vechta, der das Werk jetzt in einer Auflage von 300 Stück druckte.

Einmal gehen der Autorin dann aber doch die Worte aus, während sie über ihr Leben und das Buch spricht. Es soll auch das Glücksgefühl beschreiben, das in Schmidt aufkommt, wenn ihre Familie zum Beispiel zu Weihnachten zu Besuch ist. Sohn und Enkelkinder wohnen in Cloppenburg, eine ihrer Schwestern nur ein paar Häuser weiter in Ahlhorn, mehrere andere Geschwister in der Nähe. „Es ist...“, setzt Schmidt an und weiß nicht weiter. Sie fährt mit den Händen durch die Luft, verschränkt die Arme ein Stück vor ihrem Körper und deutet die festen Umarmungen an, die bei den Schmidts offenbar üblich sind.

Alltagsleben der 1950er- und 60er-Jahre

Die Rentnerin beschreibt in „Eishände“ nicht nur Flucht und Mobbing, sondern auch das Alltagsleben der 1950er- und 60er-Jahre auf dem Land, erzählt von kleinen Streichen, dem Erwachsenwerden, ihrem ersten Kuss und ihrer großen Liebe. Ehemann Heinz kommt aus dem gleichen Dorf in Pommern, Jasenitz (polnisch Jasienica), wie sie.

Die Kapitel des 165-seitigen Buchs sind kurz gehalten. Die Autorin reiht aus der Ich-Perspektive viele kleine Geschichten aneinander und verleitet hin und wieder auch zum Schmunzeln, wenn sie als junges Mädchen beispielsweise Mamas BH anprobiert. Die Abschnitte sind mit alten Fotos illustriert, am Ende von „Eishände“ informiert eine Übersicht mit Geburts- und Todesdaten über die Familie der Autorin.

Schmidt stellt ihr Buch am Freitag, 29. September, ab 19 Uhr im Spieker des Heimatvereins Langförden an der Straße Am Meyerhof im gleichnamigen Dorf vor. Die Lesung ist öffentlich. Das Buch ist für zwölf Euro im Handel, aber auch bei der Autorin selbst (Tel. 04435/2377) erhältlich.

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