„Zug der Erinnerung“ zeigt Schicksale

„Größtes Übel ist das Schweigen“

Die Einzelschicksale beeindruckten auch Sharina Dorow, Rebecca Brumma und Maimouna Jammeh (v.l.).Fotos: Steenken

Oldenburg - DELMENHORST (cs) · Klänge der jiddischen Klezmer-Musik tönen über das Gleis 1 am Delmenhorster Bahnhof. Mit der Klarinette an den Lippen drängt sich Helmfried Röder durch eine große Gruppe von Menschen an das Ende des Bahnsteigs. Es geht vorbei an vielen Waggons bis an die Spitze des Zuges. Aus einer Lokomotive steigt grau-weißer Rauch in den Himmel.

„Wir können uns fragen, ob auch diese Lokomotive Kinder und Jugendliche deportiert hat“, sagte Delmenhorsts Oberbürgermeister Patrick de La Lanne. Diese Frage war nicht unberechtigt, gehörte die Lokomotive doch zum Standard in Zeiten der Reichsbahn.

Gewiss war aber, dass die Waggons Erinnerungen an die etwa 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche an Bord haben, die in der Zeit des „Dritten Reichs“ ermordet worden sind. Der „Zug der Erinnerung“ macht seit gestern Halt in Delmenhorst. Zur Eröffnung waren nicht nur Vertreter aus der Politik, von christlichen, jüdischen und islamischen Gemeinden und verschiedenen Verbänden geladen, sondern auch Schüler einer zehnte Klasse der Integrierten Gesamtschule Delmenhorst, die im Anschluss Gelegenheit hatten, die Ausstellung zu besuchen.

„Der Zug der Erinnerung ist mehr als eine fahrende Ausstellung, er ist ein Ort des Gedenkens an Kinder und Jugendliche“, betonte Elisabeth Dartmann, Leiterin des Projekts „Würdenträger – weil jeder Mensch Würde trägt“ des Bischöflich Münsterschen Offizialats in Vechta. Im Rahmen dieses Projekts hatten die Verantwortlichen die fahrende Ausstellung ins Oldenburger Land eingeladen. Sie macht auch in Oldenburg und Vechta halt. „Der Zug erinnert an das Lachen, das Spiel und das Leben der Kinder und Jugendlichen. Und er erinnert an Demütigung, Deportation und Tod“, sagte Dartmann.

Einzelschicksale werden in der Ausstellung gezeigt. Kinderfotos, wie sie wohl viele kennen, sind zu sehen. Gemeinsam mit den Geschwistern, auf dem Schoß des Vaters – die Besucher blicken in glückliche Gesichter. „Wir müssen eine Erinnerungskultur entwickeln, die nicht nur Fakten und Wissen liefert“, war sich Heinrich Timmerevers, Weihbischof des Bistums Münster, sicher. Wichtig sei, dass die Menschen emotional berührt würden.

Und das wird wohl jeder Besucher, der die Ausstellung besucht. Denn neben den großformatigen Bildern der oft glücklich wirkenden Kinder stehen die Fakten. Etwa „Deportiert nach Auschwitz“. Oder „Am 20. April 1945 am Bullenhuser Damm in Hamburg gehängt“.

„Die Deportation von Kindern und Jugendlichen gehört mit zu den grausamsten Taten dieser Diktatur. Das mindeste, was wir heute tun können ist, die Geschichte dieser Menschen zu erzählen“, forderte Timmerevers. „Wir haben die Pflicht, aus dem Unrecht der Vergangenheit zu lernen und das Gelernte weiterzugeben. Zu schweigen und gleichgültig zu bleiben ist das größte Übel.“

Die Ausstellung richtet sich besonders an junge Menschen. „Es muss ein klares ‚Nie wieder‘ von uns allen geben“, forderte de La Lanne. Die bei der Bundestagswahl in Delmenhorst abgegeben 900 Stimmen für rechte Parteien „müssen uns wach werden lassen“, so der Oberbürgermeister. „Antisemitismus und Rassismus sind mit dem Kriegsende 1945 nicht verschwunden.“ Deshalb forderte er gerade die Schüler auf, sich anzuschauen, „wohin es führt, wenn man dieser Ideologie folgt.“

„Wir werden oft gefragt, wie wir es aushalten können, immer mit diesen Schicksalen konfrontiert zu werden“, sagte Ute Schilde vom Verein „Zug der Erinnerung“. „Die Kraft dazu geben uns die Jugendlichen, die in der Ausstellung auf Spurensuche gehen und für sich selber Verantwortung übernehmen.“

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