Maisanbau macht Pferdewirten zu schaffen / Biogas-Boom nun zu Ende?

Goldenes Stroh – galt einmal als Abfallprodukt

Oldenburg - Von Jan SchmidtLANDKREIS OLDENBURG · Mit dem Start ins neue Jahr könnte ab dem 1. Januar der viel kritisierte „Biogas-Boom“ im Landkreis Oldenburg zu Ende gehen. Durch eine Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) werden die Vergütungen für die Anlagen deutlich gesenkt. Ebenfalls ist es dann Vorschrift, dass die Substrate nur noch zu 60 Prozent aus Maisverarbeitungsprodukten bestehen. Während die meisten neuen Anlagen weniger Vergütungen erhalten, steigen auf der anderen Seite die Zuschüsse für die größten Anlagen ab fünf Megawatt.

Sobald an Silvester die Raketen steigen, heißt es dennoch: Schluss, aus, vorbei mit den goldenen Zeiten. Wer seine Anlage noch nicht am Netz hat, muss die Ansprüche nach unten schrauben. Vor diesem Hintergrund gab es in der letzten Zeit einen regelrechten „Biogas-Boom“. Viele Landwirte wollten noch schnell mit aufspringen und so ihre Existenz sichern. Mittlerweile zieren den Landkreis rund 90 Exemplare der bulligen, grünen „Pilzansammlungen“, sanft gebettet in ein Meer aus Maispflanzen.

Die Gesetzesnovelle dürfte da nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Biogas wird auch weiterhin für Diskussionen sorgen, schließlich genießen die vorhandenen Anlagen Bestandsschutz. Zwischen die vielen kritischen Stimmen, die sich um die Qualität des Trinkwassers oder um das Landschaftsbild sorgen, mischen sich auch immer häufiger laute Hilferufe: „Wir ringen wirklich um unserer Existenz“, sagt Bärbel Kienemann. Die Pferdewirtin aus der Samtgemeinde Harpstedt schildert stellvertretend für ihre Berufsgruppe die Situation: „Das Problem sind die steigenden Preise für Stroh. Statt Hafer und Gerste wird ja nur noch Mais angebaut.“

Als in diesem Jahr auch noch die Ernte schlecht ausfiel, stiegen die Preise für Heu und Stroh ins unermessliche. Teure Bezahlung, aber miese Qualität; dennoch gab es eine derart große Nachfrage, dass viele Kunden ihre Ware sogar aus dem Ausland bezogen.

Kienemann spricht von einem Teufelskreis: „Um den Betrieb weiter aufrecht zu erhalten, muss ich für meinen Reitunterricht mehr Geld verlangen. Nehme ich allerdings zu viel, bleiben mir die Schüler weg.“ Die Lage scheint aussichtslos.

Immerhin bringt die EEG-Novelle auch eine Neuerung mit sich, die für Pferdewirte interessant sein könnte: Demnach wird Pferdemist künftig als zu fördernde Biomasse mit ins Gesetz aufgenommen. Ist es also möglich, mit dem Verkauf einen Nebenverdienst aufzubauen? Wohl eher nicht. Zumindest nicht in dieser Region.

„Es gibt hier viele Tierhaltungen. Die Landwirte nutzen schon ihren eigenen Tiermist“, meint Ralf Stöver. Er ist Landwirt aus Wildeshausen-Bühren und seit fünf Jahren an einer 500-Kilowatt-Biogasanlage beteiligt. Den Unmut über diese Form der Landwirtschaft kann er gut nachvollziehen. Allerdings betont er auch: „Wir Landwirte werden immer als Buhmänner dargestellt, obwohl wir nur politische Beschlüsse umsetzen.“ Er gebe zu, dass das Erneuerbare-Energiengesetz in seiner ursprünglichen Fassung nicht zu Ende gedacht wurde. Dabei sei allerdings ein politischer Fehler begangen worden, für den die Landwirte nun den Kopf hinhalten müssten. Grundsätzlich sehe er die landwirtschaftlichen Betriebe in der Region gut aufgestellt. Man müsse aber auch Verständnis aufbringen, dass jeder sein Einkommen sichern wolle. Irgendwo sieht das auch Bärbel Kienemann ein: „Wenn alle aufrüsten, will man als Landwirt natürlich nicht als einziger auf der Strecke bleiben.“

„Dei Problematik ist ja auch bekannt und bei ehrlicher Betrachtung für beide Seiten nachvollziehbar“, sagt Stöver. Er blickt der Zukunft ebenfalls mit Sorgen entgegen. Vor allem die Nährstoffverwertung sieht er skeptisch. Jeder wisse um die Überdüngung – auch verursacht durch Gärsubstrate aus den Biogasanlagen –, doch den übersättigten Böden zum Trotz fehle es bislang an Lösungen: „Ich denke auch nicht, dass sich die Probleme oder die Art der Landwirtschaft in Zukunft ändern werden“, meint der 41-Jährige.

Stöver selbst versucht seinen Betrieb so umweltfreundlich wie möglich zu führen. Gerade hat er sich eine Spezialmaschine zum abpressen der Gärreste zugelegt. Mittels eines feines Siebes werden die festen Nährstoffkonzentrate von den flüssigen getrennt. „Nur die Flüssigkeit bleibt zur Eigenverwendung auf dem Hof. Die festen Gärreste, in denen eine viel größere Menge des bodenschädlichen Phosphors enthalten ist, wird abtransportiert“, erklärt er. Der Abtransport erfolgt übrigens im Rahmen der sogenannten Verbringeverordnung: Gärreste werden aus der übersättigten Weser-Ems-Region – sozusagen aus dem „Krisengebiet“ – in entferntere Bedarfsgebiete gebracht. Dort, wo Tierhaltung als auch Biogastechnik weniger ausgeprägt und der Boden noch nicht so versauert ist, werden die Abfallprodukte als willkommener Dünger in Empfang genommen.

Ganz ähnlich könnte das Prinzip bei den Pferdewirten funktionieren. Warum sollten Landwirte ohne Tierhaltung nicht auch an Pferdemist für ihre Biogasanlage interessiert sein? Besonders, da dieser ja vergütet wird. Künftig heißt es dann wohl: Mist „aufsatteln“ und los, quer durch Deutschland. Vielleicht auf dem Rückweg mit einem Abstecher durch Russland – eine günstige Gelegenheit, um Stroh einzukaufen.

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