Jüdisches Museum „on tour“

Das ganz normale Leben

„So einfach war das“, finden auch die Jungs, die die Biografie von Diplom-Soziologin Minka Pradelski bearbeiten.

Oldenburg - VECHTA (cs) · „Koscher bedeutet, dass das Essen rein ist. Fleisch darf nur von Wiederkäuern mit gespaltenen Hufen kommen.“ Rebecca aus der Klasse 6a des Kolleg St. Thomas in Vechta weiß genau Bescheid. Nicht nur darüber, welches Essen koscher ist. Sie hat auch einen kleinen Einblick in die zweitausendjährige deutsch-jüdische Geschichte bekommen. Denn gestern war das Jüdische Museum Berlin „on tour“ in Vechta.

„Die deutsch-jüdische Geschichte ist mehr als zwölf Jahre Holocaust – sie dauert schon 2000 Jahre an“, stellt Horst Peter Gerlich klar. Der „getaufte, ungläubige Christ“, wie er sich selber bezeichnet, betreut gemeinsam mit zwei Kollegen – einem Moslem und einer Jüdin – die Schüler. Seit 2007 ist die Gruppe mit einem Kleinbus auf dem Weg durch die Republik, um Schülern in ganz Deutschland zu zeigen, was das Jüdische Museum Berlin ist. Ganz nach dem Motto von Museumsdirektor W. Michael Blumenthal: „Jeder Schüler in Deutschland sollte das Jüdische Museum Berlin mindestens einmal besucht haben, bevor er die Schule beendet.“

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann geht es eben auch umgekehrt. Kein Stocksteif-Museum, in dem die Kinder möglichst still sein sollten, kommt in die Schulen. „Sie sollten nicht so dastehen“, meint Gerlich und stellt sich mit hängenden Armen, einem nach oben gerichteten und ausdruckslosem Gesicht und offenem Mund vor eine Wand. Und so stehen die Schüler in Vechta auch nicht da. Sondern locker und lebendig. Fünf große, rote Würfel liegen in der Pausenhalle, die gedreht und gedrückt werden. „Jüdischer Alltag“, „Leben und Überleben“, „Chancen und Diskriminierung“ und „Feste Feiern“ werden thematisiert. Locker, leicht, verständlich und zum Anfassen. Sogar etwas zu essen gibt es: Gummibärchen. „Die dürfen gläubige Juden normalerweise nicht essen, weil dort Gelantine drin ist“, weiß Annemarie. Aber es gebe auch welche mit Fischgelantine – die sind koscher, die probieren auch die meisten Schüler. Schmecken ganz normal.

Ganz normal: Das ist für die Mädchen und Jungen wohl die größte Erkenntnis nach dem Besuch des Museums. Denn hier wird nicht mit schrecklichen Bildern Unbehagen hervorgerufen, sondern gezeigt, dass Judentum eben viel mehr ist als Verfolgung durch Nazis. „Das sind total normale Menschen. Es wäre gemein, wenn man sie ausschließen würde“, urteilt Rebecca.

„Wir haben das Leben in Würfel gepackt, um es anfassbar zu machen“, erklärt Gerlich. „Wir wollen auf angenehme, altersgemäße und greifbare Weise das Museum nahe bringen. Es werde viel gelacht beim Besuch in den Schulen, spannend und mit Spaß würden Themen aufbereitet. „Das Haptische ist wichtig: Du bist in einem Museum und darfst alles machen – wir glauben, dass das pädagogisch ein guter Zug ist“, betont Gerlich.

Rund 100 000 Juden leben heute in Deutschland. Sie haben ihre Geschichte – genau wie Christen, Moslems oder Atheisten. Neun kurze Biografien arbeitet die Klasse 9c in Workshops auf. Auch das gehört zum Konzept des Museums „on tour“.

Die unterschiedlichen Menschen haben eines gemeinsam: Sie sind nach 1945 geboren. Mit dabei ist beispielsweise Ekaterina Kaufmann, geboren 1981 in St. Petersburg, die heute als Musikerin in Leipzig lebt. Oder Wladimir Kaminer, der 1967 Geborene wird wohl vielen durch seine Bücher wie „Russendisko“ bekannt sein. „So einfach war das“, ist der Workshop überschrieben. „Er wird sehr offen angenommen“, freut sich Klassenlehrerin Ute Kirchhoff. Die Schüler würden etwas erfahren – aber eben aus anderen Zusammenhängen, auf andere Art und Weise.

Erfrischend ist das Museum „on tour“. Abwechslungsreich, informativ. Ganz anders als andere Ausstellungen oder Museen. Und doch ganz normal.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Frankreichs Regierung verteidigt Rentenpläne

Frankreichs Regierung verteidigt Rentenpläne

Richtungskampf beim SPD-Parteitag

Richtungskampf beim SPD-Parteitag

Was bringt Ridepooling wirklich?

Was bringt Ridepooling wirklich?

Streiks in Frankreich gehen in neue Runde

Streiks in Frankreich gehen in neue Runde

Meistgelesene Artikel

„Einbruch“ ins Feuerwehrhaus

„Einbruch“ ins Feuerwehrhaus

Angeblich Ex-Partnerin vergewaltigt

Angeblich Ex-Partnerin vergewaltigt

Schmuggel fliegt in Wildeshausen auf

Schmuggel fliegt in Wildeshausen auf

Unnötigen Plastikmüll vermeiden: „Ich komme mir vor wie eine Verräterin“

Unnötigen Plastikmüll vermeiden: „Ich komme mir vor wie eine Verräterin“

Kommentare