Von der Sozialarbeit mit drogenabhängigen Obdachlosen in die Jugendpflege: Markus Pieper freut sich auf neue Aufgaben

Ganz harte Action braucht er nicht mehr

Sie sind momentan im Umzugsstress: Markus Pieper und seine Frau Heike, hier im Bild mit dem Tibet-Terrier „Einstein“.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken· „Die ganz harte Action brauche ich nicht mehr“, sagt Markus Pieper. Elf Jahre hat er in Bremen-Oberneuland als Sozialarbeiter obdachlose Drogenabhängige in einer Notunterkunft des Arbeiter-Samariterbundes betreut. Da sei es oft genug um Leben und Tod gegangen, etwa wenn Süchtige wiederbelebt werden mussten. Ein deutlich ruhigerer Job erwartet den 43-Jährigen nun in Harpstedt. Am 2. August steigt Pieper als Vollzeitkraft in die Samtgemeindejugendpflege ein. Seine künftige Kollegin Annelen Voß hat er schon kennen gelernt.

Dieser Tage steckt der Diplom-Soziologe im Umzugsstress. Mit seiner Frau Heike, Tochter Johanna-Paula (9) und Sohnemann Jonatan-Finnley (6), der nach den Ferien eingeschult wird, sowie Tibet-Terrier „Einstein“ wohnt er ab Anfang August in Klein Köhren. Getreu der Devise „ganz oder gar nicht“ war es ihm wichtig, in der Nähe seines Arbeitsplatzes auch sein Lebensumfeld zu haben. Das Rosenfreibad weiß der Pastorensohn, der in New Jersey/USA zur Welt kam, bereits zu schätzen. Mitsamt Family besuchte er dort unlängst die „Pool-Party“.

Seine Kindheit verlebte Pieper im ostfriesischen Ostermarsch bei Norden, einem Örtchen, „das sich wohl in etwa mit Klein Köhren vergleichen lässt“. Sein 1991 in Hamburg begonnenes Studium schloss er an der Uni Bremen ab. Um es finanzieren zu können, arbeitete er als Fernfahrer. In Deutschland, weiten Teilen Europas und eine Woche lang sogar in den USA war er mit Brummis und Trucks unterwegs. „Ich hatte alle Gefahrgutscheine“, erzählt er. Zusätzlich organisierte und veranstaltete der passionierte Biker – zumeist in den Semesterferien – Reisen, vornehmlich zu großen Motorradtreffen.

Noch während der Studienzeit fing er mit einer Drittelstelle in besagter Bremer Notunterkunft für obdachlose Drogenkonsumenten an. Später wurde daraus eine halbe und schließlich ein Dreiviertelstelle mit Festvertrag. Primäres Ziel der Einrichtung in Oberneuland sei es, so Pieper, die Suchtkranken mit einem niedrigschwelligen und akzeptanzorientierten Ansatz von der Straße zu bekommen. „Wenn sie längere Zeit in Obdachlosigkeit gelebt haben, sind sie erst einmal am Boden. Sie müssen verschnaufen und zur Ruhe kommen, um sich überhaupt Hilfsangeboten öffnen zu können“, weiß der 43-Jährige aus Erfahrung. Er verschweigt nicht, dass die Arbeit mit Drogenabhängigen rechtlich immer problematisch sei, zumal die Süchtigen in der Unterkunft oft weiter Rauschgift konsumieren, die „Bereitstellung von Konsummöglichkeiten“ aber laut Betäubungsmittelgesetz verboten ist.

In Oberneuland gehörte der künftige Klein Köhrener zu einer zehnköpfigen Belegschaft auf insgesamt fünfeinhalb Stellen. „Allerdings war immer nur ein Mitarbeiter vor Ort.“ Die Notunterkunft habe sich auch um weitergehende Hilfsangebote bemüht, etwa um Plätze für eine Entgiftung oder Drogentherapie. Damit sei jede Menge Papierkrieg verbunden gewesen. „Auch kalter Entzug im Einzelzimmer ist in dem Haus möglich. Das haben aber vielleicht zehn Süchtige in den elf Jahren, in denen ich dort war, durchgezogen“, erzählt Markus Pieper.

Die Unterbringung der Obdachlosen erfolge in Mehrbettzimmern mit bis zu vier Schlafplätzen pro Raum. „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir den Süchtigen helfen, weil sie bei uns eine Umgebung vorfanden, in der sie sich wieder als Mensch fühlen durften. Wir haben ihnen enorm viel Lebensqualität zurückgegeben“, sagt der angehende Samtgemeindejugendpfleger. Gleichwohl verhehlt er nicht die Kehrseite der Medaille, etwa die Wiederbelebungen, die „irgendwann Alltag und Routine werden“. Selbst Angriffe von Süchtigen untereinander oder zuweilen auf Mitarbeiter kämen vor: „Ich selbst bin auch schon attackiert, aber zum Glück – wie auch die anderen Kollegen – nie verletzt worden. Das muss ich aber nicht mehr haben. Attacken auf die Sozialarbeiter gab es allerdings selten. Die Obdachlosen haben in uns für gewöhnlich die Guten gesehen.“

Auf die vakante Jugendpfleger-Stelle nach dem Ausscheiden von Walter Waltemathe war Markus Pieper von einem Freund hingewiesen worden, der ihn auf die Homepage der Samtgemeinde aufmerksam machte. Der 43-Jährige nutzte die Chance zur beruflichen Neuorientierung, bewarb sich – und hatte Erfolg. Nun freut er sich auf seine neuen Aufgaben, die sicher weit weniger „Action“ bereithalten als sein bisheriges Arbeitsfeld.

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