Wenn das Wunschkind Eltern in den Wahnsinn treibt

Sonderpädagogin und Autorin Katja Seide referiert zu „Trotzphasen“

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Katja Seide. 

Bookholzberg - Die Berliner Sonderpädagogin Katja Seide stellt am Montag, 5. Februar, ab 19.30 Uhr ihren Bestseller „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ zum Thema „Trotzphasen“ in der Oberschule an der Stedinger Straße 5 in Bookholzberg vor.

Der Eintritt kostet zwei Euro. Anmeldungen sind vorab nicht möglich, aber es ist Raum für rund 200 Leute vorhanden. Im Interview gibt sie schon einmal ein paar Tipps. Die Fragen stellte Ove Bornholt.

Frau Seide, handelt es sich um eine Lesung oder werden Sie eher auf Fragen der Teilnehmer eingehen?

Katja Seide: Ich werde etwa eine Stunde lang in einem Vortrag kleine Begebenheiten mit trotzigen Kindern erzählen sowie näher darauf eingehen, was in den kleinen Köpfchen in dem Moment vorgeht und wie man als Elternteil darauf souverän reagieren kann. Im Anschluss können die Zuhörer gern noch Fragen zu ihren eigenen Kindern oder zum Vortrag stellen.

Zu Ihren Büchern: Welche Fehler sollten Eltern möglichst versuchen zu vermeiden, wenn ihr Kind in der Trotzphase ist?

Ich glaube, am weitesten verbreitet ist der Fehler, dass Erwachsene denken, ihre kleinen Kinder würden sie manipulieren wollen. Da Kinder aber bis etwa zum vierten Lebensjahr noch nicht die Perspektive eines anderen einnehmen können, ist das auf kognitiver Ebene unmöglich. Jemand, der noch nicht denken kann „Wenn ich X mache, fühlt Mama Y“, kann keine Pläne schmieden, die den Erwachsenen manipulieren. Wenn Eltern das verstanden haben, fallen viele Streitpunkte weg.

Wie schaffen Eltern es, dass ihnen nicht der Kragen platzt, wenn der Sohn oder die Tochter eine Szene im Supermarkt macht (inklusive auf dem Boden liegen und trommeln)?

Nun, wenn man als Elternteil weiß, welche Einschränkungen das kindliche Gehirn noch hat, dann fällt es relativ leicht, in solchen Momenten ruhig zu bleiben und sogar Mitleid mit dem Kind zu fühlen. Auf so eine ähnliche Szene wie die des Wutanfalls im Supermarkt werde ich im Vortrag eingehen und aufzeigen, dass unsere Kinder da einfach noch nicht anders reagieren können. Seien Sie gespannt!

Warum schaffen es die Kleinen eigentlich, ihre Eltern so schnell auf die Palme zu kriegen?

Häufig triggern uns Situationen, in denen wir selbst als Kinder nicht gut begleitet wurden und bei denen unser inneres Kind eine bleibende Verletzung erlitten hat. Wenn die eigenen Eltern zum Beispiel immer gesagt haben, wir sollen gefälligst den Mund halten, wenn die Erwachsenen reden, weil man kleine Mädchen und Jungen zwar sehen, aber nicht hören darf, dann reagieren wir als heutige Erwachsene über, wenn unsere Kinder (oder Kollegen oder der Ehepartner) nicht zuhören, wenn wir etwas Wichtiges sagen wollen. Dann sind wir sofort auf 180, obwohl unser Kind vielleicht gerade in ein Spiel vertieft war und deshalb nicht zuhören konnte.

Gibt es Anzeichen, an denen Eltern erkennen, dass ihr Verhalten in solchen Situationen unangebracht war?

Oft merken wir selbst, dass da eine Wucht an Wut hinter steckt, die unangemessen für die Situation war. Hinterher sind wir vielleicht sauer auf uns selbst, dass wir so laut geworden sind. Es ist gut, wenn wir solche Momente bemerken, denn unsere Kinder sind dann zwar Auslöser, aber nicht Grund für unsere Wut. Der Grund liegt irgendwo in der Vergangenheit, und wir tun gut daran, in diese Richtung zu forschen.

Wie lange dauert die Trotzphase in der Regel?

Sie beginnt ab etwa einem Jahr und geht etwa bis zum vierten Geburtstag.

Gibt es so etwas wie die drei goldenen Alltagstipps? Und wenn ja, wie lauten sie?

Erstens: Vermeide Zeitdruck. Kinder kooperieren gern freiwillig, aber sie brauchen etwas länger für alles. Wenn man also morgens pünktlich los muss, dann tut man gut daran, einen Zeitpuffer einzubauen, um entspannt bleiben zu können.

Zweitens: Sei nicht selbst trotzig. Oft eskalieren Situationen unnötig, weil die Erwachsenen eingeschnappt reagieren. Doch dein Kind will dir nichts Böses. Es will dich nicht manipulieren, es will nicht seinen Willen durchdrücken, es will keine Grenzen austesten. Es ist noch klein und sein Gehirn noch nicht fertig entwickelt, und oft kann das Kind die Anforderungen der Erwachsenen schlicht nicht erfüllen.

Drittens: Schärfe deinen Blick dafür, wie oft am Tag dein Kind eigentlich kooperiert. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Negatives schnell zu sehen, zum Beispiel wenn sich das Kind die Jacke nicht anziehen lassen will, wenn es los zur Kita geht. Dann werden die Eltern sauer, weil das doch gestern auch schon so war. Aber dass das Kind aufgestanden ist, als es sollte, dass es sich ohne Murren den Pullover angezogen, die Zähne geputzt und sich vielleicht sogar das Brot zum Frühstück selbst geschmiert hat, das hat das Gehirn der Eltern „übersehen“. Wenn man sich aber bewusst wird, wie oft Kinder eigentlich das tun, was wir von ihnen wollen, dann ist man viel milder gestimmt für die Momente, in denen es hakt.

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