Ganderkeseerin gründet Selbsthilfegruppe

Wenn die Partnerschaft zur Tortur wird

Zwei Frauen stehen nebeneinander.
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Unterstützung für die Helferin: Irma Hamann von der Selbsthilfekontaktstelle und Gruppen-Gründerin Sabrina Janssen (r.)

Ganderkesee/Wildeshausen – Die Trennung von einem Partner mit psychischen Erkrankungen – was zunächst erst einmal abstrakt klingt, ist für Sabrina Jansen sehr konkret: Lange Zeit litten sie und ihre Kinder unter ihrem Partner. Deswegen hat sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige gegründet, die sich aus so einer ungesunden Beziehung lösen wollen. Unterstützung hat sie dabei von der Selbsthilfekontaktstelle für den Landkreis Oldenburg gefunden, die bei der Freiwilligenagentur „mischMIT!“ in Wildeshausen angegliedert ist.

Doch was macht so eine Beziehung aus? Kontrollwahn, toxisches Verhalten, Schuldgefühle, Depressionen (bipolare Störungen), nennt Janssen im Gespräch mit unserer Zeitung einige Merkmale. Und es sei der jeweils andere, der dies mit auffangen und aushalten muss. Grunderkrankungen bei dem Partner – wie etwa extremer Narzissmus oder manische Depression – verstärkten die Situation, intensivierten das Leid für den anderen, erläutert sie. Das seien Vorfälle, in denen etwa auch die Lebenspartner keinen Zugang zu einem vertraut geglaubten Menschen mehr finden können, berichtet sie. Für den Rest der Familie bedeutet das, den Druck zu ertragen, in der Folge selbst krank zu werden und im extremen Fall mit zugrunde zu gehen. Oder aber sich zu entscheiden, sich von dem „Anderen“ zu trennen.

Sie selbst habe einen mehrjährigen Leidensweg hinter sich, erzählt sie. Das äußere sich unter anderem in Suizidgedanken eines Partners. Irgendwann habe sie in der Wohnung sogar versteckte Kameras gefunden, die heimliche Ton- und Bildaufnahmen von ihr gemacht haben. Nachdem sich die Depression ihres Mannes zugespitzt hatte, trat sie Anfang vergangenen Jahres eine Mutter-Kind-Kur an, schildert sie weiter. Dort nahm sie unter anderem an einem Gesprächskreis teil, der von Psychotherapeuten geleitet wurde und eine mögliche Trennung zum Thema hatte. Sie merkte, dass sie mit ihrer Situation nicht allein war: „Alle hatten ein ähnliches Problem“, sagt Janssen. Nach ihrer Rückkehr aus der Kur war die Idee entstanden, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Nach „einigem Herumtelefonieren“ und mit erster Unterstützung durch den Landkreis Oldenburg nahm das ganze Form an. „Dann kam eins zum anderen“, so Janssen. Nach den ersten Treffen habe die Gruppe dann im September in Ganderkesee „so richtig durchstarten“ können.

Verständnis wird zur Hilfe

Die ersten Kontakte mit den Interessenten seien telefonisch erfolgt. „Jedes Gespräch hat mindestens eine halbe Stunde gedauert“, blickt sie zurück. Die Anrufer seien sehr dankbar gewesen, dass es jemanden gab, der ihnen zuhörte. Sechs Personen gehören der Gruppe inzwischen an, die sich alle zwei Wochen donnerstags persönlich trifft. Zum Reden sei niemand verpflichtet, so Janssen: „Es gibt keine feste Struktur.“ Dennoch: „Es gibt viel Redebedarf“, sagt sie. Doch was besprochen wird, bleibe unbedingt in der Gruppe. Das sei insofern nichts anderes, als wenn man zum Psychologen gehe, so Janssen. Gleichwohl: Die Selbsthilfegruppe sei kein Ersatz für eine Psychotherapie, unterstreicht sie. Die Gruppe könne nicht die Hilfe eines Experten ersetzen.

Ihre Beschäftigung mit der Situation habe sie unter anderem auch ein Psychologiestudium aufnehmen lassen. „Es geht gar nicht darum, Lösungen zu finden“, beschreibt sie die Treffen der Gruppe. Wichtiger sei es, zu wissen, dass man „Verbündete“ hat – dass jemand da ist, „der weiß, wie es ist“. Und das sei besonders wichtig: Denn das Thema werde von der breiten Bevölkerung nicht wahrgenommen oder gar totgeschwiegen. Doch sehe die Realität anders aus, ist sich Janssen sicher. Das wisse sie aus ihrer Zeit als Beschäftigte bei der Polizei: „Hinter fast jeder Haustür können Dinge ablaufen, die man sich nicht vorstellen kann.“ Und deswegen sei der Bedarf an einer Selbsthilfegruppe wie der ihren so groß.

„Zusammen ist es einfacher“, ergänzt Irma Hamann von der Selbsthilfekontaktstelle. Seit Anfang des Jahres baut sie diese auf und übernimmt damit zentrale Aufgaben, die vorher beim Landkreis gleichsam miterledigt worden waren. Als Anlaufstelle bietet Hamann weitreichende Unterstützung für bestehende Gruppen an, hilft aber auch bei der Gründung neuer Gruppen wie der von Janssen in Ganderkesee. Und auch wer auf der Suche nach helfenden Gleichgesinnten ist, kann sich an sie wenden: Hamann verfügt über einen Überblick im Landkreis und vermittelt die entsprechenden Kontakte.

Hilfe für Hilfesuchende und Helfer

Die Selbsthilfekontaktstelle ist unter der Telefonnummer 04431/7097585 oder per E-Mail an selbsthilfekontaktstelle@mischmit.org erreichbar.

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