130 Menschen versuchen, eine Woche vegan, ökologisch, solidarisch und geldfrei zu leben

Utopia liegt zwischen Einfamilienhäusern

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Camp-Teilnehmer bereiten Nudeln in einem großen Topf vor. Es gibt drei Mahlzeiten am Tag. 

Ganderkesee/Heide - Eine Neubausiedlung mit schicken Einfamilienhäusern im Ganderkeseer Ortsteil Heide: Einige Gebäude sind noch im Rohbau, Betonmischer stehen neben der Straße, ein Handwerker klettert auf eine Leiter und hämmert – inmitten dieser kleinbürgerlichen Idylle haben in dieser Woche 130 Menschen auf einem angrenzenden großen Gelände versucht, vegan, ökologisch, solidarisch und geldfrei beim Mitmachkongress „Utopival“ zu leben.

Geht das denn? Ganz ohne Geld 130 Leute durchzufüttern? „Ja“, sagt Lisa Zielke (25) aus Köln, die zum Organisationsteam gehört. Neben ihr schneiden Teilnehmer Tomaten zurecht, Nudeln kochen in einem großen Topf. Die Camp-Teilnehmer, die überwiegend in Zelten übernachten, hätten übrig gebliebene Lebensmittel aus dem Bio-Großhandel, unter anderem von Kornkraft, geschenkt bekommen. Und „wir holen uns das Brot von kleineren Bäckereien, das abends übrig bleibt“. Zudem seien Spenden eingegangen. „Soja-Kaffee in rauen Mengen“, berichtet sie, während sie sich eine Dose aufmacht.

Ihre Mitstreiter haben derweil angefangen, beim Gemüseschneiden zu singen. Eine Frau ruft: „Ich brauche einen Menschen mit Kraft, der beim Kompost ausleeren hilft.“ Ein junger Mann steht auf. „Ich mache das.“ Alles läuft sehr entspannt und ungezwungen ab.

Lebensmittel retten

Inmitten des großen Geländes liegt ein See. Einige baden darin. Das Areal hat die Eigentümerin kostenfrei zur Verfügung gestellt, die Pfadpfinder haben ein Zelt gegeben, die Kirchengemeinde Bänke – „man muss sich nur trauen, zu fragen“, meint Lisa (im Camp duzt man sich). „Jede Lebensmittelproduktion hat Abfälle. Wir nennen sie gerettet, wenn wir sie noch nutzen können.“

Die meisten Teilnehmer lebten aber nicht ausschließlich vegan, sagt Lisa. „Und auch nicht geldfrei. Es ist eben eine Utopie.“ Genau die wollen die 130 Menschen praktisch erfahren. „Es soll ein Gemeinschafts- und Gesellschaftserlebnis sein.“

Dazu gehören allerdings auch einige Einschränkungen. Zum Beispiel gibt es acht eigens gebaute Komposttoiletten und verteilt auf dem Gelände Stellen zum Wasser lassen. Die Drogeriekette DM hat Klopapier gespendet.

Man bemühe sich, das Gelände zu schonen. Genutzte Bereiche wurden zuvor frei gemäht. Und: „Wir halten die Nachtruhe ein.“ Darauf habe die Besitzerin des Areals Wert gelegt.

Alkohol und Drogen sind nicht erwünscht, wobei sich die Organisatoren schwer tun, feste Regeln aufzustellen. Man setzt lieber auf Dialog.

Freie Oberkörper nicht überall erlaubt

Auch bei einer umstrittenen Regelung: Freie Oberkörper sind nur in bestimmten Bereichen erlaubt. „Das bedeutet einfach nicht das Gleiche für Männer und Frauen“, erläutert Lisa den Hintergrund. Letztere würden immer angestarrt werden. Auch unbewusst. Es geht ihr und den Teilnehmern auch darum, Diskussionen über solche Themen anzustoßen. Dazu gehört auch, sich die Frage zu stellen, „wie eine wünschenswerte Gesellschaft von morgen aussieht“.

Dazu und noch zu vielen anderen Fragestellungen gab es im Laufe der Woche 25 Workshops. Heute bauen die „Utopival“-Teilnehmer ab und gehen nach Hause. Reicher um eine Woche Erfahrung und keinen Cent ärmer. 

bor

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