Heute ist der bundesweite „Tag des Grabsteins“ / Steinmetze geben Erinnerungen eine Form

Steinerne Spiegel der Persönlichkeit

Vielfalt: Auf dem Grundstück des Ganderkeseer Steinmetz-Betriebes stehen rund 400 Grabsteine zur Ansicht.
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Vielfalt: Auf dem Grundstück des Ganderkeseer Steinmetz-Betriebes stehen rund 400 Grabsteine zur Ansicht.

Ganderkesee – „Der Grabstein ist ein Teil der Trauerbewältigung“, sagt Herbert Dietrich. Der 68-Jährige ist seit 52 Jahren Steinmetz und Bildhauer und hat sich 1988 in Ganderkesee mit seinem Meisterbetrieb selbstständig gemacht. Doch was zunächst so nüchtern klingt, ist eine sehr emotionale Angelegenheit, meint Dietrich, der das Geschäft zusammen mit seinem Sohn Marcel (31) führt. Beide sind nicht nur Meister ihres Gewerkes, sondern ebenso staatlich geprüfte Restaurateure und Bildhauer. „Das Grab ist das Letzte, was die Hinterbliebenen für den Verstorbenen tun können“, verdeutlicht der Seniorchef. Und der Steinmetz sei derjenige, der das dann umsetze. Am heutigen Sonnabend ist der bundesweite „Tag des Grabsteins“.

Die Vorstellungen, wie dieser Ort der Erinnerung aussehen soll, hätten sich spürbar gewandelt, so Dietrich. In den vergangenen 20 Jahren habe sich da einiges getan: „Die Vielfalt der Ideen ist größer geworden“, berichtet der Ganderkeseer aus seiner langen Berufspraxis. Waren vor dem Jahr 2000 eher schlichte Grabsteine die Norm, seien die Hinterbliebenen nun wesentlich kreativer in ihren Wünsche. Das habe mit einer verstärkten Mediennutzung zu tun, sowie vermehrtem Reisen, vermutet er.

Ein bemerkenswerter Grabstein etwa sei der für eine Dame aus Ganderkesee gewesen, die zeitlebens intensive Kontakte nach Florida pflegte, und den südlichen US-Bundesstaat oft besuchte. Sie beschäftigte sich mit Delfinen und schrieb sogar ein Buch über die Wassersäuger. Ihre Hinterbliebenen wünschten sich nun eine Stele mit zwei Skulpturen der Tiere, die aus dem Wasser heraus und übereinander hinweg springen. Diesen Wunsch habe seine Firma realisieren können. „Wir können alles umsetzen, was sich in Naturstein fertigen lässt“, sagt Dietrich. „Der Beruf ist technischer geworden“, erläutert der Steinmetz weiter. Und so haben computergesteuerte CNC-Sägen längst Einzug in den Betrieb gehalten und eröffnen viele Möglichkeiten. Grenzen setzten da schon eher die Friedhofssatzungen der jeweiligen Kirchengemeinden. Denn nicht alles, was gewünscht wird, sei auch erlaubt. „Die Leute sind dann geknickt“, sagt der Handwerksmeister. Denn viele hätten eine Grabstelle erworben, ohne sich vorher über die Regeln für die Gestaltung zu informieren. Er müsse jeden Entwurf bei der Kirchengemeinde zu Überprüfung einreichen.

Und auch dafür hat er in kurioses Beispiel parat: So hatte er einmal Probleme mit einem Grabstein, den er auf Wunsch eines Witwers anfertigen sollte, berichtet der 68-Jährige. Dessen verstorbene Frau hatte zeitlebens eine besondere Beziehung zu dem Parfüm „Chanel No 5“ – und ihr Ehemann wünschte sich daher einen Grabstein in Form des charakteristischen Flakons. Doch sei der Entwurf bei der Kirche zunächst auf Ablehnung gestoßen –und er als Steinmetz „herbeizitiert“ worden, erzählt er. Dort habe man die „Flasche“ mit Alkohol in Verbindung gebracht und als „anstößig“ erachtet. Doch konnte er das Missverständnis aufklären. Der Grabstein stehe noch heute auf einen Ganderkeseer Friedhof, so Dietrich.

Ein solcher Gegenstand könne durchaus das Wesen des Begrabenen widerspiegeln – sei es mittels eines Delfins, eines Flakons oder eines Akkordeons, im Falle eines Musikers. Und natürlich sei auch eine Beschriftung des Steins nach individuellen Wünschen möglich – sogar in Form einer bestimmten Handschrift, auch als bronzene Lettern. Je nach Konfession und Herkunft des Verstorbenen gebe es zusätzliche Elemente wie Fotos oder Figuren. Limitierender Faktor seien da eher die Kosten, so Dietrich weiter. Die Preise seien sehr verschieden, sagt er. Zwischen 3 000 und 6 000 Euro könne man aber schon annehmen. Doch komme es auch vor, dass Familien einen Findling von Zuhause mitbrächten, der dann nur noch beschriftet werden müsste. Der größte Grabstein, den er habe fertigen dürfen, war 2,5 Meter breit und 1,5 Meter hoch. „Das war dann wirklich ein Denkmal für den Verstorbenen“, so Dietrich.

Das Interesse an Grabsteinen sei nach wie vor hoch, doch gehe der Trend hin zu kleineren, pflegeleichteren Gräbern. Das zeige auch ein Anteil von rund 65 Prozent Urnenbestattungen in der Region. Je nach Material und Aufwand nehme die Herstellung eines Steins zwischen vier und bis zu zehn Wochen in Anspruch.  fra

Vater und Sohn: Herbert (l.) und Marcel Dietrich.
Handarbeit: von Marcel Dietrich gestalteter Grabstein.

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