Deutsche Bahn verwehrt Susanne Steffgen trotz und wegen Notsituation den Zustieg

Schwerbehinderte darf nicht mit ICE fahren

Will auch den ÖPNV nutzen: Susanne Steffgen (r.) fährt mit Pflegehilfe Natalja Mazur gern mit dem Zug.
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Will auch den ÖPNV nutzen: Susanne Steffgen (r.) fährt mit Pflegehilfe Natalja Mazur gern mit dem Zug.

Ganderkesee/Hannover – Die Deutsche Bahn hat der Ganderkeseerin Susanne Steffgen am Dienstag um 21.40 Uhr die Mitfahrt in einem ICE vom Hauptbahnhof Hannoverüber Bremen nach Oldenburg verweigert. Das Brisante: Steffgen ist schwerbehindert und auf ein Sauerstoff-Gerät angewiesen, das in dem Moment langsam zur Neige ging. Ihr eigentlich geplanter Regio-Zug zurück nach Delmenhorst um 21.20 Uhr entfiel laut eigener Aussage ohne Ankündigung. Sie wollte daher dringend mit dem nächstmöglichen Zug die Heimreise antreten – das wäre der Intercity Express gewesen, in dem sie nicht mitfahren durfte. Die Geschichte könnte fast suggerieren, dass Menschen mit Beeinträchtigungen nicht reisen sollten. „Es ist ein Negativ-Beispiel“, sagt Steffgen.

Bei ICE-Fahrten müssten Schwerbehinderte ihre Fahrt zuvor anmelden, damit Mitarbeiter der Bahn mit einem Hubwagen beim Aus- und Einstieg helfen. Der Vorgang sei aufgrund der Kürze der Zeit nicht möglich gewesen, so Steffgen. „Ich hätte von Gleis 12 bis zur Information auf der anderen Seite des Bahnhofs gemusst, dort die Fahrt anmelden und wieder zurück zum Gleis müssen.“

An dem Tag war Steffgen, die auf eine 24-stündige Hilfe angewiesen ist, mit ihrer Pflegeassistentin Natalja Mazur in der Pferde- und Messestadt. Ihr Rollstuhl wiege rund 25 Kilogramm. Kein Problem für die Assistentin und einen Mann, der beim Hieven des Stuhls in den ICE helfen wollte.

Jedoch habe ein Zugbegleiter das Vorhaben ausgebremst. Steffgen dürfe nicht mitfahren, da die Fahrt nicht angemeldet wurde. Am Zielbahnhof Delmenhorst seien zudem um die geplante Ankunftszeit keine Mitarbeiter mehr im Dienst, die beim Verlassen des Zuges helfen könnten. Er wolle die Verantwortung dafür sowie für den Gesundheitszustand von Steffgen nicht übernehmen, schildert sie. Er habe das letzte Wort, soll eine anwesende Bahnhofsmitarbeiterin kommentiert haben.

Unter Protest und trotz des Hinweises auf ihre akute medizinische Notlage aufgrund des zur Neige gehenden Sauerstoffs musste Steffgen den Intercity Express verlassen. Sie würde auch unterschreiben, das Risiko selbst zu tragen, bot sie an, dennoch verweigerte der Zugbegleiter das Anliegen. „Der hat ohne Empathie Dienst nach Vorschrift gemacht“, berichtet Steffgen. Der ICE fuhr ohne sie ab.

„Das ist Diskriminierung und unterlassene Hilfeleistung“, findet Steffgen. Aufgrund der Aufregung habe sich ihr Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Auch die folgenden Regionalzüge seien ausgefallen. Als Bundespolizisten die Frau auf ihre sichtliche Erschöpfung hin ansprachen, rief die Assistentin einen Rettungswagen, der etwa gegen 23 Uhr am Bahnhof Hannover eintraf. Die herbeigeeilte Ärztin wollte Steffgen in ein Krankenhaus bringen lassen, was die Frau aber abgelehnte. Sie müsse bloß nach Hause und brauche Sauerstoff, habe sie die Rettungsärztin überzeugt.

Auf eigene Verantwortung wurde daraufhin ein Krankenwagen gerufen, der für Rollstuhlfahrer geeignet ist. Dieser brachte Steffgen und Mazur nach Ganderkesee, dem Wohnort. Dort kamen beide gegen 1 Uhr morgens an. Die Fahrt kostet laut Steffgen voraussichtlich 800 bis 1 000 Euro, die sie selbst zahlen muss.

Steffgen fühlt sich diskriminiert. „Wäre ich gesund, könnte ich laufen, hätte ich mich da hinsetzen dürfen, und der Schaffner hätte das akzeptiert“, sagt sie. Steffgen engagiert sich seit Jahren in der Politik für die Partei „Die Linke“ und setzt sich für Inklusion und Mobilität von behinderten Menschen ein.

Sie fahre viel mit dem Zug und wolle anderen Beeinträchtigten ein positives Beispiel sein, um das Leben zu genießen, die eigene (sichere) Wohnung zu verlassen und sorgenfrei zu reisen. „Ich will zeigen, dass man [als beeinträchtigter Mensch] den ÖPNV benutzen kann, sagt sie. „Das zeigt jetzt, dass wir lange noch keine Inklusion haben, sondern eine Exklusion.“ Sie wünscht sich in Zukunft einen besseren und verständnisvolleren Umgang.

Laut einer Bahnsprecherin, bedauere das Unternehmen, dass die Reise so unglücklich verlaufen ist. Aus ihrer Sicht stellt sich die Lage wie folgt dar: Der Regional-Express, den die Reisende nutzen wollte, sei aufgrund eines Personenunfalls ausgefallen. Die Kundin erreichte „mit Mühe“ mit ihrer Begleiterin die Eingangstür des ICE. Eine DB-Mitarbeiterin auf dem Bahnsteig sei „sehr erschrocken“ gewesen, da sie dachte, dass dort etwas passiert sei. Deshalb kam sie zur Hilfe, genauso wie das Zugpersonal. Steffgen teilte mit, dass sie nach Delmenhorst fahren möchte. „Der Zugchef bemerkte, dass die Reisende unter Atemnot litt und eine Anzeige am Sauerstoffgerät bereits rot blinkte. Da in Delmenhorst zu dieser Zeit keine Aussteighilfe möglich ist und er befürchtete, dass auf der Fahrt ein Notarzt für die Kundin notwendig werden könnte, entschied er sich gegen eine Mitnahme“, so die Bahn in einer Stellungnahme. Steffgen sei angeboten worden, einen Rettungswagen zu bestellen, dies wurde abgelehnt. Danach verließ die Kundin den Bahnsteig.

Inzwischen habe die Bahn Kontakt zu Steffgen aufgenommen, sie möge die Rechnung der entstandenen Kosten einreichen damit eine Entschädigung geprüft werden könne.

Von Gregor Hühne

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