Sibo Kunstreich lud Obdachlose, Weggelaufene und Verbrecher in sein Pfarrhaus ein

„Old Nick“, der „Ganovenpastor“

Ein Mann sitzt neben einem Tisch in einem Sessel und raucht eine Zigarre.
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Sibo Kunstreich hatte sich die Spitznamen „Old Nick“ und „Ganovenpastor“ erarbeitet.

Schönemoor – 21 Jahre lang lebte und wirkte Pastor Sibo Kunstreich in der Kirchengemeinde Schönemoor. 1955 war er mit seiner Frau Luise in das kleine Dorf in der Gemeinde Ganderkesee gekommen. Während dieser Phase hat der Geistliche (Zeit-)Geschichte geschrieben. Denn er kümmerte sich um Verbrecher und Entlaufene, Heimat- und Hoffnungslose. Dies brachte dem gebürtigen Ostfriesen den Namen „Old Nick“ ein, andere nannten ihn den „Ganovenpastor“.

Stets war für Kunstreich das Pfarramt in der Gemeinde die entscheidende Basis für sein Wirken nach dem „Worte Gottes, wie es in der wunderbaren Heiligen Schrift“ dargelegt ist. Dem Schönemoorer Pastor kam es vorrangig auf die Übereinstimmung der Aussage der Heiligen Schrift mit den Werken an. Kunstreich wörtlich: „Sogenannte Sozialarbeit ist notwendig, aber sinnlos“. Sein Einsatz galt den „geringsten Brüdern“, von denen die Bibel spricht. Die Arbeit in seiner Kirchengemeinde reichte ihm nicht. Er wollte mehr. Er kümmerte sich um die aufsässigen, oft ziellos wandernde Generation der „Blumenkinder“ und der „68er“. Er zog durch Jugendheime, Kneipen und Spelunken, besuchte Jugendgefängnisse und Strafanstalten, predigte ihnen dort Gottes Wort und versuchte, sie in geordnete Bahnen zu bringen. Ebenso bot er ihnen an, sie für einige Tage in seiner Pastorei aufzunehmen. Kein Wunder, dass das Schönemoorer Pfarrhaus dank des Wirkens und der Strahlkraft von Kunstreich zu einem Refugium für viele Menschen wurde. Seine Art Menschen zu helfen, sprach sich bei vielen herum, deren Leben verpfuscht war.

Und so ging der Geheimtipp in den Bremer Gefängniszellen von Mund zu Mund: „Wenn du mal nicht weiter weißt, geh zu ,Old Nick‘, der verpfeift dich nicht!“ Wenn jemand in gewissen düsteren Lokalen an der Theke seinem Nachbarn trübselig gestand, dass ihm die Welt bescheiden und er im Besonderen am Ende war, konnte er gewiss sein, dass einer ihm auf die Schulter klopfte und sagte: „Geh mal nach Schönemoor und spreche mit ,Old Nick‘!“ Selbst in den Obdachlosen-Asylen rund um Bremen und Bremerhaven hieß es oft: „Was, haste kein Geld? Weißte was, schlag dich durch bis Schönemoor bei Delmenhorst, da bist du aufgehoben.“

Pfarrhaus stand jedem offen

Der riesenhafte Landpastor mit der leisen, heiseren Stimme hielt nicht viel von Bekehrungs- und Besserungsversuchen, schon gar nicht mithilfe von Suppe und Bratwurst. Aber das große niederdeutsche Pfarrhaus des Seelsorgers von Schönemoor stand jedem offen, der anklopfte „Komfort kann ich meinen Gästen nicht bieten“, sagte der Pastor fast entschuldigend. „Aber ein Dach über den Kopf, einen Platz an unserem Tisch und einen Menschen, der für dich Zeit hat.“ Pastor Kunstreich und seine Frau fragten weder nach einem polizeilichen Führungszeugnis, noch nach dem Vorstrafenregister. „Für mich gilt bei der Beurteilung eines Menschen Gottes Wort und nicht das Strafgesetzbuch“, so der Geistliche. Dies machte im Laufe der Zeit das kleine Schönemoor zu einem Zufluchtsort für zahllose entlassene Strafgefangene, Heimatlose, Bedrängte und Hilflose. Und deshalb wurde Pastor Kunstreich durch bloße Mundpropaganda, zu „Old Nick“, dem „Ganovenpastor“.

Seine Verbindungen zur Bremer Unterwelt waren so ausgezeichnet, dass er etwa einen untergetauchten, jugendlichen Ausreißer mit Hilfe von „Freunden“ oft schneller wiederfand, als Polizei und Jugendamt. So sagte es einer dem anderen, dass er hier Unterschlupf finden konnte. „Auf jeden Fall aber versuche ich, und meist mit Erfolg, ihn von der Sinnlosigkeit einer Ganovenlaufbahn zu überzeugen“, sagte Kunstreich. Und: „Ich bin orthodoxer Lutheraner. Ich spreche nicht nur vom Helfen, sondern ich tue es auch.“ Auf einer großen Tafel erläuterte er den straffällig Gewordenen die Schöpfungsgeschichte. „Ich habe so meine Tricks, um auch den wenig interessierten Zuhörern den Glauben nahe zu bringen. Nur so kann man den Menschen wirklich helfen“, erklärte Pastor Kunstreich.

Egal, ob es Mörder sind

Manchmal konnte sich der „Ganovenpastor“ vor Schutzsuchenden kaum retten und berichtete: „Oft sind es mehr als 20 Gäste, nicht nur Gesuchte, sondern auch junge Künstler, die ich beherberge und auf eigene Kosten bewirte.“ In dem Pfarrhaus (Baujahr 1828) gab es zwölf Zimmer mit 19 Betten. Selbst der Hühnerstall war manchmal belegt. Der Pastor erklärte: „Mir ist es egal, ob darunter ausgerissene Fürsorgezöglinge, schwere und leichte Jungs, Rauschgiftsüchtige oder Mörder sind.“

Manche Einwohner des kleinen Moordorfes gingen nur mit gemischten Gefühlen an dem Pastorenhaus vorbei. Denn sie befürchteten, diese „Ganoven“, die der Pastor anzieht, würden ihnen zu schaffen machen. Als es einmal zu einer öffentlich wirksamen Kampagne gegen ihn kam, gab es sogar eine Dorfversammlung in dem Gasthaus Schönemoor. Auch die Polizei war nicht selten verdrossen, so sagte der Polizeihauptmeister aus Wildeshausen: „Manchmal machte der Ganovenpastor unsere ganze Arbeit zunichte. Wir suchten wochenlang die Leute, die im Bundesfahndungsblatt stehen, und bei ihm steckten sie die Füße unter den Tisch. Wir hätten nur halb so viel Arbeit, wenn uns der Pastor einfach angerufen und uns einen Tipp gegeben hätte. Wir konnten doch nicht jeden Tag bei dem Pastor vorbeifahren und fragen: Haben sie einen Ganoven im Haus?“

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