Hermann Speckmann berichtet über ungewöhnliche Menschen aus der Wildeshauser Geest

Nichts für die „Hochglanzmagazine“

Erinnerungen wachhalten: Autor und Regionalforscher Hermann Speckmann. Foto: Franitza

Ganderkesee – Das Buch hatte Hermann Speckmann schon seit fast zwei Jahren fertig in der Schublade liegen, doch erst jetzt hat es der 82-jährige Ganderkeseer Heimatforscher veröffentlicht. „Menschen und Berichte aus der Wildeshauser Geest – manches rätselhaft bis gruselig“ ist sein zwanzigstes Buch betitelt und handelt von Personen aus der Region, über die er im Laufe seiner langjährigen Arbeiten und Recherchen „gestolpert“ ist. Manche von ihnen kannte er sogar persönlich. „Das waren besondere Charaktere und ungewöhnliche Menschen“, umreißt Speckmann den Personenkreis.

Da finden sich einerseits die mystisch angehauchten Erzählungen von dem „großen Hexenmeister“ aus Welsburg, genannt der „Welsborger Eberhard“, der am 10. April 1858 in Dötlingen beerdigt wurde. Sein bürgerlicher Name lautete Eberhard Heinrich Stolle. Dieser verdiente seinen Lebensunterhalt als Heuermann, berichtet Speckmann. Darüber hinaus sei er jedoch ein weithin bekannter „Besprecher“ gewesen, dem unter anderem zugeschrieben wurde, Krankheiten heilen zu können, so der damalige Volksglaube. Doch wendete er seine Fähigkeiten ebenfalls an, um anderen zu schaden und selbst daraus Nutzen zu ziehen. Gruselig soll seine Bestattung gewesen sein: Ein Blitz fuhr hernieder, schlug in die Friedhofserde ein und legte den Sarg des „Hexenmeisters“ frei. Übersinnliches wurde auch der „Tweern-Marie“ aus Steinkimmen zugeschrieben, der der Autor das Kapitel „De Hökerfro, de bannen kunn“ gewidmet hat.

„Das sind Figuren aus dem plattdeutschen Unterbewusstsein“, erläutert der Heimatforscher. Die Vorstellung, dass Menschen solche Eigenschaften besäßen, gehe auf Glaubensinhalte aus der Bronzezeit zurück und habe sich über die Jahrtausende als „Bei-Glaube“ erhalten – sie existierten sogar neben einem anderen, etwa dem christlichen, weiter. Doch damit könnte es bald ein Ende haben: „Was mich bei der Recherche erschreckt hat, ist der schnelle Überlieferungsverlust“, sagt Speckmann. Habe er vor zehn bis zwanzig Jahren noch Leute getroffen, die um diese Menschen und ihre Geschichten wussten, sei das heute kaum noch der Fall. Die alten Überlieferungsstrukturen seien verloren gegangen, ist er überzeugt.

Doch finden sich auch ganz und gar „irdische“ Gestalten in dem bebilderten Bändchen wieder: Etwa der Kunstmaler Siegfried Nahrmann aus Ganderkesee, der sein Dasein in ärmlichsten Verhältnissen fristete und ein eigentümliches Leben führte. „Sozialhilfe gab es damals nicht“, so Speckmann, der ihn persönlich gut kannte, „er kämpfte täglich um sein Überleben“. Ein wenig Geld verdiente Nahrmann durch Auftragsarbeiten, etwa mit Hitler-Porträts, die er an amerikanische Soldaten in Hamburg verhökerte. 30 Jahre lang war er im Ganderkeseer Fasching aktiv, bemalte Festwagen und Bühnendekorationen.

Von großer Armut und Entbehrungen sprechen auch die Lebensaufzeichnungen von „Willi H.“, Jahrgang 1924, aus Brettorf. Weitgehend unredigiert gibt der Lokalhistoriker die Aufzeichnungen des Mannes wieder – in ihrer einfachen Sprache und in ihrer Direktheit. Die Umstände, unter der dieser damals habe leben müssen, seien heute kaum noch vorstellbar. „Das war kein Leben, das war ein Überleben“, sagt der Ganderkeseer. Jahre später zog „Willi“ nach Bookholzberg, Speckmann kaufte gerne Tomaten bei ihm.

Dankbar zeigt sich der Buchautor für die finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde Ganderkesee und die Kulturförderung des Landkreises Oldenburg. Je 250 Euro hat er von diesen erhalten. Das Geld habe die Veröffentlichung erst ermöglicht. Auch bei der Gemeinde Dötlingen hatte er angefragt, ob diese das kleine Buch in dieser Höhe unterstützen wolle. Einige der Geschichten hätten sich ja dort zugetragen. Doch das Rathaus lehnte schriftlich ab: Die 250 Euro ließen sich angesichts der „angespannten Haushaltslage“ der Kommune nicht erübrigen, habe es geheißen, empört sich der Senior. „Das ist brutale Ignoranz seitens der Gemeinde Dötlingen“, urteilt Speckmann, „sie macht sich an dem Erinnerungsverlust mit schuldig.“

„Das sind Geschichten von unten, die findet man in keinem der Hochglanzmagazine, in denen das Oldenburger Land immer nur als Kulturregion dargestellt wird“, sagt der 82-Jährige. Hat sein Buch also auch einen anarchischen Charakter? „Absolut“, sagt Speckmann und lacht.  fra

Hermann Speckmann, „Menschen und Berichte aus der Wildeshauser Geest“, 88 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-7308-1567-0. Es ist in Buchhandlungen in Ganderkesee sowie in der Gilde-Buchhandlung in Wildeshausen erhältlich.

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