Serie: Kinder, Karriere, Kommunalpolitik

„Kinder sollten uns nicht hindern“

Eine Frau mit einem Kinderwagen steht auf einem Hof
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Wenn es nicht anders geht, muss der Kinderwagen eben mit: Die 31-jährige Mutter will nicht auf ihre politische Arbeit verzichten.

26,5 von 100 Mandaten in der Kommunalpolitik in Niedersachsen sind von einer Frau besetzt. In den Gemeinderäten sowie dem Kreistag des Landkreises Oldenburg sind es nur wenig mehr: 28,1 Prozent. Warum ist das so? In dieser Serie sprechen fünf Kommunalpolitikerinnen über ihre Erfahrungen – mit Gremien und Parteien, der eigenen Familie sowie gesellschaftlichen Hürden. Teil 2: Lara Molde, Kreistagsabgeordnete.

Ein drei Monate altes Baby, das die Mutter nicht gehen lassen will, und eine engagierte Frau, die ihr Kreistagsmandat nicht aufgeben will – für diesen Konflikt hat Lara Molde Ende 2019 eine einfache Lösung gefunden: Sie nahm ihre Tochter mit zur Sitzung. Warum die 31-jährige Stenumerin trotz zwei Kleinkindern an ihrer politischen Arbeit festhält, erzählt sie im Interview.

Sie sind 2005, mit 16 Jahren, in die SPD eingetreten. Haben Sie damals schon darüber nachgedacht, mal für den Kreistag zu kandidieren?

Nein, mit 16 war das eher keine Überlegung. Damals ging es eher darum, sich für eine Disco einzusetzen. Oder wir haben mal rumgescherzt: Wir brauchen einen Burger King in Ganderkesee. Das waren unsere ersten Überlegungen.

Das hat sich inzwischen geändert.

Klar, mit den Kindern gibt es jetzt ganz neue Punkte: Familienpolitik, wie sind unsere Kitastrukturen, was braucht man in der Freizeit für Familien? Da hat sich schon mein Schwerpunkt weg von der Disco hin zu Kitas, Schulen und so weiter entwickelt. Bei der Einrichtung der Hebammenzentrale war ich auch sehr stark engagiert, weil ich selbst gemerkt habe, wo es hakt. Und da wir Frauen unterrepräsentiert sind in den ganzen Gremien, sind solche Themen nicht immer in erster Linie vertreten. Was interessiert sich ein Mann für Hebammen, wenn er nicht gerade Vater geworden ist?

Braucht es diese persönliche Betroffenheit?

Ich glaube schon. Wenn man nicht persönlich betroffen ist, ist man nicht so mit dem Herz dabei. Wenn die Straße nicht vor der eigenen Haustür verläuft, warum muss man dann 100 000 Euro investieren? Das ist einfach so.

Es ist also für bestimmte Themen wichtig, dass mehr Frauen politisch aktiv sind?

Auf jeden Fall. Vor allem junge Frauen, gerade in der Altersspanne zwischen 30 und 40, das fehlt ja komplett. Die auch diesen Spagat machen zwischen Politik, Arbeit, Kindern und Haushalt. All diese Themen finden sicher viele Kreistagsmitglieder wichtig und richtig und gut, weil die eigene Frau zu Hause betroffen ist. Aber wenn man selbst in so einem Gremium sitzt, kann man einen ganz anderen Druck dahinter setzen und versuchen, mit seinen eigenen Worten Überzeugungskraft reinzubringen.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie Ende 2019 Ihr Baby mit zu einer Kreistagssitzung brachten?

Normalerweise bleiben die Kinder immer beim Papa oder ich setze sie bei meinen Eltern ab. Aber zu der Zeit – die Kleine war drei Monate alt und ich habe noch gestillt – hat sie immer wahnsinnig Radau gemacht, wenn ich nicht da war. Und dann stand ich vor der Entscheidung: Entweder ich gehe nicht zu der Sitzung, bleibe zu Hause und nehme nicht weiter am politischen Geschehen teil, oder ich bringe sie einfach mit. Dann dachte ich mir, gut, vielleicht setzt das auch ein Zeichen, dass man die Kinder einfach mal mitbringen kann. Ich glaube, dass das auch wichtig ist für uns Frauen. Dass Kinder uns nicht hindern sollten, weiter zu machen, im Job voran zu kommen und sich auch politisch zu engagieren. Man kann und muss das vereinbaren. Es kann ja auch gerne mal ein Vater sein Kind zur Kreistagssitzung mitbringen.

Wie waren die Reaktionen damals?

Die Reaktionen, die ich mitbekommen habe, waren positiv. Die Großväter haben sich an ihre Enkel erinnert gefühlt und alle Mütter, die da waren, haben zwar mittlerweile große Kinder, aber fanden das gut.

Wie haben Sie die Sitzung mit Baby erlebt?

Es war natürlich wieder eine Doppelbelastung. Jeder kann sich 100-prozentig auf die Sitzung konzentrieren und man selbst, als junge Mutter, muss dann sehen, das man der Sitzung folgt, seine Themen rübergebracht sieht und sich um das kleine Kind kümmert – das ist eine Herausforderung. Im Nachhinein war ich sehr froh, dass es gut geklappt hat.

Aus einer engagierten Jugendlichen ist eine engagierte Frau geworden.

Haben Sie mal überlegt, aufzuhören oder für eine Zeit auszusetzen?

Solche Gedanken kommen schon mal, wenn alles sehr viel ist und man in einer Woche jeden Abend eine Sitzung hat, dazu einen Job, der einen fordert, und dann noch die Kinder. Aber wenn ich jetzt einfach so aufgebe, setzt sich keiner mehr für meine Themen ein. Dann überlasse ich allen das Spielfeld und es läuft alles so weiter.

Gibt es Leute, die Ihnen geraten haben, in dieser Lebensphase, mit Kleinkindern, eine politische Pause zu machen?

Nein, eher nicht. Das hat so keiner gesagt. Ich glaube, alle wissen, dass ich das gerne mache und es mir sehr wichtig ist, mich zu engagieren. Klar muss ich Abstriche machen, gerade abends bei den Sitzungen in der eigenen Partei. Ich bin gerade nicht diejenige, die abends am längsten sitzen bleibt, das geht einfach nicht. Aber das ist nur eine Phase.

Wünschen Sie sich mehr Frauen in der Kommunalpolitik?

Es wäre schön, wenn sich in jeder Partei eine Frau zwischen 30 und 40 aktiv engagiert und auch in die entsprechenden Gremien gewählt wird. So bin ich ja eine Einzelkämpferin bei vielen Themen. Ich glaube, es würde allen Parteien gut tun, junge Frauen frühzeitig zu unterstützen. Aus einer jungen, engagierten Studentin wird dann irgendwann eine junge, engagierte Mutter. Für die Parteien ist es wichtig, familiäre Themenfelder weiter zu besetzen. Und es wäre gut, wenn sich junge Mütter untereinander vernetzen könnten. Ich will ja nicht nur in meinem eigenen Parteidunst kreisen. Themen finden Gehör, wenn viele Parteien sie unterstützen. Und allen Frauen kann ich nur raten, bei der Stange zu bleiben, die Kinder auch mal mitzubringen und zu zeigen: Ich bin nicht nur Kommunalpolitikerin, ich habe auch Kinder. Weil die dazugehören.

Gehört es ebenfalls dazu, sich manchmal durchboxen zu müssen?

Auf jeden Fall, gerade als Frau. Man muss sich durchboxen, darf nicht nachlässig sein und sich nicht kleinreden lassen. Gerade in der Kommunalpolitik. Die passiert halt abends in irgendwelchen Kneipen und dann wird am Tresen nachher nochmal ein Bier getrunken. Ist das etwas, worauf Frauen Lust haben? Dort sind eben meist ältere Herren. Der Durchschnittspolitiker ist knapp an die 60 Jahre alt, männlich, grauhaarig, trinkt gerne Bier und raucht wahrscheinlich. Da darf man dann nicht vergessen, wofür man das Ganze macht.

War es am Anfang schwierig für Sie, sich da hineinzufinden?

Das war schon gewöhnungsbedürftig, diese Ortsvereinssitzungen abends in einer Kneipe, in der man sich auch mit seinen Freunden hätte treffen können. Und dann war ich auch mehr oder weniger die einzige junge Frau, jedenfalls hier in Ganderkesee. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich noch studiert habe, kurz vor einer Prüfung stand und meine Unterlagen dafür dabeihatte. Wir hatten viele Kreistagssitzungen an dem Tag, und dann sagte ein Parteigenosse zu mir: Na, machst du deine Schularbeiten? Herzlichen Dank! Da weiß man ja auch gleich, wie so ein grauhaariger Mann einen sieht: als die Kleine, die die Schularbeiten macht. So etwas sollte man sich nicht gefallen lassen. Aber man soll sich auch nicht abschrecken lassen.

Wie haben Sie damals darauf reagiert?

Ich war erst einmal perplex. Wir kannten uns, und zwar so gut, dass er hätte wissen müssen, dass ich studiere und bestimmt nicht mehr das kleine Mädchen bin, das Schularbeiten macht. Es ist teilweise schon heftig, was da kommt. Da müssen sich vielleicht aber auch die Männer ändern, ein bisschen reflektierter sein und mal schauen, wo das alles hinführt. Ob sie immer in ihrem eigenen Dunstkreis vor sich hin dümpeln möchten oder ob sie auch mal neue Wege gehen müssen.

Ort der Entscheidung: Lara Molde geht seit 2011 im Kreishaus als Abgeordnete ein und aus.

Die SPD-Fraktion im Kreistag ist immerhin mit ebenso vielen Männern wie Frauen besetzt.

Nach der letzten Kommunalwahl haben die Frauen in ihren Ortsvereinen ordentlich abgeräumt und auch gezeigt, dass sie Ellbogen haben. Das ist wirklich positiv. Die SPD arbeitet mit der Quote. Wir sehen ja, wie schlecht es in anderen Parteien oder Gremien läuft. Die Quote ist ein Instrument für die Frauen, um sich durchzusetzen. Es scheint ja auch der richtige Weg zu sein, wenn wir sehen, dass das Verhältnis in der Fraktion 50-50 ist. Solange die Politik eine Männerdomäne ist, muss man sich solcher Sachen bedienen.

Wie kommt es, dass es bei der SPD vor Ort gut klappt?

Ich glaube, da hat jede Frau ihre eigene Geschichte. Es muss ja auch immer wieder Frauen geben, die neue Frauen heranführen. In den seltensten Fällen sagt doch ein Mann: Ich kenne noch eine Frau, die brauchen wir in unserem Ortsverein, weil sie gute politische Gedanken hat und uns voranbringt. Frauen für Frauen, so ist es ja oft. Ich glaube, dass es mit der Zeit so gewachsen ist, dass viele gute Frauen da sind und noch mehr gute Frauen mit reinbringen. Die die anderen an die Hand nehmen und zur Politik führen und zeigen, dass es nicht nur ein Männerfeld ist, wo man in der Kneipe ein Bier trinkt. Sondern dass man auch als Frau wichtige Themen besetzten kann.

Was ist die größte Hürde, die Sie als Frau in der Kommunalpolitik erlebt haben?

Dass man in eine Männerdomäne stößt. Auch, wenn wir jetzt viele Frauen haben, gibt es trotzdem Platzhirsche, mit denen man sich rumärgern muss. Und dann muss ich auch den Mut haben, zu sagen: Halt, stopp, ich bin auch hier. Das war für mich die größte Hürde: Den Mut zu haben, mich durchzusetzen und dabei zu bleiben.

Sind Sie optimistisch, wenn Sie in die Zukunft blicken?

Es ändert sich etwas in der Gesellschaft. Mit Fridays for Future gibt es viele junge Leute, die sich politisch engagieren und politische Gedanken haben. Das ist, glaube ich, der richtige Weg, und ich hoffe, dass bei der nächsten Kommunalwahl viele junge Leute den Weg in die Parlamente finden und dabei bleiben. Und dann kommen auch junge Frauen nach. Das muss ja von unten heranwachsen. Man sagt ja nicht als junge Mutter: Ach, ich habe nichts zu tun, ich geh mal in die Politik.

Können digitale Sitzungen die Vereinbarkeit verbessern?

Die Coronazeit hat es mit sich gebracht, dass man mehr digitale Sitzungen macht, die meist schneller gehen. Man kann ja auch mal um 18 Uhr eine Sitzung machen für eine halbe Stunde – und nicht um 20 Uhr, wenn die Kinder ins Bett müssen. Solche Ideen kommen natürlich auch mit jungen Menschen. Politik nimmt, gerade bei den Älteren, einen Großteil der Freizeitgestaltung ein Denen ist es sehr wichtig, sich persönlich zu treffen. Da sind Jung und Alt noch ein bisschen gespalten. Der Umwelt kommt es auch zugute, wenn wir uns von zu Hause aus absprechen und Sitzungen digital abhalten.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird immer groß geschrieben. Aber bei der Vereinbarkeit von Familie und Kommunalpolitik, gerade für Frauen, muss sich noch einiges tun, gerade beim Zeitfaktor. Man muss ja nicht so lange zusammensitzen. Das Wichtige kann auch kurz und knackig besprochen werden.

Zur Person

Lara Molde, 31, trat 2005 in die SPD ein. 2011 wurde sie in den Gemeinderat Ganderkesee sowie den Kreistag des Landkreises Oldenburg gewählt. Seit 2016 sitzt sie nur noch im Kreistag. Molde hat zwei Kinder, ist derzeit in Elternzeit und will bald ihren Job in einer Steuerberatungsgesellschaft wieder aufnehmen.

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