Ganderkeseer helfen der Australierin Nadia Hareau-Lew bei ihrer Ahnenforschung

Endgültiger Beweis nach mehr als 70 Jahren

Zeitzeuginnen: Hella Behrens (86, links) und ihre Schwägerin Käte Behrens (81, r.) erinnern sich an Nadia Hareau-Lew (Mitte) Vater (alte Fotografie) und die Zeit ihrer Eltern in Schönemoor. Fotos: Gruhn

Ganderkesee – Auf der Suche nach den Spuren ihrer Eltern, die im Zweiten Weltkrieg in der früheren Gemeinde Schönemoor Zwangsarbeit leisten mussten (wir berichteten), ist die Australierin Nadia Hareau-Lew viele große Schritte vorangekommen. Neben Zeitzeugen fand sie unter anderem die Höfe wieder, auf denen ihre Eltern und weitere Verwandte untergebracht worden waren. Höhepunkt war jedoch ein bewegtes Wiedersehen nach 74 Jahren.

Bei ihrem ersten Besuch am 8. Mai hatte Nadia Hareau-Lew, die sich zurzeit mit ihrer französischen Freundin Claude Privat in Europa auf Recherchereise befindet, nur die ungefähren Stationen ihres französischen Vaters Joseph Marie Hareau und ihrer russischen Mutter Vera Krasnonosova entdeckt. Nach den ersten Zeitungsberichten und weiteren Nachforschungen fielen die verbliebenen Fragezeichen jedoch wie Dominosteine.

„Wir standen am Mittwoch – ohne es zu wissen – nur 20 Meter entfernt von dem Hof, auf dem sich das Lager meines Vaters befand“, berichtet Hareau-Lew. Gemeindesprecher Hauke Gruhn, der die beiden Gäste in den Gemeindenorden begleitet hatte, ließ die bewegende Geschichte keine Ruhe, sodass er weiterrecherchierte und dies für unsere Zeitung aufgeschrieben hat. Das Ergebnis: Der Vater Joseph muss auf dem damaligen Hof Nullmeyer, direkt neben dem früheren Schul- und heutigen Kindergartengebäude in Schönemoor, interniert gewesen sein. Dort leben heute Dagmar und Werner Krause. Beim Empfang der beiden Reisenden können sie von der Geschichte ihres inzwischen nicht mehr landwirtschaftlich genutzten Hofes berichten – und zwar anhand von Dokumenten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, aber auch aus eigenen Erinnerungen. Demnach war das Ehepaar Charlotte und Hermann Nullmeyer aus Bremen nach Schönemoor gezogen und hatte schon deshalb einen schweren Stand. „Erschwerend kam hinzu, dass sie ein jüdischen Hausmädchen beschäftigten“, erzählt Werner Krause, der 1945 als Flüchtlingskind in die Gemeinde Schönemoor gekommen war. Am 20. Juni 1935 kam es zu einem Pogrom: Eine größere Gruppe Schönemoorer, angestachelt wohl vom örtlichen NS-Ortsgruppenleiter, ging zum Hof der Nullmeyers. Scheiben wurden eingeworfen, Haus und Hecken demoliert. Die Herausgabe des „Judenmädchens“ wurde verlangt. Das Hausmädchen wurde offenbar noch in derselben Nacht verschleppt, über ihr Schicksal ist nichts bekannt. Wohl im Lichte dieser Vorgeschichte ist es zu verstehen, dass ausgerechnet auf dem Hof Nullmeyer französische Kriegsgefangene interniert wurden, ohne dass diese freilich dort arbeiten durften. Stattdessen hatten sie morgens einen längeren Fußmarsch zu anderen Höfen zurückzulegen.

Untergebracht waren die bis zu 25 Kriegsgefangenen in einem früheren Schweinestall, der bis heute existiert. „Im Laufe der Jahrzehnte ist von den Vorbesitzern viel verändert worden“, berichtet Werner Krause an Nadia Hareau-Lew gerichtet und zeigt ihr einen alten Bauplan des Stalls. Bis heute sind aber einige Gitter an den Fenstern erhalten geblieben und auch Metallelemente an der Tür, die jeden Abend zugesperrt wurde. Wie sie später am Tag erfahren wird, muss Nadia Hareau-Lew gegen Kriegsende, vor ziemlich genau 74 Jahren, selbst einige Zeit mit ihrer Mutter Vera und ihrem französischen Vater Joseph auf dem Hof zugebracht haben. Zunächst aber zeigt Werner Krause ihr ein altes Foto von dem Hof, das aus der Kriegszeit stammt. Darauf ist klein, aber gut leserlich der Hinweis auf das Kriegsgefangenenlager „Stalag XC Kommando 1215“ zu sehen. „Das ist der endgültige Beweis dafür, dass mein Vater hier von 1940 bis 1945 gewesen ist“, sagt die Australierin gerührt.

Ein weiterer Anruf im Rathaus bringt die wohl emotionalste Begegnung der Spurensuche in Ganderkesee hervor. Hella Behrens, geborene Heitshusen, lebt inzwischen in Hude. Die 86-Jährige wuchs direkt neben dem Hof Behrens auf, der immer wieder in den alten Dokumenten von Nadia Hareau-Lew auftaucht. Ihre noch guten Englischkenntnisse erleichtern das Gespräch mit der Besucherin aus dem fernen Sydney. Sofort haben die beiden Frauen einen guten Draht zueinander, nennen sich gleich beim Vornamen und stöbern in alten Fotoalben. „Ich habe deinen Vater noch gut gekannt“, erzählt Hella Behrens ihrem australischen Gast. „Er hat zwar wie deine Mutter auf dem Nachbarhof gearbeitet, aber Joseph hat öfter auch bei uns ausgeholfen.“ Er sei ein sehr netter Mann gewesen, wie ein Familienmitglied, erklärt die frühere Ganderkeseerin, die nach dem Krieg ihren Nachbarsjungen Gerold Behrens geheiratet hatte. „Joseph hat immer so ordentlich gearbeitet, als wäre es sein eigener Hof gewesen.“ Auch daran, dass Vera eines Tages ein Baby hatte, erinnert sich Hella Behrens. „Meine spätere Schwiegermutter Gesine Behrens hat deiner Mutter gezeigt, wie sie dich richtig badet. Die Frauen aus der Gegend haben Babykleidung vorbeigebracht, es gab ja nichts.“ Wie selbstverständlich hätten damals die Gefangenen und Zwangsarbeiter mit an einem Tisch gegessen, obwohl das unter Androhung schlimmster Strafen verboten war. „Bei einer Kontrolle wurden schnell die Tische auseinandergeschoben“, so Behrens.

Beim Blättern in alten Fotobänden schauen sich Hella Behrens und Nadia Hareau-Lew plötzlich fast erschrocken an. „Das kann nicht sein“, entfährt es der Australierin. 16 000 Flugkilometer trennen beide normalerweise – und in ihren Alben finden sich die gleichen Aufnahmen. Darunter auch Fotos, die die in Frankreich aufgewachsene 74-Jährige bislang nicht zuordnen konnte. Für Hella Behrens ein Leichtes: „Das ist Familie Behrens Mitte der 1930er-Jahre“, erzählt sie. Dass nicht etwa Joseph, sondern der russische Zwangsarbeiter Yuri Bulgov der leibliche Vater von Nadia Hareau-Lew ist, war damals niemandem bekannt, erzählt Hella Behrens. Und es blieb, wie berichtet, bis 2003 ein Familiengeheimnis. Die letzte Erinnerung, die Hella Behrens an die Eltern und die kleine Nadia, hat: „Zum Kriegsende hat Joseph Vera und das Baby mit zu seinem Lager nach Schönemoor genommen. Von dort muss es nach Frankreich gegangen sein.“ Der Kontakt brach für 74 Jahre ab.

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