Aus dem Leben eines Slammers: Christian Bruns erzählt über Lyrik, das Rampenlicht und die Selbstzweifel

Der Fünf-Minuten-Poet

Der Dichter und sein Mikrofon: Christian Bruns ist Slammer und Missionar.

Oldenburg - Von Daniel NiebuhrOLDENBURG · Es gibt Momente, in denen Christian Bruns sich fragt, warum er sich das eigentlich noch antut. Diesen Stress auf der Bühne, das launische Publikum und sogar die Poesie. „Dann“, sagt er, „deprimieren mich auch meine eigenen Texte“. Und dann, das weiß er, ist es mal wieder Zeit, sich neu zu erfinden. So wie Slammer es immer tun.

Genau deshalb liebt er schließlich den Poetry Slam, diese schnellste, spontanste aller Sprachkünste, er liebt die Bühne, und er liebt die Poesie. Seitdem er am 23. Mai 2008 in der Exerzierhalle in Oldenburg zum ersten Mal ans Mikrofon getreten ist und seine ersten fünf Minuten Rampenlicht genossen hat, ist er auf den Geschmack gekommen: „Es ist der Spaß, das vorzutragen, was einen beschäftigt – auch Dinge, die eigentlich zu krass sind, um sie weiterzuerzählen“. Doch beim Poetry Slam ist nichts zu extrem. Sprachliche Zwänge existieren nicht, nur zeitliche: Fünf Minuten hat jeder Slammer das Publikum für sich, dann ist der nächste dran. Und wie bei keiner anderen Kunst schwebt über allem permanent der Wettbewerb. „Wenn die Zuschauer die Punkte vergeben, schaut man genau hin“, bekennt Bruns: „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mich eine schlechte Wertung nicht kränkt. Wenn auch nur ein bisschen.“

Und so geht Christian Bruns, der Slam Poet, auf Tour, tritt viermal, manchmal auch sechsmal im Monat auf. Er hat schon viele Bühnen gesehen. Vom Norden bis hinunter zum Bodensee, in verrauchten Kneipen und auf Open-Air-Festivals hat der 28-Jährige schon seine Geschichten erzählt. Sie handeln von Romantischem und Alltäglichem, sind mal lustig, mal aggressiv, aber niemals gleich. „Man sollte nicht zu oft wiederholen“, sagt er, „aus Rücksicht vor dem Publikum und aus Rücksicht vor sich selbst“. Keine einfache Maxime, wenn man so arbeitet wie Bruns. „Manchmal“, erzählt er, „brauche ich Monate für einen Slam von fünf Minuten“. Und nach dem Schreiben kommt das Proben: Der Poet und sein Mikrofon allein im leeren Zimmer. „Ich spreche meinen Text auf Band und höre mir an, wie er klingt. Dabei entdeckt man häufig erstaunliche Dinge.“ Nur keine Reime. Auf die verzichtet der Student, wenn‘s geht: „Das muss bei Lyrik ja auch nicht sein. Nur weil sich was reimt, ist es nicht gleich ein Gedicht.“ Aber auch das muss beim Poetry Slam jeder selbst wissen, „denn jeder Slammer ist anders. Das macht die Faszination aus.“

Für die wird der Dichter zuweilen auch gerne zum Missionar. Mit einigen Gleichgesinnten organisiert Christian Bruns seit zwei Jahren das Slam-Produkt im Oldenburger „Polyester“, am 18. August zum elften Mal. Dann ist er wieder Beobachter und überlässt anderen die Bühne. So dringend braucht er das Rampenlicht dann doch nicht. „Es ist interessant, auch mal den Kollegen zuzuschauen“, meint er: „Beim eigenen Slam trete ich selten auf.“ Die kleine Pause kann er sich auch ruhig mal gönnen. Er weiß ja: Seine nächsten fünf Minuten werden kommen.

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