Genscher erinnert sich ergreifend an das Jahr 1989

„Felsbrocken vom Herzen gefallen“

Hans-Dietrich Genscher erzählte voller Leidenschaft von seinen Erlebnissen.

Oldenburg - OLDENBURG (cs) · Zunächst sah alles nach einer großen „Ostalgie“-Feier aus: Das „famila Einkaufsland“ in Oldenburg-Wechloy war gestern dekoriert mit mehreren alten Trabis, einer nachgebauten Mauer und Wachtürmen. Gut gelaunte „Grenzbeamte“ drückten jedem, der wollte, einen Stempel auf das „Transitvisum“ und auf einer Bühne in der Mitte des Einkaufcenters begrüßte ein fröhlicher Moderator einen angeblichen Polizisten in der Uniform der Deutschen Volkspolizei, bevor er Lebensmittel aus der ehemaligen DDR bewarb. Dieses feierlich-alberne Ambiente änderte sich aber, als Hans-Dietrich Genscher (FDP) die Bühne betrat.

Der 82-Jährige, der von 1974 bis 1992 bis auf eine zweiwöchige Auszeit im Jahr 1982 ununterbrochen deutscher Außenminister war, brachte nicht nur Glanz, sondern vor allem persönliche Erinnerungen mit.

Berühmt wurde Hans-Dietrich Genscher weltweit, als er am 30. September 1989 tausenden DDR-Bürgern, die in der Prager Botschaft verharrten, die Nachricht überbrachte, dass sie ausreisen dürften. Bis das geschafft war, erforderte es viel Kraft.

Genscher, der im Juli 1989 einen Herzinfarkt erlitten hatte, machte sich nach der ungarischen Grenzöffnung im September 1989 auf den Weg zu den Vereinten Nationen nach New York. „Einer meiner Kardiologen war gegen die Reise. Der andere sagte: ‚Wenn er nicht fährt, dann wird er zu Hause verrückt‘ – der kannte mich gut“, erinnert sich Genscher. In New York traf er seinen sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse und den DDR-Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Oskar Fischer. „Mein Gefühl war, dass Fischer wusste, dass etwas passieren musste.“ Schließlich hatten zu dem Zeitpunkt zehntausende Menschen aus der DDR Zuflucht in deutschen Botschaften gesucht. Um keine Zeit zu verlieren, fuhr Genscher sogar einmal mit einem New Yorker Polizeiauto zur Unterkunft Schewardnadses. „Es gab kein Taxi, deshalb haben wir die Polizei angehalten.“ Erst haben die Beamten Genscher nicht mitnehmen wollen, obwohl sie wussten, dass er Deutschlands Außenminister war. „Als wir ihnen aber sagten, dass es um die Flüchtlinge in der Prager Botschaft geht, machten sie das Blaulicht an, und es ging los“, erinnert sich der Liberale.

Genschers Vorschlag, dass die Flüchtlinge in der Botschaft mit dem Zug durch die DDR bis nach Hof in Bayern gebracht werden sollten, habe Fischer zugestimmt. „Das hat mich überrascht, weil die Ausreise so wirken musste, als wenn man mit einer Fackel durch die Scheune geht. Da wird etwas entzündet – und so ist es ja auch passiert.“ Auch wenn seine eigentliche Nachricht in der Prager Botschaft in Jubel unterging, habe zunächst Ablehnung geherrscht, als die Flüchtlinge hörten, dass es über Dresden nach Hof gehen sollte. Doch Genscher versprach, persönlich dafür zu bürgen, dass die Menschen ausreisen durften, er vertraute der DDR-Führung. „Mir ist aber doch ein Felsbrocken vom Herzen gefallen, als ich hörte, dass der Zug in Hof angekommen ist“, erinnerte er sich.

Nach dem Fall der Mauer hatte der heutige FDP-Ehrenvorsitzende großen Einfluss darauf, dass die beiden deutschen Staaten zu einem wurden und am 12. September 1990 der 2+4-Vertrag unterzeichnet werden konnte.

„Die Völker Europas waren sich in ihrer oft blutigen Geschichte nie so einig wie im Herbst 1989“, war sich Genscher sicher. Das man sich friedlich einigen könne, „nicht mit Waffen, nicht mit Kanonen, das ist für mich die geschichtliche Lehre“. Durch die Globalisierung hänge die Welt immer dichter zusammen, es bestehe eine gegenseitige Abhängigkeit. „Europa kann zeigen: Man kann aus der Geschichte lernen“, mahnte Genscher, die Ereignisse nie zu vergessen. Denn die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sei auf dem Kontinent geprägt gewesen von den Weltkriegen, die zweite Hälfte von der Europäischen Einigung. „Im gemeinsamen Vorteil die eigene Chance zu sehen“, das solle jeder Mensch begreifen, forderte Genscher. „Der Vorkrieg beginnt in den Köpfen, dort, wo sich ein Überlegenheitsgefühl einstellt.“ Deshalb sei es die große Aufgabe, die Kinder mit der Überzeugung aufwachsen zu lassen, dass niemand einem anderen überlegen sei und dadurch mehr Rechte habe. Mit diesem Appell beendete Genscher seine ergreifenden Worte.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Wildeshauser spendet Stammzellen an Blutkrebs-Patienten

Wildeshauser spendet Stammzellen an Blutkrebs-Patienten

Wildeshauser spendet Stammzellen an Blutkrebs-Patienten
Noch darf jeder Kunde den Laden betreten

Noch darf jeder Kunde den Laden betreten

Noch darf jeder Kunde den Laden betreten
„Täter sind hochkriminell und skrupellos“

„Täter sind hochkriminell und skrupellos“

„Täter sind hochkriminell und skrupellos“
Deutlicher Protest gegen Querdenker

Deutlicher Protest gegen Querdenker

Deutlicher Protest gegen Querdenker

Kommentare