Vortrag „Kinder brauchen Grenzen“ mit Jan-Uwe Rogge: Rund 150 Eltern lachten, grübelten und sammelten Tipps

„Fahren Sie nicht immer die Weichtour“

Pädagoge und Buchautor Jan-Uwe Rogge hielt den Eltern so manches Mal den Spiegel vor.

Neerstedt - Von Tanja Schneider· Sie haben geschmunzelt, von Herzen gelacht und zwischenzeitlich sogar vor Freude gegrunzt: die rund 150 Eltern, die sich am Dienstagabend zum Vortrag „Kinder brauchen Grenzen“ mit Deutschlands bekanntesten Pädagogen und Buchautor Jan-Uwe Rogge in der Neerstedter Aula eingefunden hatten. „Und wissen Sie was? Kinder mögen lachende Eltern“, so Rogge. „Eltern, die zu Erziehungsvorträgen gehen, finden sie hingegen ätzend.“

Mit seiner unverblümten Erzählweise, mitreißender Gestik und wechselnder Tonlage fesselte Rogge das Publikum von Beginn an. Ungeschönt schilderte er Alltagssituationen, in denen Eltern so manches mal verzweifeln, und erntete dafür zustimmendes Nicken. Immer wieder hielt er den Müttern und Vätern im Saal gnadenlos den Spiegel vor, „damit Sie erkennen, dass Sie als Eltern manchmal ganz schön bescheuert sind“. Und das Beste: „Das dürfen Sie auch mal.“ Eltern müssten nicht perfekt sein, Mütter dürften Fehler machen. „Seien Sie sich ihrer Unvollkommenheit bewusst und vertrauen Sie darauf, dass Sie kompetent sind“, appellierte er.

Dankbarkeit und Demut seien die beiden Begriffe, auf die es bei der Kindereziehung ankomme. „Kinder wollen demütige Eltern. Denn die sind geerdet, wissen, was sie können und was sie nicht können“, erzählte der Autor, der auch das Bundesfamilienministerium in Erziehungsfragen berät. „Seien Sie dankbar, dass Sie dieses Kind haben, und Ihr Kind wird dankbar sein, das es Sie hat.“ Statt am liebsten im Boden versinken zu wollen, wenn der Sohn oder die Tochter Krawall an der Supermarktkasse macht, „stellen Sie sich hin und sagen: ‚Das ist mein Kind.‘ Stehen Sie zu ihm!“.

Dass Kinder ihre Grenzen austesten, sei das Normalste auf der Welt. „Sie lieben das Land hinter der Grenze. Sie müssen sich erproben und auch einmal hinfallen“, so Rogge. „Wenn sie gestürzt sind, möchten sie in den Arm genommen und getröstet werden und nicht hören: ‚Ich hab‘s dir doch gesagt‘.“ Eltern sollten ihre Kinder diese Freiheit kosten lassen, ihnen aber zeigen, dass sie damit auch Verantwortung übernehmen müssen.

Grenzen setzen sei immer eine Zumutung und habe viel mit Respekt zu tun. „Drücken Sie sich Ihrem Kind gegenüber deutlich aus!“, riet Rogge. Sonst sei das Erziehungsdrama in vier Akten zu erleben. Der erste sei der „Bitte-Akt“. „Könntest du bitte irgendwann dein Zimmer aufräumen?“ „Wenn Sie etwas wollen, lassen Sie das ‚Bitte‘ weg“, forderte Rogge. Das sei genauso tabu wie ein säuselndes „Nein“. Eine Neunjährige habe mal zu ihm gesagt: „Solange Mama noch bitte sagt, ist es halb so wild.“ Fruchtet die Bitte nicht, komme häufig ein „Muss ich‘s dir heute noch zweimal sagen?“, gefolgt von „Oder muss ich mal wieder laut werden?“. „Das Kind weiß ohnehin: Machen Sie nicht – wegen der Nachbarn“, so Rogge. Der vierte sei sein Lieblings-Akt. „Man steht neben sich, brüllt und droht, nie wieder Essen zu kochen.“ Und solange man sich anschließend entschuldigt, sei es in Ordnung, auch mal auszuflippen. „Sie müssen nicht immer die pädagogische Weichtour fahren. Kinder drehen schließlich auch mal durch“, gab Rogge zu bedenken. Genauso wie Kinder immer einen drauf setzen, um Grenzen oder Regeln zu überwinden. „Alle anderen dürfen aber.“ Welche Mutter kennt diese Behauptung nicht? „Lassen Sie sich doch mal aufzählen, wer darf, und rufen sie die genannten Kinder an!“, so Rogge. „Ihr Kind wird sich beklagen, wie gemein Sie sind, und Sie antworten einfach: ‚Stimmt‘.“

Weitere Tipps des Pädagogen, der seit mehr als 30 Jahren Eltern berät: „Gönnen Sie sich einen Abend zu zweit, und schicken sie den Nachwuchs zu Oma und Opa! Das mögen auch die Kinder. Denn bei den Großeltern ist es anders als zu Hause. Kinder lieben die Unterschiedlichkeit, deshalb mögen sie auch Väter, denn die sind anders als Mütter.“ Unterschiedlichkeit sollten Eltern dabei aber nicht mit Uneinigkeit verwechseln, sonst spielten die Kinder schnell gegeneinander aus.

„Kennen Sie Vorträge im pädagogischen Konjunktiv?“, fragte Rogge. Eifriges Kopfschütteln im Publikum. „Natürlich, halten Sie jeden Tag“, schrie er durch die Aula. „Du könntest, wenn du wolltest. Du müsstest jetzt mal... – Kinder brauchen Kraft, um die ständig glotzende, diagnostizierenden Eltern zu ertragen“, trieb es Rogge auf die Spitze.

Auch wenn der Autor so manche Situation übertrieben darstellte, die Eltern waren begeistert. „Das war alles andere als trocken“, „Da ist ‘ne Menge Wahrheit dran“ und „Ich hätte nicht gedacht, dass es so witzig ist“, lauteten die Urteile nach dem Vortrag.

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