666 Meldungen von sexuellem Missbrauch in 2009

„Eisberg sind die alltäglichen Fälle“

Kerstin Koletschka, Cornelia de Vries, Birte Fuhrhop-Martenstein, Ingeborg Wibbe und Rita Schilling (v.l.) sind zufrieden mit dem vergangenen Jahr. Gerne würde das Team seine Arbeit weiter ausbauen – allein an finanziellen und personellen Kapazitäten mangelt es.

Oldenburg - OLDENBURG (cs) · 666 Meldungen von sexuellem Missbrauch hat die Beratungsstelle „Wildwasser“ im vergangenen Jahr entgegen genommen – knapp ein Fünftel davon aus dem Landkreis Oldenburg. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet diese Zahl eine Steigerung von 26 Prozent. „Das können wir eindeutig darauf zurück führen, dass wir mehr Präventionsarbeit in Schulen machen“, berichtet Rita Schilling vom „Wildwasser“-Team.

Denn 335 der Meldungen gehen auf sexualisierte Übergriffe im Internet wie Cyber-Sex oder die Zusendung von pornografischem Material zurück. Genau in diesem Bereich setzt beispielsweise das Programm „Chatten – aber sicher?!“ an. 1 375 Schüler hat das Team so erreicht.

„Diese Zahlen sagen aus, dass jeder vierte Schüler Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen im Netz gemacht hat“, erläutert Kerstin Koletschka. „Und ich glaube, dass noch mehr Meldungen kommen würden, wenn wir das Präventionsangebot weiter ausbauen.“ Deshalb sei es auch das Ziel von „Wildwasser“, Projekte wie „Chatten – aber sicher?!“ zu institutionalisieren – beispielsweise, indem jedes Jahr der jeweils sechste Jahrgang betreut werde, blickt Ingeborg Wibbe in die Zukunft. Das Team macht den Jungen und Mädchen auch deutlich, wo sexueller Missbrauch anfängt. „Nämlich bei allem, was nicht angenehm ist für den Betroffenen – sie müssen eigene Grenzen setzen“, betont Schilling. Kerstin Koletschka berichtet außerdem, dass viele die Schuldfrage falsch auffassten. „Wenn ich als Beispiel nenne, dass ein Junge von seiner Freundin Nacktbilder gemacht hat und die nach der Trennung ins Internet stellt – dann sagen die meisten, das Mädchen sei schuld daran, habe sie doch ihr Einverständnis für die Fotos gegeben.“ Falsch, denn „Schuld hat immer der Täter“, betont Koletschka. Gleichzeitig bedeuteten die Projekte auch „Täterprävention“, denn aus einigen Jungen würden jugendliche Täter, die sich ihrer Schuld nicht bewusst würden.

Ein anderer weit verbreiteter Irrtum: „Viele denken immer noch, sexueller Missbrauch bedeute, dass ein Fremder jemanden im Dunkeln vom Fahrrad zieht und vergewaltigt“, so Koletschka. Dabei seien, so Ingeborg de Vries, etwa 80 Prozent der 1 201 Beratungskontakte aus dem vergangenen Jahr Fälle aus dem sozialen Nahraum – also Familien- oder Bekanntenkreis, Schule, Kirche oder Verein. Die Opfer stünden hier in einer hohen Abhängigkeit – häufig drohe der Täter dem Opfer. Umso schwerer sei es für Außenstehende, hier einzugreifen. Jeder, der einen Verdacht habe, könne sich an die Beratungsstelle wenden, betont das Team – rät aber davon ab, gleich eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Denn bei den Ermittlungen trauten sich Opfer oft nicht, etwas zu sagen, betont Ingeborg Wibbe. Ohne diesen einzigen Zeugen könne es kein Verfahren geben. „Die Dinge brauchen Zeit, das Opfer muss das Gefühl haben, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu bekommen“, betont auch de Vries. Deshalb sei es besser, sich an die Beratungsstelle zu wenden – über eine Vertrauensperson könne dann der Kontakt zum Opfer aufgebaut werden.

Das steht bei „Wildwasser“ stets im Vordergrund. „Es wird gerade im Moment – wegen der Missbrauchs-Vorwürfe in Kirchen – viel debattiert, wer wo was gemacht hat. Die Betroffenen aber werden selten in Blick genommen“, so Wibbe. „Das Thema gab es aber nicht nur vor 30 Jahren in kirchlichen Institutionen. Das ist die Spitze des Eisbergs. Der Eisberg selbst sind heute alltägliche Fälle in Schulen, Familien- oder Bekanntenkreis. Wir müssen den Wasserspiegel der Verschleierung und Tabuisierung senken“, fordert Wibbe. Ziel müsse es sein, dass Hilfe so früh wie möglich gegeben werde – „und dass es selbstverständlich wird, über das Thema reden zu dürfen“, sagt Cornelia de Vries.

Dafür will sich das Team auch im kommenden Jahr einsetzen. Sechs Frauen arbeiten bei „Wildwasser“ – allerdings keine von ihnen mit einer vollen Stelle. Die Finanzierung für das laufende Jahr steht. 2011 fürchtet das Team aber einen Rückgang der Förderung, die vor allem von der Stadt und vom Land kommt. „Wir hoffen, kein Opfer von Kürzungen zu werden“, so Schilling.

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