Sage um Norddötlingen

Zwillinge zerstörten einst ein Dorf

Weite Flächen und sandiger Boden: So sah einst die Wildeshauser Geest überall aus.
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Weite Flächen und sandiger Boden: So sah einst die Wildeshauser Geest überall aus.

Heimatforscher und Lokalhistoriker Dirk Faß ist auf eine Sage gestoßen, die von dem Untergang Norddötlingens handelt. Die Geschichte fand er in dem Buch „Die Truhe – Die schönsten Sagen, Märchen und Schwänke aus dem Oldenburger Land“ von der Cloppenburger Schriftstellerin Elisabeth Reinke aus dem Jahr 1956.

Dötlingen – Zwischen Dötlingen, Rittrum und Nuttel, wo noch vor nicht langer Zeit nichts als Heide mit Wacholder und Brahm (Ginster) zu finden war, soll, wie es in der Sage heißt, im 14. Jahrhundert Norddötlingen gestanden haben. Alte Ackerfurchen liefen genau parallel durch die Heide. Hier und dort fanden sich Vierecke von Findlingen, auf denen offensichtlich Häuser gestanden hatten, daneben zerfallene Backofenhöhlen, umwuchert von Dornengestrüpp. Von diesem Dorfe weiß die Sage weiter noch eine erschütternde Märe von Streit und Tod und Untergang.

Dem Bauern Cord aus Norddötlingen wurden eines Tages Zwillinge geboren. Die Mutter starb nach der Entbindung. In der Aufregung vergaßen die Helferinnen, sich den Erstgeborenen der beiden Knaben zu merken und als sie beide in der großen hölzernen Wiege lagen, da fing der Streit um sie an. Auch der Vater konnte nicht seinen Ältesten bestimmen, er hatte in seiner Trauer und Bestürzung um den Tod seiner Ehefrau nicht auf die Kinder geachtet. Es wurde um die beiden kleinen Kerle weiter geredet und gestritten, aber keine Meinung siegte.

Viel Weidefläche stand den Schafsherden damals in der Umgebung zur Verfügung.

Mit den Jahren verlor sich die Ähnlichkeit der Knaben, die anfangs groß gewesen war, immer mehr. Wilke war still und nachdenklich, Wessel aber stur und herrisch. Wilke gab vor Wessel meist nach und Wessel schlug die dörflichen Spielgenossen, wenn sie Wilke schlugen.

Eines Abends im Winter, als draußen der Schnee wirbelte, saßen sie bei der alten Magd, die sie seit ihrer Geburt betreut hatte, am lodernden Herdfeuer. Die Magd spann und erzählte Geschichten von Räubern und Hexen, wie sie unter den Leuten umliefen. „Erzähle uns von unserer Mutter“, bat Wilke plötzlich. Da erzählte die Alte, wie schön und stattlich ihre Mutter gewesen und wie klug und sorgsam und wie sie so jung und frisch habe aus der Zeit gehen müssen.

Wilke saß regungslos, während die Magd berichtete, aber dann sagte er: „Wessel hör, wenn wir auch Zwillinge sind, so muss doch einer zuerst da gewesen sein. Wer von uns beiden ist es?“ Die Magd ließ vor Schreck das Spinnrad stille stehen: „Wer erzählt euch Kindern solche Dinge?“ Als die Knaben still bleiben, seufzte sie: „Oh, diese unklugen Menschen. Lasst euch nicht verwirren, hört ihr. Niemand weiß das und damit gut.“ Ob wirklich nun alles gut war? Beide Knaben vergaßen diese Unterredung nie.

Als sie herangewachsen waren, war Wessel der Beste im Reiten und Ringen, Laufen und Werfen, aber Wilke konnte seine Worte setzen wie keiner und er neckte die Mädchen in Knittelreimen, wenn das Jungvolk unter der Dorflinde saß. Nur im Bogenschießen gaben die Brüder einander nichts nach. Leider liebten sie auch das gleiche Mädchen. Elske hieß sie, und sie horchte gern auf die lustigen Reden des Wilke, bewunderte aber auch Wessels Gewandtheit.

Der „schwarze Tod“ suchte das Dorf heim

Es kam das Jahr 1349 und somit auch der „schwarze Tod“. Eines Tages kam ein Landstreicher nach Norddötlingen. In der Kate, wo der Strolch genächtigt hatte, fing es an, und in kurzer Zeit war die Pest in allen Häusern. Kinder und Greise, junge Leute, Väter und Mütter, eben noch frisch und gesund, starben qualvoll und verlassen. Um 18 Feuerstellen ward es totenstill. Aber seltsam: Wilke und Wessel blieben gesund, flohen auch nicht vor dem Grauen, wie es mehrere Dorfleute taten. Sie halfen dem Pastor von Dötlingen die Toten zu begraben, gingen in die Ställe und jagten das Vieh ins Freie, schlossen die Häuser ab und legten sich selbst im Felde schlafen.

Wochenlang durchstreiften sie mit dem ungebundenen Vieh die Gegend. Dann kamen sie allmählich wieder auf andere Gedanken. Sie gingen zum Dorf, fanden es völlig leer und wenn sie wollten, konnten sie nun davon Besitz ergreifen. Zuerst müsste dann also der Älteste sein Erbteil nehmen, den väterlichen Hof und was ihm sonst noch zukam. Und dann – wer die Elske bekam, würde immer doch der Reichste werden; denn sie brachte ihr Erbe mit. Sie verstummten voneinander. „Soll der Pastor uns helfen, dass wir mit allem zurechtkommen?“, fragte endlich der kluge Wilke. „Ach was, Pastor“, entgegnete Wessel. „Wir müssen jetzt endlich ausmachen, wer von uns als Ältester gelten soll. Los, wir wollen nach der Föhre drüben schießen. Wer am besten mitten in den Stamm trifft, der soll es sein.“ Wilke stimmte zu, und sie schossen ihre Pfeile ab. Sie saßen beide mitten im Stamm. „Gleich gut gezielt“, rief Wessel und war einige Augenblicke ratlos. Da flog eine Schar Krähen über sie hin. „Halt, wer eine im Fluge schießt, soll Sieger sein“, rief Wessel wiederum. Zwei Pfeile flitzten vom Bogen, zwei Krähen taumelten getroffen aus der Luft.

Recht des Älteren per Los entschieden

„Lasst es uns mit Losen versuchen“, riet Wilke. Er holte eine Gerte aus dem Busch, machte daraus zwei ungleiche Stäbe und steckte sie hinter Wessels Rücken in die Erde, dass sie gleich weit herausstanden. Wessel zog den Kürzeren. „Ich bis also der Älteste“, sagte Wilke ruhig, „und bekomme Vaters Hof vorab“. Wessel wurde rot bis zu den Haarwurzeln. Er schrie: „Nimm du Vaters Hof vorab, tu das, aber weißt du, ich bekomme Elske mit allem, was sie hat.“ Wessel stand da wie zum Totschlagen bereit und Wilke wurde blass und still. Ohne noch ein Wort zu sagen, ging er dem Dorfe zu.

Mitternacht rötete ein mächtiger Feuerschein den Himmel. Ganz Norddötlingen brannte lichterloh. Knistern und Krachen und sausende Flammen. Sonst kein Laut. So ging das Dorf gänzlich unbeachtet zugrunde. Als der Tag erschien, war Wilke weit fort in die Fremde gegangen. Als Elske das hörte, weinte sie sich die Augen aus, und als Wessel das sah, verlor er allen Mut. Auch er verließ die Heimat und wurde Landsknecht beim Grafen von Tecklenburg.

Dann träumte die Heide über die Vergangenheit bis zur neuen Zeit mit ihrem neuen Werden und Wachsen. Heute wehen Ähren im Sommerwind über Norddötlingens Grab.

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