Das wundersame Reich der Pilze

Der Buntstielige Helmling wächst bei den Pilzsachverständigen Dafni und Michael Toutziaridou im waldnahen Garten. Fotos: Schneider

Nach den regenreichen Herbsttagen sprießen Hallimasch, Stockschwämmchen und Co. und locken neben Pilzkennern auch Hobbysammler in den Wald. Wer seinen Korb ohne Vorkenntnisse füllt, kann eine böse Überraschung erleben. Wer sich mit Experten auf Tour begibt, erfährt Erstaunliches.

VON TANJA SCHNEIDER

Ostrittrum – Nicht alles, was lecker aussieht, ist auch genießbar. Mitunter ist die vermeidliche Gaumenfreude sogar lebensgefährlich. Das wissen Dafni und Michael Toutziaridou nur zu gut. Seit 2007 sind die beiden Ostrittrumer ehrenamtlich als Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) tätig, bieten Lehrwanderungen in der Region an und stehen über das Giftinformationszentrum-Nord in Vergiftungsverdachtsfällen zur Verfügung.

Dass ihr Telefon klingelt, weil ein vermeintlich giftiger Pilz verzehrt wurde, kommt gar nicht so selten vor. „Wir hatten in diesem Jahr schon mehrere Fälle“, sagt Dafni Toutziaridou. Die Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung reichen von der besorgten Mutter, deren Kind sich am Wegesrand einfach einen Pilz in den Mund gesteckt hat, bis hin zu Krankenhäusern. Melden sich Letztere, sei die Lage durchaus erst. „Dann hat ein Patient nämlich schon Symptome“, erklärt sie. Für die genaue Bestimmung muss der Übeltäter nach Ostrittrum gebracht werden – und zwar nicht nur der Hut, sondern der komplette Pilz. „Eine Beschreibung oder Bilder reichen uns da nicht aus“, so Toutziaridou.

Die Bestimmung sei ohnehin Übungssache und erfordere Erfahrung. Die DGfM hat deshalb auch in einer Pressemitteilung davor gewarnt, sich bei der Pilzbenennung auf Apps oder Bücher und die darin abgebildeten Fotos zu verlassen. „Hierzulande sind mehr als 6 000 Großpilze bekannt, deren variables Aussehen keine App in allen Formen wiedergeben kann“, heißt es seitens der DGfM. Stattdessen wirbt sie dafür, sich solides Grundwissen anzueignen, beispielsweise durch Pilzkurse und auf Lehrwanderungen.

Woher der Hallimasch seinen Namen hat

Toutziaridous bieten diese bereits seit mehr als zehn Jahren an – mit steigender Resonanz. „Denn immer mehr Volkshochschulen haben bei uns angefragt“, erzählt das Paar. Die Touren sind meistens ausgebucht, oft gibt es Wartelisten und nicht selten Teilnehmer mit falschen Vorstellungen. Wer denkt, es gehe vordergründig darum, Speisepilze aufzuspüren und zu ernten, der irrt. „Natürlich sammeln wir auch welche. Uns ist es aber wichtig, die Augen für die Natur zu öffnen und die komplexen Zusammenhänge zu vermitteln“, betont Dafni Toutziaridou. Wer Pilze sammelt, sollte achtsam mit der Natur umgehen und nicht wahllos alles abernten. Immer wieder fragten Teilnehmer auch, warum es giftige Pilze oder Schädlinge überhaupt gibt und wie man sie los wird. „Doch jede Art hat ihren Stellenwert“, sagt die Ostrittrumerin, für die ein Gang durch den Wald wie meditieren ist.

Während der Lehrwanderungen geht es um den Sinn und Zweck im Naturhaushalt, um Interessantes zu den Lebensweisen und zum Nutzen verschiedener Arten. „Leider ist viel altes Wissen verloren gegangen“, sagt Michael Toutziaridou. „Zum Beispiel, dass der Zunderschwamm mal eine wirtschaftliche Bedeutung hatte.“ Der Pilz, der geschwächte Laubbäume befällt, lässt sich zu einem lederartigen Material bearbeiten und diente früher zum Feuermachen.

Auswirkungen der Klimaerwärmung

„Der Hallimasch ist wiederum ein gefürchteter Schädling in der Forstwirtschaft und gleichzeitig auch ein gefragter Speisepilz“, berichtet der Sachverständige. Und seine Frau ergänzt: „Früher wurde er gerne gegessen, um Magen-Darm-Probleme zu beheben.“ Zudem werde ihm eine heilende Wirkung bei Hämorrhoiden zugeschrieben. Der Name Hallimasch lasse sich von „Heil im Arsch“ ableiten.

Mit solchem Hintergrundwissen möchten Toutziaridous ihre Kursteilnehmer zum Lachen bringen und sie über den Aspekt „schmackhaft“ hinaus für Pilze begeistern. „Zudem versuchen wir, alle Sinne zu aktivieren“, sagt die Ostrittrumerin. Wer sich darauf einlässt, könne so manche Überraschung erleben, zum Beispiel Pilze, die nach Marzipan riechen. „Das Spektrum ist enorm“, sagt Michael Toutziaridou.

So fasziniert er von den Gewächsen des Waldes auch ist, auf den Teller kommen Pilze bei ihm eher selten. „Ich mochte sie noch nie besonders“, verrät er. Seine Frau weiß hingegen einen Hallimasch im Gulasch oder eine „Krause Glucke“ zu schätzen. „Am meisten profitieren aber wohl unsere Freunde von unserem Hobby“, meinen sie.

Da viele Speisepilze keinen Frost vertragen, ist die klassische Zeit zum Sammeln im Herbst. „Aber es gibt auch Winterpilze“, berichtet Michael Toutziaridou. „Man kann hier in der Weihnachtszeit durchaus Steinpilze sammeln.“ Zudem wirke sich die Klimaerwärmung auf die ohnehin schon ständig im Wandel befindliche Pilzlandschaft aus. „Die Sommer dauern mittlerweile einfach länger, und wenn der Regen ausbleibt, gibt es auch keine Pilze“, sagt er. Wasser sei der entscheidende Faktor. Aufgrund der Wärme würden beispielsweise Röhrlinge, die ansonsten eher in Süddeutschland wachsen, nun auch vermehrt im Norden auftreten. „Das kann mit einem richtig kalten Jahr aber wieder vorbei sein“, erklärt der Ostrittrumer.

Lehrwanderung

Die Touren am Wochenende sind bereits ausgebucht. Aufgrund der großen Nachfrage bietet die Volkshochschule Wildeshausen aber einen Zusatzkursus am 9. November an. Ab 10 Uhr geht es vom Parkplatz der Dötlinger Grundschule an der Karkbäk entlang des Huntepadds, durch Buchen- und Mischwälder sowie offene Heide- und Kulturlandschaften. Wer dabei sein möchte, sollte sich unter der Telefonnummer 04431/71622 schnell anmelden.

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