Worüber er staunt, womit er hadert

Jugenddiakon Jochen Wecker im Gespräch

Jochen Wecker ist seit zehn Jahren Jugenddiakon in der Gemeinde Dötlingen. - Foto: Schneider

Dötlingen/Neerstedt - Die einen beschreiben es schlicht als vorbildlich, andere sprechen von einem einzigartigen Erfolgsmodell: Die Rede ist von der Zusammenarbeit zwischen Kommune und Kirche. Als 2008 der Kooperationsvertrag unterzeichnet wurde, betraten die Beteiligten Neuland – vor allem in der Jugendarbeit. Die Gemeinde Dötlingen übertrug die Aufgabe, die zuvor ein Verein geleistet hatte, der evangelischen Kirche. Die Arbeit in den Jugendhäusern in Dötlingen und Neerstedt sowie auf dem Bolzplatz in Aschenstedt liegt seitdem in den Händen von Jugenddiakon Jochen Wecker und seinem Team.

In einem Interview blickt er auf ein Jahrzehnt Jugendarbeit in der Gemeinde zurück, spricht über Erlebnisse und Wünsche. Die Fragen stellte Tanja Schneider.

Warum haben Sie sich damals auf die Stelle in Dötlingen beworben? Was hat Sie gereizt?

Jochen Wecker: Ich war zu dem Zeitpunkt schon sechs Jahre lang Leiter des evangelischen Jugendhofes auf Spiekeroog. Ich habe sehr gerne auf der Insel gewohnt, das war ein Privileg. Aber ich habe eine neue Herausforderung gesucht. Hinzu kam die berufliche Situation meiner Frau. Die Kombination von Kirche und Kommune fand ich spannend. Und die Tatsache, dass sie die Stelle gemeinsam ausgeschrieben hatten, ließ eine gute Zusammenarbeit vermuten. Gleich bei den ersten Gesprächen habe ich gespürt: Hier ist Dynamik drin. Ich staune auch heute noch immer wieder über den vertrauensvollen Umgang, der zwischen allen Beteiligten herrscht. Das ist nicht selbstverständlich. Da ist Dötlingen besonders.

Mit welchen Zielen haben Sie ihre Arbeit als Jugenddiakon aufgenommen?

Wecker: Möglichst viele Kinder zu erreichen. Viel Spaß, wenig Ärger.

Auf welches Publikum sind Sie in den Jugendhäusern gestoßen, und wie hat es sich verändert?

Wecker: Die Besucher waren damals deutlich älter. Es kamen größtenteils Jugendliche. Die wenigen Kinder trauten sich manchmal gar nicht hinein. Die Großen waren wiederum genervt von den Kleinen. Heute ist es genau anders herum. Maximal 20 Prozent der Gäste sind über 14 Jahre alt. Sie kommen meistens freitags. Diese Entwicklung hätte ich nie vermutet. Die Kinder sind uns zugeflogen. Die Arbeit mit ihnen schenkt einem viel Positives. Deshalb kann ich damit gut leben, aber im Herzen bin ich Jugendarbeiter.

Wie macht sich der Publikumswandel im Programm der evangelischen Jugend bemerkbar?

Wecker: Es gibt weniger Ausflüge. Mit den Jugendlichen waren wir öfter unterwegs, zum Beispiel beim Bowling oder Kartfahren. Mit Kindern sind solche Programmpunkte deutlich aufwendiger. Deshalb sind sie in den Ferienpass integriert. Die Kinder wünschen sich hingegen mehr Übernachtungsaktionen. Aber auch diese sollen etwas Besonderes bleiben.

Der Ferienpass ist eine Erfolgsgeschichte. Welche Aktionen haben nicht funktioniert und welche Ideen gibt es für die Zukunft?

Wecker: Ins Visier ist gerade die Tannenbaumsammlung geraten – nicht, weil sie nicht gut angenommen wird. Auch Helfer gibt es ausreichend. Das Problem ist, dass sich die Jugendlichen, die auf dem Treckeranhänger mitfahren, hinstellen. Sie sollen und dürfen es aus Sicherheitsgründen nicht, finden es aber cool. Hier suchen wir noch nach einer Lösung. Ab 2019 möchte ich zudem gerne eine Kinderfreizeit in den Herbstferien veranstalten. Sie wäre eine gute Ergänzung zur Osterradtour sowie den Themenwochen im Sommer.

Als Jugenddiakon sind sie in das Konfirmandteam eingebunden? In welchen Bereichen der Jugendarbeit spielt die Religion noch eine Rolle?

Wecker: Sie ist unter anderem bei der Osterradtour, die stets in der Karwoche stattfindet, Thema. Aber natürlich essen wir bei Angeboten wie „Kochen mit Jochen“ keine evangelischen Kartoffeln. Ich denke, dass der Grund, weshalb ich gerne mit Menschen arbeite, auf meine religiösen Wurzeln zurückzuführen ist. Das Gefühl, dass wir Verantwortung füreinander haben und Gutes weitergeben sollten, zum Beispiel Strukturen, die für Kinder sehr wichtig sind. Die Jugendhäuser sollen für die Besucher ein zweites Wohnzimmer sein, in dem sie Probleme abladen, Freunde finden und eine schöne Zeit haben können.

In welchen Bereichen der Jugendarbeit gibt es derzeit Probleme und damit Handlungsbedarf?

Wecker: Seitdem ich hier bin, also seit zehn Jahren, hadere ich mit dem Standort des Neerstedter Jugendhauses. Die Lage direkt am Kreisverkehr und die fehlende Außenanlage sind problematisch. Deshalb gehöre ich zu den Befürwortern eines Mehrgenerationenhauses beim Gemeindezentrum, das auch den Kindern und Jugendlichen Raum bieten würde. Der politische Wille scheint da zu sein, aber die Kosten für den Umbau sind hoch. Das Dötlinger Jugendhaus ist hingegen fantastisch, auch wenn wir dort mal den Boden machen müssen.

Es gibt also nur räumlich Verbesserungsbedarf?

Wecker: Im Prinzip schon. Die Zusammenarbeit und die Strukturen sind super, auch wenn wir mit Honorarkräften arbeiten, die öfter mal wechseln. Das ist für die Kinder natürlich doof. Ich bin aber überrascht, dass wir trotzdem immer wieder engagierte Leute finden.

Wird man eigentlich irgendwann zu alt für die Jugendarbeit?

Wecker: Das ist eine gute Frage, die mir letztens auch mein Bruder gestellt hat. Ich habe ihm geantwortet, dass es wahrscheinlich ein paar Sachen gibt, die man im Alter nicht mehr kann oder gerne macht, zum Beispiel das Toben. Es gibt aber zum Glück Ehrenamtliche, die das gerne übernehmen. Sie sind der Grund, weshalb ich mich nicht zu alt fühle.

Zur Person:

Jochen Wecker ist 54 Jahre alt und seit ziemlich genau zehn Jahren Jugenddiakon in der Gemeinde Dötlingen. Er studierte Sozialwissenschaften in Wuppertal und machte anschließend in Remscheid eine Ausbildung zum Diakon. Insgesamt arbeitete er gut acht Jahre in der nordrhein-westfälischen Stadt, ehe er 2002 die Leitung des evangelischen Jugendhofes in Spiekeroog übernahm. Von der Insel zog es ihn und seine Familie in die Wildeshauser Geest, wo er nicht nur in den Jugendhäusern in Dötlingen und Neerstedt anzutreffen ist. Zu seinen Aufgaben gehört auch viel Verwaltungsarbeit, die Mitwirkung in Gremien und die Organisation von Veranstaltungen. So sammelt er jetzt schon Ideen für die Themenwochen im Sommer 2019, die unter dem Motto „Detektive“ steht. Und auch die Quartiere für die nächste Osterradtour müssen gebucht werden. Was er schätzt, ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Was er nicht mag? „Am Grill stehen“, verrät er.

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