Wilfried Brüning über digitale Revolution

Medienkompetent oder „ferngesteuerte Unterhose“?

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Zur Veranschaulichung seiner Gedanken in der Neerstedter Schulaula holte sich der Regisseur und Medienpädagoge Wilfried Brüning (r.) öfter mal Unterstützung aus dem Publikum nach vorne.

Neerstedt - Von Anja Nosthoff. „Die digitale Revolution können wir nicht stoppen – und warum auch? Sie ist ja keine Katastrophe, die man bekämpfen muss“, begann der Regisseur und Medienpädagoge Wilfried Brüning am Dienstagabend in der Neerstedter Aula seinen Vortrag „Zwischen zwei Welten – Kinder im medialen Zeitalter“.

Eingeladen hatte der Arbeitskreis Pädagogik in der Gemeinde Dötlingen. Brüning wollte die neuen Medien keineswegs verteufeln, machte aber deutlich, dass Kinder erst mit allen Sinnen lernen und in der realen Welt „lebenstüchtig“ werden müssten, bevor sie reif für die virtuelle Welt seien. „Nur so können unsere Kinder später über die Medien bestimmen, statt die Medien über sich bestimmen zu lassen“, so Brüning.

„Fluch und Segen liegen nah beieinander“

Die Eltern, Erzieher und Lehrer verfolgten die Ausführungen geradezu gebannt. Immerhin brachte Brüning seinen Zuhörern seine Botschaft auf nahezu kabarettistische Art und mit zahlreichen Praxisbeispielen nahe, in die auch das Publikum eingebunden wurde. Zwischen allem Schmunzeln und Lachen wurde aber deutlich, wie ernst es dem Pädagogen ist. „Aufgeschlossen gegenüber neuen Medien zu sein und den Konsum seiner Kinder zu begrenzen – das passt sehr gut zusammen“, betonte Brüning.

Es sei kein Zufall, dass die führenden IT-Leute aus dem Silicon Valley ihren Nachwuchs bevorzugt auf Waldorfschulen schickten. Die Kinder so früh wie möglich an die digitale Welt zu gewöhnen, sei gerade der falsche Weg zur Medienkompetenz, die womöglich im späteren Berufsleben benötigt wird. Fernsehen, DVD, Computerspiele, Smartphones, Chats, Facebook, WhatsApp, YouTube, Playstation und Nintendo – alles, was die Mädchen und Jungen gerne nutzten, sei wenig förderlich. „Beim Internet liegen Fluch und Segen nah beieinander“, meinte Brüning. „Einerseits ist es Wissenspool, andererseits Zeiträuber.“

Virtuelle Welt weckt Allmachtsfantasien

In dieser virtuellen Welt seien die Kinder von keinem Gegenüber abhängig. „Sie allein bestimmen, was sie tun – und wenn jemand nervt, wird er einfach weggedrückt“, veranschaulichte der Experte. „Durch diese Allmachtsfantasien werden sie in die Trotzphase und damit auf den Entwicklungsstand eines Dreijährigen zurückgeworfen.“ Das körpereigene Belohnungssystem schütte während des Bildschirmmedienkonsums ständig Dopamin aus. So erlebe das Kind einen Erfolg nach dem anderen.

Das Fatale daran sei, dass es für diese Erfolge nicht wie in der realen Welt den „Weg der Geduld, Anstrengung, Ausdauer und Konzentration“ gehen musste. „Wenn ihr Kind ganz berauscht davon ist, das nächste Level erreicht zu haben, erklären Sie ihm ruhig, dass es in Wirklichkeit eine ferngelenkte Unterhose ist“, riet Brüning. „Es ist der Verdienst der Programmierer, von denen die Erfolge und der Rauschzustand natürlich gewollt sind.“

Zur Kreativität anregende Medien seien „unbegrenzt erlaubbar“

Gleichzeitig habe übermäßiger Konsum ein Sterben der Gehirnzellen zur Folge. „Die Neuronen suchen begierig nach einer Aufgabe – wenn sie keine bekommen, verkümmern sie“, so Brüning. Als Beispiel ließ er „Lukas“ aus dem Publikum mit allen Sinnen eine Zitrone erforschen. Eine weitere Zuschauerin filmte ihn dabei, sodass das Publikum die Erfahrung auf dem Bildschirm verfolgen konnte. Während bei „Lukas“ unzählige Neuronen zu „Wissensmachern“ wurden und diese ihre Erkenntnisse vernetzten, waren beim Publikum im „Glotzmodus“ nur jeweils ein Fünftel des Seh- und des Hörsinns aktiv. Kinder, die mit allen Sinnen lernen, sind laut Brüning wach und verstehen Zusammenhänge.

„Unser Gehirn ist eine Zusammenhangsuchmaschine“, meinte er. „Darum stellen kleine Kinder auch so viele Fragen.“ Der Medienpädagoge verriet dem Publikum aber auch, welche Medien „unbegrenzt erlaubbar“ seien: Dazu gehören für Brüning nicht nur die Lieblingsmusik, Zeitschriften, Bücher und Hörspiele, sondern durchaus auch Digital- und Videokameras sowie Programme wie Adobe Photoshop. „Bei diesem kreativen und schöpferischen Umgang mit Medien lernen die Kinder, wie durch Medien manipuliert werden kann“, gab er zu bedenken.

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