Rückblick auf Zirkuszeit

Wie ich eine Seelöwendompteurin heiratete

„Marcella and the Sea-Lions“ steht auf der alten, abfotografierten Werbung, die Werner Ross stolz zeigt.
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„Marcella and the Sea-Lions“ steht auf der alten, abfotografierten Werbung, die Werner Ross stolz zeigt.

„Irgendwie bin ich da reingerutscht“, erzählt der 84-jährige Werner Ross mit überlegter und ruhiger Stimme. Der gebürtige Cottbuser lebt seit 1967 in Vossberg. Gelandet ist Ross hier, aufgrund einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte.

Vossberg – „Zuerst war ich Tischler in Düsseldorf, das war 1957“, erzählt Ross. Zu der Zeit war er Sportler, Läufer um genau zu sein. In seinem Verein war er einer der Besten, lief 400-, 800-, 1 500- und manchmal auch 5 000 Meter-Strecken so erfolgreich, dass er auch an internationalen Wettkämpfen teilnahm. „Dann bekam ich eine Schleimbeutelentzündung im rechten Bein“, erinnert sich Ross zurück. „Das war im Jahr 1958. Ich habe jahrelang trainiert und die Genesung der Verletzung kann Jahre dauern. Irgendwie habe ich mich in der Zeit dazu entschieden, zum Zirkus zu gehen. Auch, weil man unterwegs war und reisen konnte. Mein Vater war dagegen, ,da kommst du unter die Räder’, meinte er.“ Nachdem Ross versprach, nach der Zirkus-Saison mindestens 1 000 Mark auf seinem Konto zu haben, willigte sein Vater schließlich ein.

Der Zirkus von Willi Hagenbeck war gerade in der Stadt. Einen gelernten Tischler konnte er gebrauchen und so nahm er Ross eine Saison als Handlanger mit. „Das war mein erster Kontakt zur Zirkuswelt. Das Reisen war toll. Damals gab es nicht so viel Tourismus wie jetzt. Ich hatte zwölf Mark pro Tag bekommen und hatte dazu geregelte Arbeitszeiten.“ Es sei eine schöne Zeit gewesen, doch nach der Saison war erst einmal Schluss mit Zirkus. „Nachdem ich meinem Vater die versprochenen 1000 Mark auf dem Konto gezeigt habe, habe ich mich erst einmal wieder mit Tischlerarbeiten in Düsseldorf Überwasser gehalten.“

Der Kontakt zu Hagenbeck sei aber nie abgerissen. Ihm habe er auch zu verdanken, dass er seine künftige Frau Marcella heiratete. „Meine Frau habe ich kennengelernt, als ich der Fahrer von Willi Hagenbeck wurde“, so Ross. Der Zirkusmann wollte den jungen Tischler unbedingt zurück in seine Mannschaft bekommen, da er seine Qualitäten schon gezeigt habe. „Es geht ja immer etwas kaputt bei so einem Zirkus und ich konnte es eben reparieren.“ Hagenbeck wollte sich eines Tages die berühmte Seelöwenshow ansehen, von der er so viel hörte. Marcella, war zu der Zeit auch Teil der Show. „Sie war eine wunderbare Erscheinung in der Manege“, schwärmt Ross. „Wunderschön von den Füßen bis in die Haarspitzen“.

Marcella bei einer ihrer Nummern.

Zirkus von ihrem Vater gelernt

Gelernt mit den Tieren umzugehen, habe sie von ihrem Vater Paul Schmidt. „Er war einer der besten Seelöwendompteure der Welt und wurde später mein Schwiegervater.“ Schmidt sei in den 20er-Jahren in Essen zum Zirkus gekommen. „Zuerst hat er in der Zeche gearbeitet. Er war für ein Pferd Untertage zuständig und schon immer sehr tierlieb gewesen, was zu der Zeit in dem Berufsfeld nicht häufig der Fall war.“ Sein Schwager hätte ihn dann zum Zirkus gebracht. Hagenbeck habe in Essen zu dieser Zeit gerade eine Halle gebaut. „Sein Schwager war Laufbursche und später Requisiteur dort. Er ist dann zu Paul gegangen. Er brauchte ja auch Geld.“ Dort ist er dann durch seine Tierliebe aufgefallen. „Da hieß es, er solle Dompteur werden und so zielstrebig wie er war, hat er zuerst Tierpfleger und dann die Dressur der Tiere erlernt. Dann sollte er sich einfach Tiere aussuchen und eine Nummer machen und er hatte schon immer eine Vorliebe für Seelöwen. So einfach lief das damals.“

Paul Schmidts Frau, Hilde Schmidt, war Balletttänzerin und auch Teil der Zirkusfamilie. „Aber als Tänzerin hast du im Theater nichts verdient. Deswegen ist auch sie Teil der Show geworden. In den 30er-Jahren sind sie nach England gegangen und haben dort geheiratet“, erzählt Ross. Dort ist auch Marcella, seine zukünftige Frau geboren worden.

In der Wintersaison, als die Zirkusfamilie nicht unterwegs sein konnte, hat Ross Marcella sein Auto geliehen. „So entstand der Kontakt“, erzählt er. „Sie arbeitete in der Wintersaison, hatte aber kein Auto um zu ihrer Stelle zu fahren. Da meinte ich zu ihr, sie kann den Wagen erst einmal behalten. Aus Dank kam sie mich öfter besuchen, sie war jetzt ja mobil“, erzählt Ross. Die beiden frisch Verliebten kamen sich näher und irgendwann frage Marcella, ob er nicht mit ihnen mitreisen wollte.

Seelöwen waren in Vossberg untergebracht

„Ich konnte Willi ja nicht einfach so im Stich lassen. Aber ich wollte mitreisen. Er meinte dann ,Junge fahr mit denen mit’. Er wusste wohl auch, dass mich das glücklich machen würde.“ Halb Europa haben sie auf ihren Weg entdecken können. 1966 heiratete das Paar in Alfeld an der Leine, kurz darauf kam ihr Sohn Andreas zur Welt. Während sie im Sommer umherreisten, waren sie im Winter in der Gemeinde zu finden. Marcellas Großmutter wohnte in Vossberg und die Familie Schmidt war schon in den Jahren zuvor in den Wintermonaten regelmäßiger Gast. Kein Wunder also, dass die junge Familie sich auch in Vossberg ansiedelte. „1967 haben wir uns hier polizeilich gemeldet. Wir brauchten eine feste Adresse und ich konnte in den Wintermonaten in den umliegenden Tischlereien zusätzlich Geld verdienen.“ Auch die Seelöwen waren mit dabei. „Die Tiere hatten in unserem Mercedes-Bus einen großen Wassertank. Da gingen die Seelöwen aber nur zum Fressen und zum Spielen rein. Ansonsten waren sie im Vossberg in einem Außengehege untergebracht.“

Fotos von früher hat Ross so einige.

Aber irgendwann war die Zeit gekommen aufzuhören, erzählt der 84-Jährige weiter. Sohn Andreas sollte eine geregelte Schulbildung bekommen. Deshalb wurden die Seelöwen Anfang 1970 an den Zoo Osnabrück verkauft. „Sie haben extra ein Gehege für über 100 000 Mark gebaut. Mit ihnen sind auch wir in Rente gegangen.“ Gearbeitet habe er dann als Fahrer eines Eiergroßhändlers und später als Tischler. „In Wildeshausen, in der Düsternstraße. Aber den Betrieb gibt es heute nicht mehr.“

Das verdiente Geld nutze er, um ein Haus in Vossberg zu bauen. Werner Ross wohnt noch immer dort. Im vergangenen Jahr starb Marcella. „Jahrelang sind wir von Ostern bis November umhergereist. Diese schönen Erlebnisse verbinden uns. Wir waren 55 Jahre verheiratet.“

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