Was bedeutet Lockdown für Suchtkranke?

Chefarzt der Fachklinik Oldenburger Land berichtet, was die Auswirkungen sein können

48 stationäre Behandlungsplätze hat die Fachklinik Oldenburger Land in Neerstedt.
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48 stationäre Behandlungsplätze hat die Fachklinik Oldenburger Land in Neerstedt.

Neerstedt – Kaum Freizeitmöglichkeiten und Kontakt zu anderen Menschen, gewohnte Strukturen, die wegfallen, weniger Möglichkeiten, sich persönlich Hilfe zu suchen und Arbeiten von zu Hause aus: Für Suchtkranke kann die Zeit des Lockdowns gefährliche Auswirkungen haben. Bernd Ströhlein, Chefarzt in der Fachklinik Oldenburger Land in Neerstedt, schildert im Interview, was soziale Isolation für suchtkranke Menschen bedeutet.

Was für eine Einrichtung ist die Fachklinik Oldenburger Land?

Wir sind eine Reha-Klinik für Menschen, die nicht nur an einer Suchterkrankung, sondern zusätzlich auch an einer intellektuellen Beeinträchtigung leiden. Zu uns kommen die Patienten nach einem Entzug, um zu lernen, dauerhaft ohne Suchtmittel zu leben.

Wie viele Menschen sind in Neerstedt aktuell in stationärer Behandlung und wegen welcher Suchterkrankungen?

Wir haben 48 stationäre Behandlungsplätze. Die meisten Patienten leiden an einer Alkoholabhängigkeit. Wir haben aber auch viele Patienten, die sich wegen einer Cannabisabhängigkeit oder auch einer Abhängigkeit von anderen illegalen Drogen, zum Beispiel Heroin, Kokain et cetera behandeln lassen. Vereinzelt therapieren wir auch Patienten mit sogenannten nicht-stoffgebundenen Suchterkrankungen, wie zum Beispiel der Spielsucht.

Wie gefährlich ist der Lockdown für suchtkranke Menschen?

Sehr gefährlich.

Woran liegt das?

Wir wissen inzwischen, dass es bereits während beziehungsweise nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen gekommen ist, unter anderem auch zu einer Zunahme von Suchterkrankungen. Gründe hierfür sind die zunehmende Einsamkeit, aber auch die vermehrte Unsicherheit, die sehr vielen Menschen teils erheblich zu schaffen macht. Es gibt allerdings auch suchtkranke Menschen, die in diesen Zeiten weniger zu Suchtmitteln greifen. Beispielsweise hilft es einigen Alkoholabhängigen, dass Bars, Clubs und Restaurants geschlossen haben.

Chefarzt Bernd Ströhlein

Sind es während der Pandemie mehr Patienten geworden?

Ja. Wir hatten schon vor Beginn der Pandemie eine Warteliste, da Patienten aus ganz Deutschland zu uns kommen. Denn die Fachklinik ist mit ihrer Spezialisierung auf Menschen mit Beeinträchtigung einzigartig in Deutschland. Während der Pandemie ist unsere Warteliste noch länger geworden.

Gibt es in der Coronazeit mehr Todesfälle durch Drogen oder Alkohol?

Leider ja: Wir wissen inzwischen zum Beispiel, dass allein die Zahl der Menschen, die 2020 im Zusammenhang mit illegalen Drogen verstorben sind, um 13 Prozent zugenommen hat. Das heißt, 2020 sind deshalb 1 581 Frauen und Männer gestorben (Quelle: Bundeskriminalamt).

Woran erkennt man, dass man an einer Suchterkrankung leidet?

Wenn man ein starkes Verlangen verspürt, ein Suchtmittel zu konsumieren. Dazu kommen der Kontrollverlust, die Unfähigkeit zur Abstinenz. Oft tritt eine Toleranzbildung auf. Das heißt, Suchtkranke brauchen eine höhere Dosis, um zum Beispiel eine berauschende Wirkung zu erlangen. Häufig treten auch psychische und/oder körperliche Entzugserscheinungen wie Unruhe und Ängste, starkes Schwitzen, Zittern, Kreislaufzusammenbrüche oder epileptische Anfälle auf. Es können auch psychosoziale Folgen auftreten, wie beispielsweise Vernachlässigung von Freizeitaktivitäten und sozialer Rückzug. 

Wie helfen Sie den Patienten in der Klinik, von ihrer Sucht loszukommen?

Zunächst machen wir bei allen Patienten eine ausführliche Diagnostik. Wir klären sie darüber auf, was eine Suchterkrankung ist und welche Folgen diese haben kann. In den Einzel- und Gruppentherapien setzen sich die Patienten aktiv mit ihrer Suchterkrankung und deren gesundheitlichen Folgen auseinander. Es geht zum Beispiel um Fragen wie: Wie bin ich in die Sucht hineingeraten? Warum bin ich suchtkrank? Was kann ich dagegen tun? Wer kann mir wie dabei helfen, einen Weg aus der Sucht heraus zu finden?Auch durch tagesstrukturierende Maßnahmen wie Arbeitstherapie, Beschäftigungstherapie, Sportangebote, Freizeitaktivitäten und so weiter bekommen unsere Patienten wieder mehr Selbstvertrauen und Lebensfreude. Sie erleben, dass sie mit professioneller Unterstützung aus eigener Kraft aus der Sucht heraus zurück in ein suchtmittelfreies Leben kommen können.

Ist die Rückfallgefahr für Menschen, die vor der Pandemie einen Ausstieg geschafft hatten, erhöht?

Ja, leider ist die Pandemie für viele Abhängige ein zusätzlicher Rückfallrisikofaktor, da aufgrund der Pandemie auch das Craving, also das Verlangen nach einem Suchtmittel, oft ansteigt.

Kontakt zur Suchthilfe

Die Fachstelle Sucht im Landkreis Oldenburg berät bei Problemen mit Alkohol, Medikamenten, illegalen Drogen und Spielsucht sowohl Betroffene als auch Angehörige, Arbeitgeber und Einrichtungen. Sie ist unter der Telefonnummer 04431/2964 und per E-Mail an fs-sucht-lkol@diakonie-ol.de zu erreichen. Weitere Informationen zu Suchterkrankungen und Hilfsangeboten gibt es im Internet unter www.dhs.de und www.sucht.de.

Zur Person

Bernd Ströhlein ist 53 Jahre alt und lebt in Oldenburg. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet seit eineinhalb Jahren als Chefarzt in der Fachklinik Oldenburger Land in Neerstedt. 

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