Vortragsreihe der Landwirtschaftskammer

Eine Welt ohne Pflanzenschutzmittel?

+
Kreislandwirt Jürgen Seeger (Zweiter vob links) mit den Referenten der Niedersächsischen Landwirtschaftskammer: Dr. Josef Kuhlmann (l.), Hinrich Rothert, Stefan Knipper und Lisa Wienen (von rechts).

Die Agrarbranche ist im Umbruch. Dies bekommen auch die Landwirte aus der Region immer deutlicher zu spüren. Nicht nur der Klimawandel macht ihnen zu schaffen. Sie müssen sich auch mit immer neuen Vorgaben auseinandersetzen. Eine Möglichkeit, um auf dem Laufenden zu bleiben, bietet die in Dötlingen gestartete Vortragsreihe der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Dötlingen - Von Tanja Schneider. Wie sieht eine Welt ohne Pflanzenschutzmittel aus? Mit dieser Frage läutete Dr. Josef Kuhlmann am Donnerstagvormittag seinen Vortrag über aktuelle Entwicklungen bei der Unkraut- und Schädlingsbekämpfung ein. Mehr als 100 Landwirte, Lohnunternehmer und weitere im Agrarsektor Tätige lauschten im Dötlinger Landhotel sowohl Kuhlmanns Ausführungen als auch den Beiträgen der vier weiteren Referenten der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die in diesem Jahr wieder mit ihrer Veranstaltungsreihe „Aktuelles zum integrierten Pflanzenschutz“ durch die Region tourt. Im Bereich der Bezirksstelle Oldenburg-Süd sind nach dem Auftakt in Dötlingen noch acht weitere Termine geplant.

Wenn es um den Pflanzenschutz geht, ist laut Kuhlmann aufgrund der Gesetzgebung und immer strengeren Zulassungskriterien sehr viel im Umbruch. „Den Landwirten stehen immer weniger Mittel zur Verfügung, was zu erheblichen Veränderungen und Erschwernissen führt“, erläuterte er. „Ganz gravierend ist dies bei der Krankheitsbekämpfung im Getreide.“ Kuhlmann bedauerte, dass in der Öffentlichkeit oft nur das Risiko und selten der Nutzen von Pflanzenschutzmitteln gesehen werde. Dabei würden chemische Stoffe ihren Teil zur Ernährung der Weltbevölkerung beitragen. Sie seien ein Grund, weshalb die Welt-Getreideproduktion (Mais, Weizen, Reis) zwischen den Jahren 1960 und 2012 von 824 auf 2241 Millionen Tonnen gesteigert werden konnte - und dies bei einer kaum erhöhten Anbaufläche.

Angesichts der weiter wachsenden Bevölkerung sei die Frage: Können wir es uns leisten auf Pflanzenschutzmittel und damit einen Teil der Produktion zu verzichten? Die Antwort müsse „Nein“ lauten. Aufgrund von Krautfäule und Viren gäbe es Kartoffeln nur noch in günstigen Jahren und nicht mehr für alle. Zitrusfrüchte, Bananen und Co. wären nicht mehr transportfähig, und die Versorgung mit Obst und Gemüse wäre jährlich stark schwankend sowie einkommensabhängig. „Und Sie können sich schon einmal darauf einstellen, dass Bier und Kaffee dann kaum noch verfügbar wären“, sagte Kuhlmann mit Blick auf Hopfenmehltau, Gerstenkrankheiten und Kaffeerost. Ähnliches gelte für Wein. Kuhlmann betonte, dass ein Verzicht auf Pflanzenschutzmittel nicht nur den konventionellen Anbau treffen würde. Beschönigen wollte der Experte die chemischen Mittel aber auch nicht: „Natürlich gibt es ein gewisses Restrisiko, mit dem wir verantwortungsbewusst umgehen müssen.“ Eine rein mechanische Unkrautbekämpfung sei aber keine adäquate Alternative. Kuhlmann konnte sich nur schwer vorstellen, die 600.000 Hektar Mais in Niedersachsen zu hacken und zu striegeln.

Weitere Themen von Kuhlmann waren die Auflagen, die für landwirtschaftliche Flächen in Gewässernähe gelten sowie Neuerungen bei der Anlage von Blühflächen. „Letzteres ist nun unbürokratischer und damit einfacher“, erläuterte er. Sowohl Kuhlmann als auch Kreislandwirt Jürgen Seeger, der die Zuhörer begrüßt hatte, sprachen von einem schwierigen Jahr 2018. Die Trockenheit habe zu deutlich unterdurchschnittlichen Erträgen und in einigen Bereichen zu schlechterer Qualität geführt. „Der Klimawandel macht sich bemerkbar“, meinte Kuhlmann. Seeger verwies auf Folgeprobleme der vergangenen Ernte: „Viele Betriebe mussten Futter zukaufen.“ Das mache die Produktion teurer, die Preise seien aber kaum gestiegen.

Über Aktuelles zum Maisanbau referierte im Laufe des Vormittags Stefan Knipper, Hinrich Rothert informierte über die Krankheitsbekämpfung im Getreide. Erstmals mit von der Partie war Lisa Wienen. Ihr Thema lautete „Spezialunkräuter kontrollieren“. Dabei ging sie auf diejenigen ein, die besondere Probleme bereiten. Das Spektrum reichte vom Erdmandelgras bis zur Wilden Möhren - inklusive der entsprechenden Herbizidempfehlungen.

Die relativ neue Stoffstrombilanzverordnung erläuterte Klaus Sandbrink. Sie gehört wie das Düngegesetz und die -verordnung zum Düngepaket, das die Bundesregierung 2017 angeschoben hat. Die Verordnung soll Nährstoffflüsse in den Betrieben transparenter machen. Hierfür müssen die Betriebe die Zufuhr über Futter- und Düngemittel, Saatgut, Viehzukauf und Leguminosen-Stickstoffbindung erfassen. Demgegenüber steht die Ausfuhr in Form von pflanzlichen und tierischen Erzeugnissen. Seit 2018 gilt dies für Betriebe mit mehr als 50 Großvieheinheiten oder mit mehr als 30 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche bei einer Besatzdichte von jeweils mehr als 2,5 Großvieheinheiten je Hektar. 2023 könnte dies auch auf viehlose Betriebe mit mehr als 20 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche ausgeweitet werden.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Geld aus Rom: Notstand für Venedig beschlossen

Geld aus Rom: Notstand für Venedig beschlossen

"Death Stranding" im Test

"Death Stranding" im Test

Islamischer Dschihad vereinbart Waffenruhe mit Israel

Islamischer Dschihad vereinbart Waffenruhe mit Israel

Was von der Wut übrig ist - Ein Jahr "Gelbwesten"-Proteste

Was von der Wut übrig ist - Ein Jahr "Gelbwesten"-Proteste

Meistgelesene Artikel

Gänsemarkt in Wildeshausen: „Man sollte das Tier ehren“

Gänsemarkt in Wildeshausen: „Man sollte das Tier ehren“

Fibromyalgie: Keine „Simulantenkrankheit“

Fibromyalgie: Keine „Simulantenkrankheit“

Einsatz in Neerstedt: Großer Abfallhaufen in Flammen

Einsatz in Neerstedt: Großer Abfallhaufen in Flammen

Großbrand in Sandkrug: Nachbarn müssen Häuser verlassen

Großbrand in Sandkrug: Nachbarn müssen Häuser verlassen

Kommentare