Clique wendet sich von ihm ab

Horrorunfall mit zwei Toten: 19-Jähriger verurteilt – „Er muss mit dieser Schuld weiterleben“

Demoliert und ausgebrannt: Den schweren Unfall am 1. September 2019 in Neerstedt überlebten nur zwei der vier Insassen. Nun stand der Fahrer vor Gericht. 
Archivfoto: Nonstopnews
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Demoliert und ausgebrannt: Den schweren Unfall am 1. September 2019 in Neerstedt überlebten nur zwei der vier Insassen. Nun stand der Fahrer vor Gericht.

Es war ein furchtbares Bild, das sich den Einsatzkräften am späten Abend des 1. September 2019 auf der L 872 in Neerstedt bot: Ein völlig demolierter VW Passat stand nach einem Unfall in Flammen. Ersthelfer versuchten, bis zum Eintreffen der Rettungskräfte zwei der vier Fahrzeuginsassen wiederzubeleben. Es gelang nicht.

Neerstedt/Wildeshausen – Eine 19-Jährige und ein 20-Jähriger starben. Sie hatten auf der Rückbank des VW gesessen. Ein 23-jähriger Beifahrer sowie der 18-jährige Fahrer wurden schwer verletzt. Letzterer musste sich am Mittwochnachmittag wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht in Wildeshausen verantworten – und wurde schuldig gesprochen.

Tödlicher Unfall in Neerstedt: Fahrer wollte sich eigentlich nicht hinters Steuer setzen

Dass er viele Fehler gemacht hatte, leugnete der heute 19-Jährige nicht. Er habe sich eigentlich gar nicht hinters Steuer setzen wollen, weil er aufgrund einer vorangegangenen Nachtschicht müde gewesen war. Doch er hatte der Bitte des 23-Jährigen, ihn zu fahren, nachgegeben. Von Wildeshausen aus ging es auf der L 872 in Richtung Neerstedt. Nach Angaben des Angeklagten hatte es an dem Abend stark geregnet. Er habe deshalb schlecht gesehen. Dennoch war er, wie er selbst sagte, mit etwa 130 bis 140 Kilometern pro Stunde unterwegs – auch im Tempo-70-Bereich. Die Kurve beim Neerstedter Ortseingang bemerkte er zu spät. Das Auto sei beim Bremsen ins Schleudern geraten und dann gegen einen Baum geprallt, schilderte er.

Zwei Menschen sterben bei Unfall in Neerstedt: Erinnerungen lückenhaft

Ab dann sind seine Erinnerungen – wohl auch wegen des Schocks – nur lückenhaft. Er habe gemerkt, dass der Wagen im Frontbereich brenne und sei raus. Der 23-jährige Beifahrer, der nicht angeschnallt gewesen war, war aus dem Wagen geschleudert worden, verletzt, aber ansprechbar. Dessen Bruder war noch auf der Rückbank. „Ich habe ihn rausgezogen, konnte aber das Mädchen nicht rausholen, weil die Tür versperrt war“, berichtete der 19-Jährige. Schließlich seien Ersthelfer herbeigeeilt.

Horrorunfall in Neerstedt: Verteidiger spricht von Tragödie

Der Verteidiger sprach von einer Tragödie – und von einer Verkettung unglücklicher Umstände, für die sein Mandant allerdings die Verantwortung zu tragen habe. „Das ist ihm auch bewusst“, sagte er. Der Wildeshauser habe sich schuldig gemacht. Auf Empfehlung des Vertreters der Jugendgerichtshilfe sprachen sich sowohl er als auch der Staatsanwalt für die Anwendung des Jugendstrafrechtes aus. Dieses zielt auf erzieherische Maßnahmen. „Aber was können wir ihm auferlegen, was er nicht schon auf bitterste Art und Weise erfahren hat?“, fragte der Verteidiger. Sein Mandant müsse nicht nur damit leben, dass er zwei Menschen auf dem Gewissen habe.

Nach tödlichem Unfall: Clique wendet sich von Schuldigem ab

Zu dieser ohnehin schon großen emotionalen Belastung käme noch, dass sich seine Clique von ihm abgewandt hat. Der Versuch, Kontakt zu den Familien der Opfer aufzunehmen, sei abgeblockt worden. Sie wollten nicht mit ihm sprechen. Zivilrechtliche Ansprüche könnten noch folgen. Zudem war der Wildeshauser auch selbst schwer verletzt worden, hatte fünf gebrochene Wirbel und musste dreimal operiert werden. Seinem letzten Job konnte er wegen der körperlichen Belastung nicht weiter nachgehen. Mittlerweile hat er einen neuen.

Unfall mit zwei Toten in Neerstedt: Besonders hohes Maß an Fahrlässigkeit

Diese Umstände sowie die Tatsache, dass der Angeklagte nicht vorbestraft ist, berücksichtigte auch der Staatsanwalt. Allerdings forderte er keine Geldauflage von 1500 wie der Verteidiger, sondern von 7 200 Euro sowie den Entzug der Fahrerlaubnis für zwei Jahre. Angesichts der deutlich überhöhten Geschwindigkeit, noch dazu bei schlechter Witterung, der Müdigkeit, scheinbar lauter Musik im Wagen und des Duldens unangeschnallter Insassen sprach der Staatsanwalt von einem besonders hohen Maß an Fahrlässigkeit, das zu ahnden sei.

Auch die Richterin hatte keinen Zweifel am Fehlverhalten des Angeklagten. Es sei die typische Überschätzung eines Fahranfängers gewesen. „Er muss mit dieser Schuld weiterleben“, sagte sie und verurteilte ihn zu einem Fahrverbot von vier Monaten und einer Geldauflage von 3 000 Euro, zu zahlen an den Malteser Hilfsdienst. „Es ist schwer, einen Betrag festzulegen, wenn zwei Menschen ihr Leben lassen mussten“, gestand sie.

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