Hilfe bei Kummer und Konflikten

Anemone Schlüter: „Schulsozialarbeit ist kein Wunderheiler“

Die Tür von Schulsozialarbeiterin Anemone Schlüter steht Kindern, Eltern und Lehrern immer offen. Montags und mittwochs ist sie an der Dötlinger Grundschule zu finden, dienstags, donnerstags und freitags ist Schlüter an der Grund- sowie der Sprachförderschule in Neerstedt. Foto: Schneider
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Die Tür von Schulsozialarbeiterin Anemone Schlüter steht Kindern, Eltern und Lehrern immer offen. Montags und mittwochs ist sie an der Dötlinger Grundschule zu finden, dienstags, donnerstags und freitags ist Schlüter an der Grund- sowie der Sprachförderschule in Neerstedt.

Dötlingen/Neerstedt - Von Tanja Schneider. Nein, ein sozialer Brennpunkt ist weder Dötlingen noch Neerstedt. Ab und an herrscht zwar auch auf den dortigen Schulhöfen das Gesetz des Stärkeren. Schlagen, schubsen oder gar „abziehen“ sind aber keinesfalls an der Tagesordnung. Manch einer mag sich deshalb fragen, warum die Einrichtungen eine Schulsozialarbeiterin benötigen.

„Weil es auch hier immer mehr Kinder gibt, die ihr Päckchen zu tragen haben“, antwortet Andrea Selke. Die Neerstedter Grundschulleiterin hat unter anderem Flüchtlinge sowie Mädchen und Jungen mit schwierigen Familienverhältnissen im Blick. „Der hiesige Muhlehof nimmt nach seiner Umstrukturierung vermehrt Kinder im Grundschulalter auf, die hier den Unterricht besuchen. Zudem haben wir häufiger Schüler, die in Pflegefamilien aufwachsen“, berichtet Selke. Bei einigen zeige sich eine mangelnde Sozialkompetenz. Dies führe zu Reibungen im Schulalltag. In der Neerstedter Grund- sowie der Sprachförderschule, die sich unter einem Dach befinden, sei man sich deshalb einig gewesen: „Schulsozialarbeit ist unverzichtbar.“

Und da die Dötlinger Grundschule ebenso dieser Ansicht ist, teilen sich die drei Einrichtungen eine Stelle. Bewerbungen auf den Posten gab es laut Förderschulleiter Jürgen Möhle trotz der Befristung bis Jahresende reichlich. Die Verantwortlichen entschieden sich für die Oldenburgerin Anemone Schlüter, die nach den Herbstferien begann. Sowohl die Kinder als auch Lehrer und Eltern hätten sie innerhalb kurzer Zeit als Ansprechpartnerin bei Kummer, Sorgen und Fragen akzeptiert. Ihre Ideen und Konzepte kämen gut an. „Wir wünschen uns deshalb, dass die Schulsozialarbeit über das Jahr 2019 hinausgeht“, so Möhle. Julia Janssen von der Dötlinger Grundschule ergänzt: „Es wäre schade, wenn alles verpufft.“

Aber was genau umfasst Schlüters Aufgabenfeld? „Der Schwerpunkt liegt ganz klar im Bereich Prävention“, sagt die zweifache Mutter, die zuvor zehn Jahre lang beim Amt für Jugend und Familie der Stadt Oldenburg tätig war. Schulsozialarbeit sei weder Wunderheiler noch Krisenfeuerwehr. „Natürlich bin ich da, falls es mal knallen sollte und ein Kind ausflippt“, sagt sie. Ziel sei es jedoch, solche Situationen zu vermeiden. Mit diversen Angeboten möchte sie die Kinder in ihrer individuellen, sozialen und schulischen Entwicklung fördern.

Die ersten Wochen hat Schlüter viel beobachtet, saß in den Klassen, um eventuelle „Baustellen“ erkennen zu können. Mittlerweile ist in allen drei Schulen ein Sozialtraining angelaufen. Es geht um Grenzen, Freundschaften und den Umgang mit Aggressionen. „Wir befassen uns mit Fragen wie ,Welche Gefühle gibt es?‘ und ,Woran merke ich, dass jemand traurig ist?‘“, berichtet Schlüter. In den höheren Klassen gibt es zudem Kurzprojekte zu Themen wie Mobbing und Medienkompetenz. „Falls meine Stelle weiterläuft, würde ich gerne ein Programm etablieren, dass aufeinander aufbaut“, sagt sie. „Im besten Fall verlassen die Kinder als sozial kompetente Persönlichkeiten die Grundschule.“

Ihren Teil dazu beitragen sollen auch Angebote wie die derzeit laufenden Streitschlichter-AGs für Drittklässler oder „Gut ankommen“. Letzteres steht von 7.15 bis 7.45 Uhr in Neerstedt auf dem Programm – immer dienstags, donnerstags und freitags. Montags und mittwochs ist Schlüter in Dötlingen. Bei „Gut ankommen“ können die Kinder mit Schlüter quatschen, malen oder spielen. Einige Kooperationsspiele zur Förderung des Teamgeistes hat die Oldenburgerin selbst gebaut. „Sie kommen auch mit, wenn ich im Mai die erste Klassenfahrt begleite“, erzählt sie.

In Neerstedt hängt eine Art Stundenplan an der Tür des eigens für die Schulsozialarbeit hergerichteten Raumes. Er weist auch die Hausaufgabenbetreuung, das „Bonbon“ für vorbildliche Förderschulklassen oder Gruppen sowie Sprechzeiten aus. „Die Schüler wissen, dass sie zu mir kommen können, wenn es ihnen nicht gut geht – und dass ich eine Schweigepflicht habe“, informiert Schlüter. Manche Kinder hätten richtig was auf dem Herzen. „Den einen macht der ständige Streit zwischen Mama und Papa zu schaffen, andere fragen sich, warum die Mitschüler sie nicht mögen“, erzählt sie.

Einzelgespräche führt Schlüter aber nicht nur mit dem Nachwuchs, sondern auch mit Lehrkräften, die Rat brauchen, und mit Eltern. Letzteres in der Regel auf freiwilliger Basis. „Ich fordere da keine Zusammenarbeit. Es ist ein Angebot“, sagt sie. „Sollte ich aber das Gefühl haben, dass das Kindeswohl gefährdet ist, werde ich aktiv.“ Sehr viel laufe allerdings deutlich unter dieser Schwelle. Um Mütter und Väter zu involvieren, plant die Schulsozialarbeiterin Elterncafés. Per Umfrage hat sie bereits das Interesse ausgelotet. „Es kamen erstaunlich viele Rückmeldungen – und auch Themenvorschläge, zum Beispiel Umgang mit sozialen Medien und Pubertät“, verrät sie.

Bereits als 13-Jährige hat Schlüter Kinderfreizeiten begleitet, ist seit Jahrzehnten im sozialen Bereich tätig. Sie ist sich sicher: „Der Umgang unter Kindern hat sich verändert. Der Ton ist rauer geworden.“ Konflikte hätten eine andere Qualität als früher. Oft fehle die Geduld, es werde schneller körperlich. „Früher haben sich Kinder, die sich nicht mochten, in Ruhe gelassen. Heute zeigen sie deutlich, wenn sie jemanden doof finden“, weiß Schlüter. Hier könnten Eltern gegensteuern. Die Lehrkräfte würden es begrüßen. „Denn Erziehungsarbeit ist in den Schulen tendenziell mehr geworden“, bestätigt Möhle.

Weitere Informationen

Anemone Schlüter ist per E-Mail an schulsozialarbeit@doetlingen.de erreichbar. Auskünfte gibt es zudem unter www.grundschule-neerstedt.de in der Rubrik Schulleben/Schule von A bis Z, Schulsozialarbeit.

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