Neerstedter „Nadelöhr“

Mehr als nur eine Masche

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Anke Raapke bietet in ihrem Laden Raum für neue Ideen.

Neerstedt - Von Katia Backhaus. Stricken ist alles andere als out: Im Neerstedter „Nadelöhr“ wird es jeden Freitagnachmittag voll. Inhaberin Anke Raapke lädt Anfängerinnen und Meisterstrickerinnen zur gemütlichen Handarbeitsrunde ein. Dabei geht es nicht nur um Entspannung, sondern auch um Mode und Ehrgeiz.

Dass Stricken vor allem ein Winterthema ist, denkt wohl nur, wer von Nadel und Wolle keine Ahnung hat. Die erste Frage an die gemütliche Handarbeitsrunde, die sich unter dem Motto „Freitags um eins macht jeder seins“ in Anke Raapkes Woll- und Stoffladen „Nadelöhr“ in Neerstedt trifft, ist also schon mal ein Fehlschuss. „Ich stricke sommers wie winters“, sagt Ingrid Rohmann. Die Huntloserin mit der markanten roten Brille macht 365 Tage im Jahr Maschen. In Schaltjahren werden es ohne Zweifel 366 Tage sein. Inhaberin Raapke liebt das Stricken im Sommer sogar besonders: „Wenn man im Garten sitzt und die Insekten summen, dann ist es richtig schön“, schwärmt sie. Gartenarbeit komme ihr nicht dazwischen: „Meine Pflanzen wachsen von selbst.“ Andere aus der Runde stricken in den heißen Monaten zwar weniger, aber ihr Hobby wochenlang beiseite zu legen, kommt für keine infrage.

Die Strickerinnen treffen sich seit November im „Nadelöhr“. Damals bezog Raapke ihre neuen Geschäftsräume, nur ein paar Meter neben dem alten Geschäft. Zahlreiche bunte Stoffsessel geben ihrem Laden den Charme eines Wohnzimmers, es gibt Tee und Kaffee zum Selbstkostenpreis, selbst gemachter „Kalter Hund“ steht auf dem Tisch. „Wir wollen hier Frauen, die was Schönes haben wollen, was Besonderes, und die das sehr gerne selber machen“, sagt Raapke. Für sie geht es auch darum, von Modetrends unabhängig zu sein, Eigenes zu entwerfen und Kleidung so anzufertigen, wie sie der Trägerin passt und gefällt. Stricken ist bei Raapke Lebenseinstellung, Kulturgut und Entspannung zugleich.

Blau oder grün? Ingrid Rohmann (l.) und Irmgard Wessels diskutieren über die Farbe für den Ringelpulli. 

„Das ist so schön für die Seele“, findet auch Gabi Scholz, die an einem hellblauen Dreieckstuch arbeitet. „Da geht viel rein“, pflichtet Huntloserin Rohmann, die gegenüber sitzt, ihr bei. Masche für Masche verarbeite man Ärger, Gedanken und Sorgen. „Wenn ein Pullover ein Buch schreiben könnte, was da alles drin stünde“, sagt sie.

Die „Anfängerinnen und Meisterstrickerinnen“, wie Raapke ihre wöchentlichen Gäste liebevoll nennt, sind auch ehrgeizig. Wer einen Schal strickt, träumt davon, bald einen Pullover oder zumindest ein Paar Socken zu schaffen. Kommt dann jemand herein und zieht ein neues Teil aus dem Strickkorb, wird kritisch begutachtet: Wie sind die Farben, wie ist das Muster, geht es gut voran? Raapke fühlt sich dafür verantwortlich, dass es mit der Umsetzung der Ideen klappt - und steht dabei nicht nur mit Wolle und Farbproben bereit, sondern auch mit der Nadel.

„Wir versuchen hier, Mode zu machen“, sagt Raapke. Und das sieht man auch: Im Schaufenster stehen neben Körben mit Wollknäueln Puppen, die Strickjacken, Schals oder Mützen tragen. Diese Stücke sind selbst gemacht, auch auf Bestellung können Kunden etwas anfertigen lassen. Rohmann etwa strickt häufig für den Laden, eine Jacke samt Schal und Stulpen ist derzeit im Schaufenster zu sehen. Doch die Huntloserin hat eine besondere Klientel entdeckt: Sie strickt Hundepullover.

„Der hier ist für einen kleinen“, sagt sie und hält einen kunterbunten Wollschlauch hoch. Er hat schmale Öffnungen für die Beine und einen breiten Kragen, der den Hundehals wärmen soll. „Man muss grundsätzlich auch zweimal Anprobe machen“, erzählt Rohmann. „Bei diesem hier war zum Beispiel der Kragen zu kurz.“ Sie holt einen mindestens doppelt so großen Schlauch aus braun-schwarzer Wolle. Man kann sich vorstellen, dass der schön warm hält - und dafür zahlen die Kunden gern. Rund 150 Euro kostet der große Hundepullover, das meiste davon sind Materialkosten.

Aber spannender findet die Runde einen grün geringelten Pullover, den Rohmann aus dem Korb zieht. Er ist fast fertig, nur ein Ärmel ist noch auf T-Shirt-Länge. Mit einem Begeisterungsschrei ist Irmgard Wessels bei ihr: „Der ist toll, den will ich auch!“ Und dann geht es los: Kann man die Ringel, oben breit, unten schmal, nicht auch tauschen? Und wie wäre es mit einer anderen Farbe - blau? „Maritim“, wünscht sich die Neerstedterin. Raapke holt ihre Vorräte, dunkelblaue Knäuel. Grün würde auch passen, findet die Runde. Und schon steht Wessels im unfertigen Pullover, Stricknadeln noch am Arm, vor dem Spiegel.

„Schatz, das da unten musst du noch mal auftrennen, das geht so nicht“, kommentiert Raapke und deutet auf den Saum, in dem hell- und dunkelgrün etwas unsauber ineinander übergehen. Rohmann nickt. Seit Wochen ist sie mit dem Pullover beschäftigt, sie hat immer mehrere Projekte gleichzeitig am Wickel.

Blau soll Wessels Pulli werden, aber welche Farbe dazu? Hellgrau? Zu langweilig, findet sie. In der Wollpalette sticht noch ein Curry-Ton heraus. „Gelb ist Thema ohne Ende dieses Jahr“ - Raapke ist begeistert. Zweifel bei Wessels, der Rest ist überzeugt. „Schnucki, aber dieses Gelb!“ Derweil trudeln immer weitere Strickerinnen ein, manche kennen sich schon länger, andere sind ganz neu. Raapke bietet ihnen allen ein wolliges Plätzchen an.

Öffnungszeiten

Die Strickrunde trifft sich jeden Freitag ab 13 Uhr im „Nadelöhr“ Neerstedt. Auch zu den regulären Öffnungszeiten sind Strickbegeisterte willkommen.

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