Konradi und Vieweg sprechen über ihre neue Heimat, die Coronakrise und geplante Projekte

Musikerpaar findet „Ort der Ruhe“

Ein gutes Team: Katharina Konradi und Roland Vieweg beim gemeinsamen Auftritt für „Elphi@Home“ in der Hamburger Elbphilharminie. 
Foto: Selinger
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Ein gutes Team: Katharina Konradi und Roland Vieweg beim gemeinsamen Auftritt für „Elphi@Home“ in der Hamburger Elbphilharminie. Foto: Selinger

Dötlingen – Katharina Konradi und Roland Vieweg strahlen – nicht, weil sie gerade über ihren gemeinsamen Auftritt bei „Elphi@Home“ in der Hamburger Elbphilharmonie oder über Konradis Engagement bei den Bayreuther Festspielen sprechen. Nein, die bekannte Sopranistin und der Dirigent sowie Korrepetitor reden gerade über ihre neue Heimat. Und die ist Dötlingen. Im April zog das Paar von Hamburg an den Dorfring. Weil es beruflich viel unterwegs und von Trubel umgeben ist, suchte es privat nach einem Ort der Ruhe. „Im Internet sprang uns zufällig ein Haus ins Auge“, erzählt Vieweg.

Vor etwa sechs Jahren lernte er Konradi am Theater im bayerischen Hof kennen. Er war Kapellmeister, sie debütierte als Anne Frank in der Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ von Grigori Frid. Anschließend wählten sie einen gemeinsamen Weg – und dieser führte sie im März erstmals nach Dötlingen. „Wir fuhren über den Heideweg ins Dorf. Es sah aus wie im Auenland. Wir haben uns sofort verliebt“, erzählen sie. Konradi gesteht, erst Vorbehalte hinsichtlich des Landlebens gehabt zu haben. Es gebe schließlich viele nicht so schöne Dörfer. Doch Dötlingen mit seinen Reetdachhäusern sei ein Traum.

„Wir haben Lust, uns hier einzubringen“

Das Paar unterschrieb den Mietvertrag und begann mit den Planungen für den Umzug. Innerhalb weniger Tage – zwischen Projekten in Hamburg und einem Konzert im portugiesischen Porto – sollte er erledigt sein. Dann kam die Coronakrise. „Wir hatten plötzlich viel Zeit und eine freie Autobahn“, erinnert sich Konradi, die an diesem Samstag 32 Jahre alt wird. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist sie an der Staatsoper Hamburg engagiert und wird pendeln, wenn der Betrieb wieder startet. Da es für andere Projekte egal sei, von wo sie losreisen, habe einem Umzug nach Dötlingen nichts im Wege gestanden.

Dort weiß das Paar nicht nur die Ruhe und Natur zu schätzen, sondern auch das kulturelle Angebot. „Wir fahren jetzt öfter Fahrrad, lernen Vogelarten kennen, waren bei der Pflanzung eines Baumes dabei, und ich habe in Ostrittrum einen Malkurs begonnen. Das wollte ich immer schon mal machen“, berichtet Konradi von neuen Eindrücken und einer Horizonterweiterung. Auch mit der Dötlingen Stiftung hat das Paar bereits Kontakt aufgenommen. „Wir haben schon Lust, uns einzubringen und würden uns nach der Coronazeit gerne mit dem, was wir können, vorstellen“, sagt Vieweg. Langfristig möchte das Paar ein Forum schaffen, in dem es Kultur präsentieren kann. „Zum Beispiel im Rahmen eines Festivals“, so Konradi. Die Kontakte zu den Künstlern seien vorhanden. Und die Neu-Dötlinger sind zuversichtlich, dass es in der Region auch den entsprechenden Raum dafür gibt.

Auftritt bei „Elphi@Home“

Andere Träume hat sich Konradi längst erfüllt. Sie gilt als erste aus Kirgisistan stammende Sopranistin im Lied-, Konzert- und Opernfach weltweit. Aufgewachsen ist sie „in einem super kleinen Dorf“. Mit 15 Jahren kam sie nach Deutschland, zog mit ihrer Familie nach Pinneberg und begann 2009 eine Gesangsausbildung in Berlin. „Damals war die Elbphilharmonie schon im Bau, und ich habe mir immer vorgestellt, dort einmal zu singen“, verrät sie. Mittlerweile stand Konradi schon häufiger auf der bekannten Bühne. „Beim ersten Mal war die Aufregung unglaublich“, erinnert sie sich. Aber auch den letzten Auftritt werde sie nie vergessen. Zusammen mit ihrem Mann am Klavier war sie bei „Elphi@Home“ zu hören, ein Livestream in Coronazeiten. Auf dem Programm standen Werke von György Kurtág und Robert Schumann. „Das war schon ein besonderes Erlebnis“, bestätigt Vieweg, der an diesem Tag erstmals die Bühne der Hamburger Elbphilharmonie betrat.

Der 44-Jährige ist in Berlin geboren, in Bonn aufgewachsen und hat an der Hochschule für Musik in Rostock Dirigieren und Korrepetition studiert. Sein erstes Festengagement als Studienleiter und Schauspielkapellmeister führte ihn ans Landestheater Neustrelitz. Fünf Jahre war er anschließend am Theater Hagen, ehe er nach Hof kam. Konradi absolvierte nach ihrem Studium in Berlin noch einen Masterabschluss an der Hochschule für Musik und Theater München. Nach ihren Auftritten am Theater Hof wurde sie 2015 für drei Jahre Mitglied im Ensemble des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Vieweg gab seine Stelle in Hof schließlich auf und folgte ihr. Die Distanz sei für die damals noch junge Liebe nichts gewesen. „Deshalb haben wir nach einem gemeinsamen Weg gesucht“, erklärt er. Nach einem Ausflug in die Welt der Barista arbeitet er musikalisch viel mit Konradi zusammen. Er unterstützt sie beim Einstudieren ihrer Rollen, übernimmt den Schriftverkehr, zum Beispiel mit Agenturen, und ab und an treten sie gemeinsam auf.

2021 wieder bei den Bayreuther Festspielen

Infolge ihres Debüts in Hamburg als Ännchen in Webers Freischütz wurde Konradi 2018 als Solistin an der Hamburgischen Staatsoper engagiert. Das Paar zog in den Norden. „Durch das Wohnen in den Städten ist die Erinnerung an das Landleben etwas verloren gegangen. Doch sie kommt jetzt zurück“, meint Konradi. „Ich gehöre aufs Land. Ich kann mich hier besser erden.“

Im vergangenen Jahr war sie unter anderem an der Semperoper in Dresden zu hören, wirkte erstmals bei den Bayreuther Festspielen mit und wurde bei Arte in der Sendung „Stars von morgen“ vorgestellt. Seit Herbst 2018 fördert sie die BBC im Rahmen des New-Generation-Artist-Programms über zwei Jahre mit diversen Engagements und Aufnahmen in Großbritannien. In der Hauptstadt London gab sie gerade ein Konzert, als sie zum ersten Mal die Coronakrise zu spüren bekam. „Ich erhielt per E-Mail die erste Absage. Ich war sehr enttäuscht“, erzählt sie. Auch Mozarts C-Moll-Messe in Porto, Proben und Vorstellungen an der Staatsoper Hamburg für Parsifal und Carmen sowie die Bayreuther Festspiele wurden aufgrund der Pandemie gestrichen. „Das konnte ich kaum glauben. Das war erschreckend“, erinnert sich Konradi.

Normalerweise würde sie kommende Woche nach Lyon fliegen, wo sie ihr Debüt als Susanna in „Le Nozze Di Figaro“ geben wollte. Doch das fällt ins Wasser. Dafür gab sie zusammen mit Vieweg vor rund einer Woche ein Konzert in einem Autokino im münstlerländischen Borken. „Statt Applaus gab es Gehupe“, berichten sie. Beide hoffen, dass zumindest die „Schubertiade“ Mitte Juli in Österreich stattfinden kann. Daneben beginnt, wie Konradi berichtet, ein neues Projekt an der Staatsoper in Hamburg. „Mit nur vier Sängern, sodass wir auf der Bühne Abstand halten können“, sagt sie. Für kommendes Jahr ist der Terminkalender zudem schon gut gefüllt: von einem Tschaikowski-Liederabend im Januar in der Elbphilharmonie über ihr Debüt als Sophie in der Neuproduktion von Strauss‘ Rosenkavalier im Frühjahr an der Bayerischen Staatsoper in München bis hin zu den Bayreuther Festspielen im Sommer. Mal schauen, ob da noch Zeit für einen Auftritt in der neuen Heimat bleibt.

Von Tanja Schneider

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