Autorin widmet sich auch tabuisierten Themen / Tanja Wenz liest im Dötlinger Püttenhus für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Hexenprobe mit Hoffnungsschimmer

In Neerstedt aufgewachsen: Autorin Tanja Wenz. - Foto: Nosthoff

Dötlingen - Von Anja Nosthoff. Berührende Geschichten hielt die Autorin Tanja Wenz am Sonnabend im Dötlinger Püttenhus bereit – nachmittags für Kinder und Jugendliche, abends dann für Erwachsene.

Für Neun- bis 14-Jährige eignet sich „Lea und der Luchs“, ein spannendes Buch über das Überleben in der kanadischen Wildnis – und über die Tiere, denen das Mädchen während ihres Abenteuers begegnet. Abends las Wenz aus der Kurzgeschichtensammlung „Willkommen Hoffnung“ – über Hexenverbrennung, ein indianisches „Wolfsmädchen“, die Emanzipierung des Fahrradfahrens oder die Probleme hinter der coolen Fassade eines rebellierenden Jugendlichen. Ebenso gewährte sie Einblicke in ihr Buch „Die kleinen Sterne leuchten immer – Briefe einer Sternenkindmutter“.

Den Vorleseabend begann Wenz mit der „Hexenprobe“. Die Inspiration zu der Geschichte kam ihr, als ihr Sohn das Thema Hexenverbrennung in der Schule durchnahm. Man schreibt das Jahr 1508. In der Nacht leistet die Hebamme einer Mutter von Drillingen Geburtshilfe. Weil völlig unerwartet sowohl die Gebärende als auch alle Säuglinge überleben, wird die Geburtshelferin tags darauf der Hexerei bezichtigt. Eindrucksvoll schildert Wenz die Grausamkeit und das Vergnügen, das Stadtrat und Bürgermeister in der Folterkammer und während der Hexenprobe an den Tag legen. Die Hebamme wird – an einen Felsbrocken gekettet – in den Fluss geworfen. Doch wie die anderen Kurzgeschichten endet die „Hexenprobe“ mit einem Hoffnungsschimmer. Dabei spielt das von Hildegard von Bingen gegründete Kloster auf dem Rupertsberg eine Rolle.

Wenz wechselte dann in die heutige Zeit und las die Kurzgeschichte „Liebe Mama“, für die sie im Rahmen der Abschlussveranstaltung der Berner Bücherwochen 2016 unter 400 Einsendungen den ersten Preis erhalten hatte. Darin geht es um eine Familie und vor allem um eine Mutter, die sich für die Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter entscheidet, obwohl klar ist, dass ihr Mädchen höchstens zwei Tage leben und vielleicht sogar bereits tot geboren werden wird. Wenngleich die Entscheidung auf viel Unverständnis stößt, weiß die Frau, dass es die richtige war: „Sie hat ihr Leben in meinem Bauch gelebt, hat Liebe empfangen, aber auch Liebe gegeben“, heißt es in einem Briefder Sternenkindmutter. „Freunden von uns ist das übrigens wirklich passiert. Durch die Kurzgeschichte habe ich gemerkt, wie sehr das Thema die Menschen beschäftigt, und aus der Geschichte dann ein ganzes Buch gemacht“, so Wenz, die von Beruf Krankenschwester ist.

Der Autorin liegt vor allem auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehr am Herzen. Ein rebellierender Heranwachsender ist das Thema ihrer Kurzgeschichte „Stay on the roads“. Wenn seine Eltern sich darüber streiten, ob er zu etwas taugt, flüchtet er in die Einsamkeit eines verlassenen Truppenübungsplatzes. Im Wald findet er einen verwahrlosten Hund, der seinem eigenen Leben plötzlich einen neuen Sinn gibt: Er macht es sich zur Aufgabe, für das Überleben des Tieres zu sorgen. Beeindruckt stellt der Tierarzt am Ende der Geschichte fest, mit wie viel Einsatz und Liebe sich der Knabe um den ungeliebten Streuner kümmert: „Dieser Junge ist etwas ganz Besonderes“, lautet das Fazit des Veterinärs, der ihn erst seit ein paar Stunden kennt.

Tanja Wenz, 1972 in Bremen geboren, wuchs in Neerstedt auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie und vielen Tieren in der Pfalz. - an

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