„Kultur Pur“ in Dötlingen

Vom „heißen Weltenliebeslied“

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Sabine von Rothkirch schlüpfte in die Rolle von Else Lasker-Schüler.

Dötlingen - Einen Eindruck von der Atmosphäre im avantgardistischen Künstlertreffpunkt „Café des Westens“ Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin gaben die Schauspielerin Sabine von Rothkirch sowie das Ensemble „Tityre“ mit ihrem Porträt über die jüdisch-deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler am Freitagabend im „Café im Heuerhaus“ in Dötlingen.

Gerti Essing von der Dötlingen Stiftung begrüßte die Künstler zu der „Kultur Pur“-Veranstaltung. Von Rothkirch gastierte bereits zum zweiten Mal in Dötlingen. Im vergangenen Jahr hatte sie das Publikum im Heuerhaus als Sängerin und Schauspielerin mit ihrem Programm „Let’s Swing and Sing!“ begeistert.

Das Porträt über Lasker-Schüler mit dem Titel „Mein Herz – Niemandem“ widmete sich vor allem immer wieder dem einen Thema: der alles beherrschenden Liebe. Als Grundlage diente Lasker-Schülers Prosatext „Mein Herz“, der erstmals 1910 als Briefroman in der Kunstzeitschrift „Der Sturm“ veröffentlicht wurde. Mit dem Schriftsteller Herwarth Walden (mit bürgerlichem Namen Georg Lewin), Gründer und Herausgeber von „Der Sturm“, war Lasker-Schüler von 1903 bis 1912 verheiratet. Sie war es, die ihm sein Pseudonym vorschlug, unter dem er als Herausgeber der avantgardistischen Zeitung bekannt wurde. Allerdings trennte sich das Paar bereits im Jahr 1910. Nach der Scheidung heiratete Walden die Schwedin Nell Roslund.

Die Briefe aus „Mein Herz“, die Rothkirch in der Rolle von Lasker-Schüler vortrug, betitelte die Dichterin mit „Liebe Jungens“ – in den Texten spricht sie als diese „Jungens“ immer wieder Herwarth und „Kurtchen“ an. Vornehmlich sind die Briefe an Ersteren gerichtet, der sich wohl im hohen Norden befindet. In der Fantasie der Dichterin trifft er Eisbären, und sie fragt sich, ob er wohl schon dem berühmten Henrik Ibsen begegnet sei – wenn auch nur in Denkmalform.

Die Briefschreiberin berichtet ihrem Herwarth zwar vom neuesten „Klatsch und Tratsch“ rund um die Kaffeehausöffentlichkeit des „Café des Westens“, um die sich das Leben der Erzählerin zweifelsohne dreht und an die sich Lasker-Schülers Prosatext in der Realität ja auch richtet: Gespannt wartete die Kaffeehausöffentlichkeit wohl stets auf die Fortsetzung von „Mein Herz“ in „Der Sturm“.

Ihre ganze Energie und Leidenschaft legt die Briefschreiberin jedoch vielmehr darin, ihrem Herwarth von ihren zahllosen Liebesabenteuern zu berichten: Von Begegnungen, Gefühlen, Gedanken und Liebesbriefen, die sie schreibt, die sie bekommt oder die von dem Zugedachten abgelehnt werden.

So werden überschwänglich und mit bildhaften Worten ihre Gefühle für einen aktuell Verehrten beschrieben, nur um sich gleich darauf wieder ratlos an Herwarth zu wenden und zu gestehen: „Ich weiß nicht, wen ich liebe.“ Inmitten dieser von Rothkirch meisterhaft vorgetragenen Achterbahn kamen die Zuschauer im Heuerhaus auch in den Genuss zahlreicher Lasker-Schüler-Gedichte, unter anderem rezitierte Rothkirch die Verse von „Viva!“: „Mein Wünschen sprudelt in der Sehnsucht meines Blutes; Wie wilder Wein, der zwischen Feuerblättern glüht“, lauten die ersten Zeilen der ersten Strophe, und weiter: „Ich wollte, du und ich, wir wären eine Kraft; Wir wären eines Blutes; Und ein Erfüllen, eine Leidenschaft; Ein heißes Weltenliebeslied!“

Rothkirchs schauspielerische Vorträge wechselten sich mit der Musik der drei Ensemble-Mitglieder Nicolas Wallach (Oboe), Annette Hermeling (Querflöte) und Michael Turkat (Klavier) ab. Der Musik und den Vorträgen kam eine gleichwertige Rolle zu – die Künstler verstanden es wunderbar, sich gegenseitig zu ergänzen, zur Freude der Zuschauer. J an

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