Onlinekurse und Ängste von Schwangeren

Hebammen-Alltag in Pandemiezeiten - eine Expertin erzählt

Geburtsvorbereitung in Coronazeiten: Wegen der Kontaktbeschränkungen setzt Anja Müntinga derzeit auf Onlinekurse und Tele-Betreuung.
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Geburtsvorbereitung in Coronazeiten: Wegen der Kontaktbeschränkungen setzt Anja Müntinga derzeit auf Onlinekurse und Tele-Betreuung.

Dötlingen – Dass der Laptop mal ihr wichtigster „Mitarbeiter“ wird, hätte Anja Müntinga nie gedacht. Als Hebamme setzte die Dötlingerin bisher immer auf den persönlichen Kontakt. Schließlich ist das Vertrauensverhältnis bei der Beratung und Betreuung von Schwangeren ein wichtiger Faktor. Doch die CoronaPandemie und das damit einhergehende Kontaktverbot zwangen zum Umdenken.

Geburtsvorbereitungskurse in ihrer üblichen Form waren plötzlich undenkbar, der Austausch mit Schwangeren beschränkte sich anfangs auf Telefon oder E-Mail. Es musste schnell eine Lösung her – und die heißt: Onlinekurse sowie Fernbetreuung via Video-Chat. „Und das funktioniert besser, als ich dachte“, gibt Müntinga zu. Mittlerweile seien zwar auch wieder persönliche Beratungen möglich, im Online-Sprechzimmer könne sie sich aber ohne Maske mit den Schwangeren kurzschließen.

Die Dötlingerin lobt in diesem Zusammenhang die Krankenkassen, die sehr rasch reagiert hätten. So gibt es bereits seit dem 19. März eine Regelung zwischen den Berufsverbänden und dem GKV-SV (Spitzenverband Bund der Krankenkassen) zur Tele-Betreuung und Abrechnung, die eine Woche später noch einmal nachgebessert wurde. Müntinga reagierte ebenfalls schnell, richtete mit Unterstützung eine Homepage ein, baute ein Onlineangebot auf und mietete eine Ferienwohnung an, in der sie eine Praxis einrichtete. Dort gibt sie ihre Onlinekurse und empfängt inzwischen auch wieder werdende Eltern.

Zu Beginn der Corona-Pandemie herrschte totale Verunsicherung

Insgesamt habe sich die Lage etwas entspannt, meint die Dötlingerin. Zu Beginn der Pandemie habe bei vielen Schwangeren die totale Verunsicherung geherrscht. „Sie fuhren Kontakte runter, mieden öffentliche Verkehrsmittel und Großraumbüros“, so die Hebamme. Befristete Beschäftigungsverbote gehörten ebenfalls zu den Folgen. Mittlerweile hätten sich viele an die Situation gewöhnt.

Zu den größten Diskussionen hinsichtlich der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus habe die Anwesenheit von Vätern im Kreißsaal gehört. Einige Krankenhäuser ließen sie nicht zu. Der Gedanke, ihr Kind ohne vertraute Person zur Welt bringen zu müssen, habe vielen Schwangeren große Angst bereitet. „Da gab es schon erheblichen Beratungsbedarf“, berichtet Müntinga. Sie selbst hält Väter im Kreißsaal für unheimlich wichtig – auch vor dem Hintergrund, dass die Geburtshilfe personell am Limit sei. Die Dötlingerin hilft Babys im Josef-Hospital in Delmenhorst auf die Welt. „Dort dürfen Väter mit in den Kreißsaal. Sie müssen allerdings ihre Maske auflassen“, erzählt sie. Die Mütter müssten während der Geburt aber keine tragen.

Müntinga selbst setzt auf Eigenschutz und eine FFP3-Maske – nicht nur im Kreißsaal, sondern auch bei anderen Untersuchungen von Schwangeren. „Das war für mich übrigens die größte Überraschung während der Krise – dass es in Deutschland nicht ausreichend Schutzbekleidung gab“, sagt sie. Sie habe ebenfalls Probleme gehabt, Nachschub zu bekommen. Dabei bestehe auch für Hebammen ein großes Ansteckungsrisiko, sollte die Entbindende Covid-19 haben. „Die britische Vogue hatte letztens sogar eine Hebamme auf dem Cover und getitelt ,The new Frontline"“, erzählt die Dötlingerin.

Paare kommen bei einsetzenden Wehen deutlich später in die Klinik

Um längere Aufenthalte und unnütze Kontakte im Krankenhaus zu vermeiden, warteten viele Paare bei einsetzenden Wehen erst einmal ab und kämen somit deutlich später in die Klinik als vor der Coronakrise. „Dadurch haben wir inzwischen viele schnelle Geburten“, weiß die Hebamme. Zudem wollten viele schon nach 24 Stunden wieder nach Hause.

Neben der Geburtshilfe, der Wochenbettbetreuung sowie der Still- und Ernährungsberatungen gehören Hilfen bei Beschwerden zu Müntingas Aufgaben. So hat sie zum Beispiel Tipps parat, wie Hochschwangere die Sommerhitze besser ertragen können. Ein nasses Tuch im Nacken, hochgelegte Beine, Fußbäder und Ruhe könnten helfen. „Das Wichtigste ist aber, ausreichend zu trinken, auch wenn man dann noch häufiger zur Toilette muss“, sagt sie.

Die Geburtsvorbereitungsund Rückbildungskurse bilden einen weiteren Schwerpunkt und liefen online überraschend gut. „Ich war da erst sehr skeptisch, weil ich Zweifel hatte, ob sich auf diese Weise ein Vertrauensverhältnis aufbauen lässt“, erzählt Müntinga. „Doch es funktioniert.“ Die Paare in den Vorbereitungskursen hätten äußerst schnell sehr persönliche Fragen gestellt, von Hemmungen kaum eine Spur. „Ich denke, es liegt an dem vertrauten Umfeld. Die meisten sind im heimischen Wohnzimmer. Da ist der Onlinekurs fast wie ein Fernsehabend“, so die Dötlingerin. Noch nie habe sie so viele Kurse gegeben wie jetzt. Durch die Online-Variante kämen die Teilnehmenden sogar aus Berlin, Düsseldorf, Karlsruhe und München. Ein Paar habe sich letztens aus dem Italien-Urlaub zugeschaltet. Dass die Teilnehmenden aus allen Himmelsrichtungen stammen, mache allerdings ein anschließendes Wiedersehen deutlich schwieriger. „Aber sie tauschen sich online aus“, weiß Müntinga.

Bei den Rückbildungskursen, die oft mit Kind stattfinden, schätzen die Hebamme und vor allem die Frauen die Alltagstauglichkeit der Onlineangebote. „Logistisch ist das wunderbar. Die Frauen brauchen sich nur zuschalten und nicht das Kind eventuell wecken, anziehen, im Auto verstauen und herfahren“, erklärt die Dötlingerin, die sich deshalb gut vorstellen kann, auch nach der Corona-Pandemie noch ein Onlineangebot für die Rückbildung vorzuhalten. „Ich denke, das ist die größte Erfahrung während der Krise: Dass man merkt, was plötzlich alles geht und möglich ist“, sagt Müntinga.

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