Für die „Stiefkinder“ der Medizin

Gunter Burgemeister seit April Leiter der Fachklinik Oldenburger Land

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Der neue Chefarzt der Fachklinik Oldenburger Land, Gunter Burgemeister (Mitte), und sein Team kümmern sich in Neerstedt um Menschen mit Suchterkrankungen.

Neerstedt - Von Phillip Petzold. Ein Kartoffelacker, ein Gurkenfeld, weitläufige Parkanlagen mit sanften Hügeln und Gräben – eine solche Umgebung für die Therapie nutzen zu können, ist selten. In der Fachklinik Oldenburger Land in Neerstedt geht das. Auch aus diesem Grund hat Gunter Burgemeister (59) zum 1. April den Posten des Chefarztes übernommen.

Burgemeister folgt damit auf Jürgen Schichterich, der die Leitung der Einrichtung erst im Januar übernommen hatte. Bei der Begründung des Wechsels hielt sich die Klinik beim Pressegespräch am Dienstag bedeckt: Wechsel seien in der Wirtschaft üblich.

Und so leitet Burgemeister seit etwa zehn Wochen die Einrichtung, in der hauptsächlich intelligenzverminderte Menschen – manche zudem mit psychischen Störungen – mit Suchterkrankungen behandelt werden. Burgemeister möchte mit seiner Arbeit mehr Aufmerksamkeit für das Thema wecken, da diese Menschen oft nicht passend behandelt würden. Bei ihrer Therapie würde die Sucht oft vernachlässigt. „Der kognitive Zustand ist für die Therapie schwierig“, so Burgemeister. Es gelte, die psychische Störung und die Sucht parallel zu behandeln.

Die Einrichtung in Neerstedt ist mit diesem Ansatz eine Besonderheit in Deutschland. „Intelligenzverminderte sind im medizinischen Versorgungssystem Stiefkinder“, so Burgemeister. Das gelte auch für Jugendliche mit Suchtproblemen, die in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn betreut werden. Burgemeister steht auch dieser Einrichtung als Chefarzt vor.

Bis zu 50 Patienten in Neerstedt

In Neerstedt sind derzeit 32 Patienten untergebracht. Ab dem 1. August sind voraussichtlich auch alle fünf Therapeutenstellen besetzt. Dann sollen dort wieder bis zu 50 Erkrankte behandelt werden. Laut Burgemeister ist der Bedarf da, es gebe sogar Wartelisten: „Die Klinik ist sehr speziel.“ Im kommenden Jahr solle außerdem ein Anbau in Angriff genommen werden. Allerdings nicht, um weitere Plätze zu schaffen, sondern um die Einrichtung behindertengerecht zu gestalten.

Mit der neuen Leitung wurde auch der Fokus bei der Behandlung verschoben. So nimmt Gruppentherapeut Simon Richard verstärkt das Freizeitverhalten der Patienten in den Blick. „Für viele ist es schwer, die Freizeit sinnvoll zu gestalten“, erläuterte er. „Vielen fehlt eine innere Struktur.“ So wüssten diese Menschen beispielsweise mit Wochenenden nichts anzufangen und griffen dann zu ihren Suchtmitteln. Um die Verhaltensweisen zu durchbrechen, setzen Burgemeister und sein Team auf heilerzieherische Maßnahmen. Deren Ziel ist es, Patienten so zu behandeln, dass sie in ihrem Alltag zurechtkommen. Dabei sind auch Paarbeziehungen wichtig. „Einsamkeit ist das größte Problem“, berichtete Richard. Viele Patienten hätten Schwierigkeiten einen Partner zu finden, seien „völlig vereinsamt“ oder steckten in dysfunktionalen Beziehungen, die ihnen schaden. Oftmals mit anderen Süchtigen.

Patienten sollen lernen, mit Reizen umzugehen

In der Klinik sollen die Erkrankten lernen, mit Reizen umzugehen, die bei ihnen sonst den Griff zum Suchtmittel auslösen. Das sei bei den meisten Patienten in Neerstedt Alkohol. Doch auch Opiate stünden hoch auf der Liste. Teilweise sei die Sucht eine Folge der Vergabe von Beruhigungsmitteln. „Die sollen nicht auffallen“, so der Chefarzt.

In Neerstedt steht für die Therapie ein breites Spektrum an Möglichkeiten bereit. Um Selbstständigkeit zu erlernen und sich an der eigenen Autonomie zu erfreuen, können die Erkrankten unter anderem in der Küche mithelfen sowie im Garten und auf Gemüsebeeten arbeiten. „Das ist hier ein beeindruckendes Ambiente“, meinte Burgemeister. „Das ist ein wichtiger Faktor für die Genesung.“

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